Dienstag, Dezember 06, 2005

Ankunft im Lager der Gesetzlosen

Dann wollen wir mal sehen, was das Schicksal für unseren Helden bereithält...

Im Lager wurde die erfolgreiche Hatz gefeiert. Sie hatten diesem Mistvieh von Kurfürst gezeigt, wie schmerzhaft der Pöbel in sein gelacktes Leben eingreifen konnte, das er auf Kosten der einfachen Bürger und Bauern führte. Die Entscheidung, gesetzlos durch die kursächsischen Wälder zu ziehen, hatten die meisten von Ihnen aus Hass und Verzweiflung getroffen. Sie lebten von der Wilderei. Das hatte in diesem Jahr bereits fünf Männern aus ihren Reihen das Leben gekostet. Sie ließen Ihr Haupt auf dem Rabenstein.
„Das ist es wert“, grölte der Würzige und hielt die Schnabelschuhe des Fürsten Johann Georg triumphierend in die Luft. „Wo ist eigentlich der Sachs?“ fragte der Blonde und schenkte dem Würzigen erneut Dunkelbier in die Schuhe. Dieser setzte an und leerte den Pokal in einem Zug. Er rülpste laut und zuckte mit den Schultern.

Der Sachs hatte sich für ein Leben jenseits der Zivilisation entschieden, weil er mit ansehen musste, wie seine Familie marodierenden Söldnern zum Opfer fiel. So erzählte man. Er war ein stiller, angsteinflößender Bursche. Das Leben hatte Furchen ins sein Gesicht gezogen, hinter denen sich verbergen mochte, was unaussprechlich war. Keiner wusste genau, warum er sich den Männern angeschlossen hatte, aber seine Kampfkraft und eiskalte Härte hatten viele ihrer Feinde bereits das Fürchten gelehrt.

„Wahrscheinlich zieht er wieder durch die Wälder und reißt Beute – grrrrrrrrrrgggghhhhh“, der Würzige fletschte seine schwarzen Zähne und rollte mit den Augen. Er machte einen Buckel und stampfte, die Arme zu beiden Seiten emporgestreckt, über die Lichtung.
Dann spürte er, dass die Blicke der Horde starr wurden. Sie schauten hinter ihn. Langsam drehte er sich um und sah ihn. Sachs. Mit finsterem Blick taxierte jener die Szenerie und schüttelte leicht sein Haupt. Ein dämliches Grinsen huschte über das klebrige Gesicht des fetten Räubers. „Alter, da bist Du ja. Wir haben etwas zu feiern.“

Sachs ekelte sich vor diesen Gestalten.
In der Stille vernahm der Blonde ein leises Knurren. Das war doch nicht – nein, klang wie eine kleine Wildkatze. „Was hast Du in Deinem Jagdbeutel, Meister?“
Der Sachs nahm den Beutel und trug ihn auf den Tisch, von dem er zuvor die angenagten Knochen fegte. Die Männer scharten sich um ihn und blickten auf das vornehme Tuch. Als der Sachs den kleinen Knaben mit dem entstellten Gesicht enthüllte, schraken die Männer mit einem Raunen zurück. Der Würzige bekreuzigte sich. „Der Herr im Himmel sei uns gnädig.“ Er griff zu der Keule, die an seinem Gürtel hing. Bevor er sie schwingen konnte, ergriff der Sachs seinen Arm. Ohne in seine Augen zu sehen, spürte der betrunkene Räuber, dass es ihm bitterernst war. „Du Tier. Du willst diesem Geschöpf Gottes den Schädel einschlagen? Ich habe diesen Wurm nicht aus einem Erdloch gerettet, damit Du gemeiner Klotz ihn zerquetschtst.“ Ein respektvolles Raunen ging durch die Horde. Der Würzige riss seinen Arm aus dem eisernen Griff des wütenden Mannes und trollte sich auf sein Lager – nicht ohne unverständliche Flüche vor sich hinzumurmeln.
Der Sachs wies den Pfaffen an, das Gesicht des Kindes zu verbinden, der sofort eine Käuterbinde ansetzte.

Das Monster machte den Männern Angst, aber die Wut des Sachsen fürchteten sie noch mehr.

Ihr seht, das Schicksal hält die schützende Hand über unseren Helden. Er hatte das Herz des einsamen Mannes berührt, der nichts mehr zu verlieren hatte. Aber überall, wo vom Glück geküsste wandeln, rotten sich die Neider bereits zusammen...

Kommentare:

Pocchini hat gesagt…

Diese von dir gewählte Überschrift würde sehr gut auf einen Besuch bei den alten Geschichtsschreiber treffen, meine liebe Lem. Die Burschen bekümmerten sich nämlich nicht allzusehr um DIE Wahrheit, sondern hatten derer viele. Sprich: sie würzten nur zu gern nach IHREM gusto a la "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing." Herodot schaute hochnäsig auf die orientalischen Despoten und menschenfressenden Barbaren herab, Thukydides gab seinen Athenern bei allem Streben nach Unparteilichkeit letztlich doch den Vorzug. In Rom ging es noch schlimmer zu - man denke nur an Suetons Schleimscheissereien, von den mittelalterlichen Annalen und Chroniken und Annalen ganz zu schweigen. Eine meiner Lieblingsquellen (weil so herrlich subjektiv) ist das Epos "Leo Papa et Carolus Magnus", oder: wie es ein geblendeter und entzungter Papst schafft, quer durch Europa zum großen Karl zu fliehen.
Die Herren Historiographen mussten erst vom Rationalismus der Aufklärung infiziert werden, um sich ernsthaft Gedanken über die Mechanismen des Erkenntnisprozesses zu machen. