Freitag, Mai 25, 2007

Exkurs: Wollust vs. Tugend - ein lyrischer Wettstreit

Der Dichterin gewidmet.

Die Wollust.

1.

Die Wollust bleibet doch der Zucker dieser Zeit /
Was kan uns mehr / denn sie / den Lebenslauf versüssen?
Sie lässet trinckbar Gold in unsre Kehle fliessen /
Und öffnet uns den Schatz beperlter Liebligkeit;
In Tuberosen kan sie Schnee und Eiß verkehren /
Und durch das gantze Jahr / die FrühlingsZeit gewehren.
2.

Es schaut uns die Natur als rechte Kinder an /
Sie schenckt uns ungespart den Reichthum ihrer Brüste /
Sie öffnet einen Saal voll zimmetreicher Lüste /
Wo aus des Menschen Wunsch Erfüllung quellen kan.
Sie legt als Mutter uns / die Wollust in die Armen /
Und läst durch Lieb und Wein den kalten Geist erwarmen.
3.

Nur das Gesetze wil allzu Tyrannisch seyn /
Es zeiget iederzeit ein widriges Gesichte /
Es macht des Menschen Lust und Freyheit gantz zunichte /
Und flöst vor süssen Most uns Wermuthtropffen ein;
Es untersteht sich uns die Augen zuverbinden /
Und alle Liebligkeit aus unser Hand zuwinden.
4.

Die Ros' entblösset nicht vergebens ihre Pracht /
Jeßmin wil nicht umsonst uns in die Augen lachen /
Sie wollen unser Lust sich dienst- und zinsbar machen /
Der ist sein eigen Feind / der sich zu Plagen tracht;
Wer vor die Schwanenbrust ihm Dornen wil erwehlen /
Dem muß es an Verstand und reinen Sinnen fehlen.
5.

Was nutzet endlich uns doch Jugend / Krafft und Muth /
Wenn man den Kern der Welt nicht reichlich wil genüssen /
Und dessen Zuckerstrom läst unbeschifft verschüssen /
Die Wollust bleibet doch der Menschen höchstes Guth /
Wer hier zu Seegel geht / dem wehet das Gelücke /
Und ist verschwenderisch mit seinem Liebesblicke.
6.

Wer Epicuren nicht vor seinen Lehrer hält /
Der hat den Weltgeschmack / und allen Witz verlohren /
Es hat ihr die Natur als Stiefsohn ihn erkohren /
Er mus ein Unmensch seyn / und Scheusaal dieser Welt;
Der meisten Lehrer Wahn erregte Zwang und Schmertzen /
Was Epicur gelehrt / das kitzelt noch die Hertzen.


Die Tugend.

1.

Die Tugend pflastert uns die rechte Freudenbahn /
Sie kan den Nesselstrauch zu Lilgenblättern machen /
Sie lehrt uns auf dem Eis und in dem Feuer lachen /
Sie zeiget wie man auch in Banden herrschen kan /
Sie heisset unsern Geist im Sturme ruhig stehen /
Und wenn die Erde weicht / uns im Gewichte gehen.
2.

Es giebt uns die Natur Gesundheit / Krafft und Muth /
Doch wo die Tugend nicht wil unser Ruder führen /
Da wird man Klippen / Sand und endlich Schifbruch spüren /
Die Tugend bleibet doch der Menschen höchstes Gutt /
Wer ohne Tugend sich zu leben hat vermessen /
Ist einem Schiffer gleich / so den Compaß vergessen.
3.

Gesetze müssen ja der Menschen Richtschnur seyn /
Wer diesen Pharus ihm nicht zeitlich wil erwehlen /
Der wird / wie klug er ist / des Hafens leicht verfehlen;
Und läuffet in den Schlund von vielen Jammer ein /
Wem Lust und Uppigkeit ist Führerin gewesen /
Der hat vor Leitstern ihm ein Irrlicht auserlesen.
4.

Diß / was man Wollust heist / verführt und liebt uns nicht /
Die Küsse so sie giebt / die triffen von Verderben /
Sie läst uns durch den Strang der zärtsten Seide sterben /
Man fühlet wie Zibeth das matte Hertze bricht /
Vergifter Hypocras wil uns die Lippen rühren /
Und ein ambrirte Lust zu Schimpf und Grabe führen.
5.

Die Tugend drückt uns doch als Mutter an die Brust /
Ihr Gold und Edler Schmuck hält Farb und auch Gewichte /
Es leitet ihre Hand uns zu dem grossen Lichte;
Wo sich die Ewigkeit vermählet mit der Lust.
Sie reicht uns eine Kost / so nach dem Himmel schmecket /
Und giebt uns einen Rock / den nicht die Welt beflecket.
6.

Die Wollust aber ist / als wie ein Unschlichtlicht /
So helle Flammen giebt / doch mit Gestanck vergehet /
Wer bey dem Epicur / und seinem Hauffen stehet /
Der lernt wie diese Waar / als dünnes Glas zerbricht /
Es kan die Drachenmilch uns nicht Artzney gewehren /
Noch gelbes Schlangengift in Labsal sich verkehren.



(Gedicht des Barockdichters
Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau (1617-1679),
erstmals publiziert im Geburtsjahr unseres Helden,
zitiert nach der Fassung im Projekt Gutenberg)

Dienstag, April 24, 2007

Exkurs: Angst im Abendland

So lautet der deutsche Titel des Klassikers von Jean Delumeau, mit dem ich endlich auf Deinen Angst-Artikel antworten möchte, teure Lem! Der Mensch der Frühen Neuzeit hatte permanent Angst. Im dämonischen Orchester der Angstbringer spielte selbstverständlich die Frau als „Agentin Satans“ die erste Geige – das soll uns hier aber ausnahmsweise nicht weiter interessieren. Angesichts des bedrückenden Endes Friedrich Pockers widme ich mich den Zwillingen Krankheit und Tod – von denen Philippe Ariès schreibt, dass die „närrische Angst“ vor ihnen im 17. und 18. Jahrhundert „über die Ufer des Imaginären getreten“ sei.

Woran erkrankte und starb der Mensch des Barock? Was trat als reale Angst in sein Leben? Eines ist sicher: Der omnipräsente Zuchtmeister namens „Schwarzer Tod“ lag um 1700 selbst in den letzten Atemzügen. Der alte Mann hatte der noch älteren Europa nicht nur über 300 Jahre lang allerlei lästige Plagegeister vom Leibe gehalten, sondern ganz nebenbei für erhebliche Bewegung in der ach so statischen mittelalterlichen ordo gesorgt. Entwurzelte Bauern scherten sich nicht mehr um ihre Grundherren, sondern flohen in die leergefegten Städte. Irrwitzige Gotteslästerer verzeichneten trotz peinlicher Befragung und Scheiterhaufen eine wachsende Fangemeinde. Und inmitten des Chaos kommt es zu DER Wiedergeburt schlechthin. Das Abendland schenkt dem Papst und seinen italienischen Fürstenbrüdern Ablassgroschen, Italiens Künstler schenken dem Abendland dafür Licht, Kraft und Lebensfreude (leider ist dieser Tauschhandel so direkt nie zustande gekommen – hätte Luther sonst solch ein Theater gemacht?)
Aber es gab ja noch genügend andere pathologische Schreckgespenste. Delumeau berichtet vom „Englischen Schweißfieber“, von Ruhr, Typhus und Pocken, die im 15.-18. Jh. nicht gerade untätig waren. Im Hinblick auf unseren Pocker scheiden sie aber aus, denn der gute Mann stirbt ganz allein und nimmt Niemanden mit auf seiner Reise ins Schattenreich. So galt es tiefer zu bohren, z.B. im Verbundkatalog. Dieser wies mir den Weg zu einer vorzüglichen Monographie mit dem vielversprechenden Titel „Homo patiens“. Es handelt sich um die Dissertation von Michael Stolberg, der in sicher mühsamer Archivarbeit Selbstzeugnisse von Kranken des Zeitraums 1550-1800 ausgewertet und daraus ein Panorama ihrer Selbstwahrnehmung, Ängste und Hoffnungen entwickelt hat. Das Werk ist zu Recht gelobt und nochmals gelobt worden – es ist nicht nur ein methodischer Meilenstein, sondern auch gut geschrieben und noch besser strukturiert. Sein partieller Handbuchcharakter erlaubt es mir, rasch die klangvollsten zeitgenössischen Krankheitsbilder und Todesursachen aufs Papier zu werfen: Blutfülle, Schlagfluß, Schärfen, Gicht, Rheumatismus, Rotlauf, Scharbock, Franzosenkrankheit, Winde, Verschleimung, Stockungen, Krebs, (krankhafte Hitze), Dämpfe, Fieber, Schwindsucht, Zehrfieber, Wassersucht, Verausgabung. Der Mensch der Frühen Neuzeit hatte also keine Zeit zur Langeweile (Stichwort „Ennui“ - hierzu gibt es bald einen separaten Beitrag) oder gar zur Einbildung des Krankseins – pfui Molière! Nein, er war wirklich ständig krank.

Kommen wir ENDLICH! zur Diagnose des Leidens unseres leider heimgegangenen Patienten Pocker. Eine Epidemie war es nicht; Gicht, Rheuma, alle Hautkrankheiten und der Schlagfluß scheiden aufgrund andersartiger Symptome ebenfalls aus. War es etwa die „erschröckenliche“ Franzosenkrankheit? Nein, denn Pocker vergammelte nicht am lebendigen Leibe, sondern hustete schlimm und spuckte Blut. Alles deutet also auf eine Erkrankung der Atemwege und/ oder Lungen hin. Lassen wir doch den Experten Stolberg zu Wort kommen: „[…] zeitgenössische Erhebungen und Kirchenbücher ebenso wie systematische Sektionen im frühen 19. Jahrhundert deuten auf einen sehr hohen Anteil Schwindsüchtiger unter den Verstorbenen. Betroffen waren oft Menschen im besten Alter, und wie kaum eine andere Krankheit nahm das Leiden zudem meist einen heimtückisch anmutenden Verlauf aus eher unscheinbaren Anfängen, wie Husten und leichtem Fieber. Die Opfer sahen dank ihrer lebhaften Gesichtsfarbe anfangs sogar oft besonders gesund aus.“ (S. 199). Wie gemein!!! Dass diese Todesursache auch in den vorausgegangenen Jahrhunderten weit verbreitet war, zeigt diese zeitgenössische Statistik ("Schwinds." und "Brustkrankh." wurden hier getrennt gezählt, gehören aber zusammen):



Einige Patienten berichteten von blutigem Auswurf und Rippenschmerzen (S. 200) – machten sich aber weiter keine großen Gedanken. Denn noch glaubten sie an das verhängnisvolle Dogma der „Säftelehre“: Der Körper sorgt schon dafür, dass alle schädlichen Stoffe abgesondert werden – egal, ob als Schweiß, Schärfen, Dämpfe oder Samen. Und wenn es mal nicht klappte, wurde halt zur Ader gelassen oder das Klistier angesetzt.

Fast 200 Jahre später wird ein Niedersachse namens Robert Koch die wahre Ursache für Pockers Leiden enttarnen: Mycobacterium tuberculosis. Diese fiese Mikrobe verursacht bei geschwächten Menschen Tuberkulose bzw. TBC, die noch heute weltweit führende tödliche Infektionskrankheit. Der Tod des Pocker ist somit endlich – mit 300-jähriger Verzögerung – aufgeklärt. Und zwar ganz ohne forensischen Schnickschnack allein durch Beherzigung der Maxime: „Ad fontes!“

Sonntag, Februar 11, 2007

Angst vor dem Verlust der Menschlichkeit

Pocker atmete schwer. Ein grässlicher Husten schüttelte ihn, am Ende erbrach er einen Klumpen Blut, Luft konnte wieder in die Lungen eindringen. Er schloss die Augen und streckte sich vorsichtig wieder auf seinem Laubbett aus. Jeder Anfall kostete ihn so viel Kraft. Er war es einfach leid, so leid.

Heinrich hinkte heran und sah seinen Ziehvater mit großer Trauer leiden. Seine Kapuze hatte er weit über sein Gesicht gezogen.
Er löste bei Fremden immer einen Schauder aus, weil sein entstelltes Gesicht sich im Wachstumsprozess nicht zurechtgerückt hatte. Anstelle einer Nase hatte er einen fleischige Wulst im Gesicht, welche zwischen den beiden schiefstehenden Augen lag. Seine Lippen konnten seine Zähne nicht umhüllen, da die Oberlippe mit der Wulst verwachsen war.

Eine Träne rollte über seine Beulen. Er schmeckte das Salz auf der Unterlippe. Er atmete schwer durch den Mund. Sein Rachenraum füllte sich mit Schleim, der ja durch keine Nase den Körper verlassen konnte. Er hielt sich ein Seidentuch vor den Mund. Es war die letzte Gabe seiner Mutter gewesen, die ihn verlassen hatte. Obwohl er diese Frau aus ganzen Herzen dafür hasste, dass sie ihn verlassen hatte, konnte er dieses Unterpfand seiner Herkunft nicht aus der Hand geben. Er wischte sich die Augen. Er blickte auf den Engel und flehte ihn um Hilfe an.

In seiner Hand hielt er ein Bündel Eisenkraut. Er hatte gelernt die Pflanzen nach ihrem Aussehen zu unterscheiden. Die vielen Jahre des Waldlebens mit seinem Vater haben ihn gelehrt, alle Kräuter zu unterscheiden, ohne sie je riechen zu können. Fast sein ganzen Wissen verdankte er dem guten Pocker, den er nun seit Monaten pflegte und doch sein Leiden nicht lindern konnte. Ein tiefen Stich versetzte ihm dieses Versagen. Wenn er dem einzigen Menschen, der ihm auf dieser Welt etwas bedeutete, mit seiner Heilkunst nicht helfen konnte, dann hatte er einen Platz auf Erden nicht verdient.

Er hatte bereits Wasser zum Kochen aufgesetzt und warf das Eisenkraut in den Topf. Er schöpfte ein wenig Sud ab, tränkte altes Sackleinen damit und legte es dem Vater auf den Hals. Dieser seufzte schwach. Er räusperte sich mühevoll, legte einen Hand auf Heinrichs Arm und sagte: „Heinrich, bitte, ich will es nicht länger tragen.“ Heinrich entriss den Arm seinem zärtlichen Griff. Er wollte davon nichts hören. „Nein, Tater, das, nein, prich nit daton.“ Er wendete sich ab. „Du musst dich retten und von mir lassen. Dein Leben ist nun ohne meins wertvoller.“ Friedrich versuchte ihn mit der Hand zu erreichen. Heinrich legte den Kopf in seine Hände. Wut und Trauer hatten ihn fest im Griffe. Er würde seinen Vater nicht töten, denn er war die Welt, das Leben und das Gute in ihm. Ein neuer Hustenanfall warf den Vater von der Schlafstätte und er krümmte sich wie ein Wurm. Heinrich hielt die Hände fest an die Ohren gepresst. „Nein, oh nein...“

Sonntag, Oktober 29, 2006

Exkurs: Herkunft des Namens Pocchini

Schönste Lem,

Deiner Bitte will ich umgehend entsprechen - in der Hoffnung, Deinem Wissensdrang gerecht werden zu können - allerdings ohne Geschichtstheorie. Der Name unseres tragischen Helden lässt bei genauerer Betrachtung gleich mehrere Deutungen zu. In einer früheren Episode nanntest Du uns bereits den "bürgerlichen Namen": POCKER. Dieser Name enthält die mnd. Wurzel PO(C)K(E), die wie auch im Englischen und Niederländischen "Pustel, Blatter" meint. Folgende Schlussfolgerungen können wir ziehen:

1) Die Vorfahren unseres Helden können den Namen außerhalb des niederdt. Sprachraums erst im 16. Jh. erhalten oder angenommen haben.
2) Vermutlich waren mehrere Vorfahren von (erblichen) entstellenden Auswüchsen befallen, die zur Namengebung führten.
3) POCCHINI ist eine nachträgliche Verniedlichung (a la "Mini"), die - geschuldet der an den Höfen des Barock beliebten Latinisierung der Familiennamen - sowohl "der kleine Pocker" als auch "der pockennarbige Zwerg" bedeuten konnte. Diese Transformation deutet auf den Umgang mit Intellektuellen und Gelehrten hin, die im 16. und 17. Jh. in besonderem Maße der Latinisierungssucht erlegen waren. Man denke nur an Agricola (Bauer), Sagittarius (Schütze) oder Melanchthon (Schwarzerd, in diesem Fall Gräzisierung).

Nun berichtet uns Casanova (1725-1798) in seinen Memoiren auch von einem betrügerischen Kapitän Antonio POCCHINI, den er später im Hyde Park mit seinem Stock verprügelte. Gibt es womöglich einen direkten Zusammenhang? Die zeitliche und räumliche Lücke zwischen unserem Helden und dem "Halunken aus Padua" ist allzu groß. So bleibt vorerst nur eine Erklärung: eine zufällige Parallelität in der Namensbildung. Im alten Latein bezeichnete BUCCA nämlich die "aufgeblasene Backe", mithin also auch eine "Pustel" im Sinne von Ausstülpung. Hierzu gehört desweiteren lat. BUCCO = "Pausback, Tölpel". Von hier ist es bis zu den italienischen Verkleinerungsformen PUCCHINI und POCCHINI kein sehr weiter Weg mehr.

Ist das nicht eine merkwürdige semantische Konvergenz? Kannte unser Pocchini diese eher verächtlichen Bedeutungen? Wurde er am sächsischen Hof wider Willen so "getauft", oder wählte er seinen Namen freiwillig und bewies damit einen ganz speziellen Galgenhumor? Bring uns weiter, Dichterin!

Montag, Oktober 23, 2006

Forsche nicht nach den Gesichten des Helden

Werter Pocc,

zwei reale Funde verankern die Erzählung - bevor wir einen Blick in die Jugendjahre des Helden werfen konnten - plötzlich in einem Rahmen. Zwei Knoten in einem Webrahmen, wobei der meinige ein phantastischer Knoten ist - im eigentlichen Sinne des Wortes. Bestätigen Knochenfunde doch nur die Existenz einer Rasse, über die eine neue unterhaltsame Geschichte erfunden werden will.

Nun Dein Kupferstich. Wie sehr verführt uns der Historiker, den Helden in der Geschichte zu verankern, festzusetzen, ihn in eine Zelle zu sperren. Die Fäden werden gezogen. Ich erfreue mich nichtsdestotrotz dieses würdigen Platzhalters, der unseren Helden kurz vor seinem tragischen Tod zeigen könnte. Der Menschenhass hat ihm immer mehr das Gemüt zerfressen und außerdem: vielleicht trägt er ja eine Larve, ein Narrengesicht und darunter verbirgt sich die grauenhafte Fratze des Tieres.

In meiner Erzählung steht Heinrich bereits kurz vor den Toren des Hofes. Kürzlich hat er seinen Ziehvater Friedrich Pocker unter die Erde gebracht. Tränen sollt ihr vergießen über das tragische Ende des gütigen Mannes, starb er doch von der Hand des Menschen, der ihm am liebsten auf der Welt war seit er seine Familie verlor. Diese Episode werde ich euch in Kürze berichten.

Wollt ihr davon hören?

Dann werter Pocc bitte ich Dich um einige geschichtstheoretische Ansätze zur Endung des Namens unseres Helden, die meine Geschichte beflügeln möchten.

Grüße zur Nacht
Lem

Sonntag, Oktober 22, 2006

Sensationeller Fund: Ist dies das Antlitz Heinrich Pocchinis?

Nachdem ich lange Zeit durch (un)wichtige Tätigkeiten daran gehindert wurde, den kargen Spuren aus dem Leben Heinrich Pocchinis intensiver nachzugehen, will ich diese schöne Aufgabe nun fortführen (nicht zuletzt durch Lems Initiative dazu ermuntert). Bei der erneuten Durchsicht der alten sächsischen Chroniken aus der Zeit Augusts des Starken stieß ich auf das nun auch im rechten Bereich unseres Blogs eingeblendete Porträt. Es zeigt eine offensichtlich schielende, verwachsene und verstörte Kreatur, die auf dem Boden hockend mit einem Blasebalg das Feuer anfacht. Und zwar in einem Labor! (der gesamte Stich lässt sich hier wegen seiner Kleinteiligkeit leider nicht anzeigen) Was spricht also dagegen, in diesem einmaligen Glücksfund einen Schnappschuss von Pocchinis Start in die Alchemistenkarriere zu sehen?

Wie ist deine Meinung, teure Lem? Kann das sein?

Mittwoch, Oktober 18, 2006

Is the Dodo really dead?

Unter dem wundervollen Titel Blick ins Paradies, den ihr - liebe lang, sehr lang vernachlässigte Fans unseres häßlichen Helden - ja hier mit uns tun dürft, erfahren wir endlich mehr über den Verbleib unseres wundervollen Dodo (siehe Dead as a Dodo). Spiegelleser wissen eben mehr.

Der niederländische Geologe Kenneth Rijsdijk hat viele Knochen gefunden im einem Sumpfgebiet auf Mauritius mit dem klingenden Namen Mare aux Songes. Hallo? Deine Landsmänner lieber Kenneth haben diesen armen Vogel mit Stöcken erschlagen, verspeist obwohl er keineswege schmackhaft war bis sie dann ihren Viecherkram eingeführt hatten, der inklusive des Rattengetiers dann zur endgültigen Ausrottung des gütigen Vogels geführt hat. Lustvoll haben Sie die Eier ausgetrunken, so wie Du jetzt die Grabruhe störst, Du...

Wir wollen unser Gemüt nicht zu sehr erhitzen, aber es ist schon eine Ironie des Schicksals.

Wenn ihr unserer Heldengeschichte trotz einiger übler Verzögerungen treu bleibt, dann werdet ihr erfahren, wie denn unser Held einen Dodo domestizieren konnte. Wie konnte der indische Ozean von diesem etwas plumpen, unbeweglichen Vogel überquert werden, wie konnte er vom heißen Afrika in einen kalten Zipfel Europas gelangen. Wie um Himmels kam er in den Besitz der ärmsten Seele im tiefsten Gehölz?

Ja, nun gut, es bringt uns ein wenig ab vom Weg, aber Spaß muss sein, oder Pocc?????

Montag, April 24, 2006

Exkurs: Tugend und Laster – Die Bienenfabel von 1714

Meine liebe, teure Lem – die du mir das Heiligste auf Erden bist - hiermit melde ich mich zurück zum Dienst im POCCBlog. Die folgenden 500 Anschläge müssten eigentlich zu einem kunstvoll-glaubwürdigen Meaculpa gewunden werden, aber das ist unseren Lesern nicht zuzumuten. Du selbst weißt, wie weh mir die letzten Wochen ohne den Dialog mit dir taten. Gott weiß, wie sehr du mir jede Minute fehlst. Verzeih! Und stelle weiter die Schrift zum Pocc ein in diesen Blog.

Heute möchte ich einen zaghaften Neuanfang wagen. Meine Frage lautet: Welche Moral hatten unsere Protagonisten? Hatten sie überhaupt eine? Waren sie gottesfürchtig? Gab es um 1700 einen ähnlichen Tugendkatalog wie heute? Oder waren die Individuen damals genauso egoistisch vielleicht wie eh und je und tarnten dies sorgfältig mit den damaligen ständischen Verhaltensnormen? Durfte also ein Kurfürst alles fordern und ein Bauer nichts? Konnte eine Nonne an Gott zweifeln? War die Rebellion der Räuber gerecht? Was zählte mehr: das Selbst oder die Gemeinschaft?

Ein interessanter Indikator ist die zeitgenössische Diskussion um die „Bienenfabel“ des Holländers Bernard Mandeville (1670-1733), die erstmals 1714 in London erschienen ist. Dieser behauptete im krassen Gegensatz zu den Grundsätzen der christlichen Nächstenliebe und zeitgenössischen Moralphilosophie, dass Tugenden nicht angeboren wären, sondern allein dem Eigeninteresse geschuldet seien. Wie auch immer ein Mensch handele, stets habe er sein Eigenwohl im Sinne. Damit nicht genug: die Hauptthese lautete: private Laster seien nicht verdammungswürdig, sondern dienen dem Gemeinwohl mehr als Bescheidenheit, Sittsamkeit, Eintracht. Mandeville wurde damit zum frühen Propagandisten einer kapitalistischen, ja globalisierten Ethik – auch wenn er seine Traktate als Satiren klassifizierte.

Dass diese Schrift einen Sturm der Entrüstung auslöste, könnte zweierlei Gründe haben: Mandeville lag total falsch, die Menschen sahen also in der Tugend die Grundlage des Zusammenlebens, oder aber: die Rezipienten führten sich ertappt und versuchten nun, den Netzbeschmutzer zum Schweigen zu bringen. Allein die Formulierung dieser Thesen scheint aber sehr ungewöhnlich gewesen und folglich kein typisches Denkmuster gewesen zu sein. Folglich wurde Mandeville vorgeworfen, Glauben und Gesellschaft umstürzen zu wollen. Schauen wir uns nun die Figuren unseres Dramas an, so offenbart sich ein buntes Kaleidoskop aus Tugend und Laster. Der kleine Pocc wird errettet, die Fürstin ist barmherzig, die Kurprinzen kennen nur die Ausschweifung. Eines scheint sich aber herauszukristallisieren: die Triebe regieren und brechen sich in vielerlei Gestalt ihre Bahn. Am mächtigsten in der Liebe, dieser Gottesgeißel; in der Gier, im Hass. Triebhaft sind sie alle, und so bringen sie die Handlung voran und bringen doch etwas Wunderbares zustande: eine komplexe Gemeinschaft von miteinander lebenden, kommunizierenden, nicht nur wie jedes Tier Tag für Tag um das nackte Überleben kämpfenden, sondern ab und an glücklichen und lachenden Wesen. Und wenn dies tatsächlich ein Ergebnis unserer Laster sein sollte: wohlan, so sei es! Oder wie siehst du das, tugendhafte (keineswegs idealisierte) Göttin?

Samstag, Februar 25, 2006

Das Lied der armen Seele

Dunkle Schatten legen sich auf meine Schultern.
Sie drücken mich zu Boden schon.
Dort liege ich, versuche mich zu regen.
Jedoch die Kraft allein die fehlet mir.

Seele greifet zu den Sternen,
Doch die Sterne sind borniert.
Sterne wollen mir nicht leuchten,
Kleine Menschen, finstre Nacht.

Lust regt sich in meinen Lenden.
Sie muss ersterben ohne Trost.
Schönheit blendet alle Menschen.
Ein hässlich Antlitz bleibt ungeküsst.

Seele greifet zu den Sternen,
Doch die Sterne sind borniert.
Sterne wollen mir nicht leuchten,
Kleine Menschen, finstre Nacht.

So schleicht sie heimlich nur im Dunkeln.
Die Larve ein unscheinbar Tier.
Bald, ja bald wird sie entlarven
die schwarzen Seele des Schmetterlings.

Seele greifet zu den Sternen,
Doch die Sterne sind borniert.
Sterne wollen mir nicht leuchten,
Kleine Menschen, finstre Nacht.

Ja werte Leser, ihr werdet wohl schon ahnen, wer hier gerade das Lied anstimmt? Fachsimpelt gerne darüber, wer so viel Hass in seinem Herzen gesammelt hat. Das Leben ist nur denen ein Geschenk, die nicht stets unzufrieden mit ihrem Schicksal hadern und sich vergleichen. Der Neid ist ein schlechter Berater für die vergiftete Seele. Aber wo hat sie das Gift gefunden oder ist es gar im genetischen Code angelegt gewesen. Eine Wesensart gleich einem fauligen Odem, der sich als stinkende Aura um das ungestalte Gesicht legt.
Übertrieben meint ihr? Wartet nur ab...

Sonntag, Februar 19, 2006

Der Hof - feierlich gestimmt und misslich tönend

Anna Sophia hatte die frohe Kunde bereits morgens im Kloster erreicht. Ihr nichtsnutziger Mann hatte immerhin genug Verstand, ihr einen Boten zu entsenden. Sie konnte es nun kaum erwarten den geliebten Sohn wieder in die Arme zu schließen. Bevor sie das Kloster verließ, klopfte sie noch an die Tür der Äbtissin, um ein wichtiges Anliegen vorzubringen.
«Tretet ein.» Agatha saß gesenkten Hauptes an ihrem Schreibtisch. Ihre Beine hatte sie auf seltsame Art verknotet.
«Ehrwürdige Agatha. Ich habe heute in den frühen Stunden die euch befohlene Ursula gesprochen.»
«Sie gehört dem Orden nicht mehr an.» Agatha hob nicht einmal das Haupt. Das war ein Affront. Lediglich ihre Beine zog sie etwas höher.
Anna Sophia spürte den kalten Atem ihrer Gedanken und entschloss sich spontan ihre Pläne zu ändern.
«Ich hörte es. Ich werde sie deshalb bei mir aufnehmen.» Und konnte sich nicht verkneifen hinzuzufügen «Die arme verlorene Seele.»
Jetzt schnellte der Kopf der Äbtissin hoch. Ein scharfer Blick traf die Edeldame. Agathas Gesicht war hölzern, regungslos. Der Mund spitz zusammengezogen. Dann plötzlich löste sich die boshafte Anspannung in ihrem Gesicht.
«Tut, was ihr nicht lassen könnt. Aber achtet auf euer Gesinde. Sie ist ein leichtes Mädchen und keineswegs entschieden in ihren Wegen.»
«Das lasst mal meine Sorge sein.» Sie spürte trotz des falschen freundlichen Gesichtes die Verachtung der harten alten Frau. Sie verstellte sich, um weiterhin vom Kurfürstenhof zu profitieren. Anna Sophia machte auf dem Absatz kehrt und verließ fröhlich den Raum.
Die drei Reisenden kehrten frohen Herzens zurück an den Hof und wurden dort von gehissten Fahnen empfangen. Die Flaggen taten nicht nur die frohe Nachricht der Rückkehr des Prinzen kund. Sie waren auch auf Feier ausgerichtet. Natürlich. Jetzt konnten die Herren wieder kraftstrotzend vor ihre Freunde treten, sich betrinken, rülpsend und furzend in die Sessel fallen uns sich niedere Dienste gefallen lassen. Sie musste schon bei dem Gedanken würgen. Ursula beobachtete Anna Sophia traurig, denn sie spürte den Abscheu der Ehefrau gegenüber dem Mann, mit dem sie Hof und Bett teilen musste – um ihrer Kinder willen.
Anna Sophia riss sich zusammen. Nichts war wichtig. Nur Friedrich. Den Anna Sophia dann auch kurze Zeit später in die Arme schließen konnte. «Mutter. Ich liebe euch.» Die Tränen stiegen Anna Sophia in die Augen.
Ursula verließ leichenblass und unbemerkt den Raum.

Werte Leser nun sind fast alle Zutaten zusammengestellt für die festliche Tafel der Begebenheiten, die den weiteren Weg unseres Personals bestimmen. Ich hoffe, ihr konntet den einzelnen Charakteren bereits ein klein wenig in die Seele schauen, auf dass ihr im nächsten Teil einen Zeitsprung vornehmen könnt. Die Jugend unserer Helden wird dort die Perspektive bestimmen. Vieles wird sich in den Gemütern geändert haben und die reine Kinderseele wurde an der Garderobe abgegeben.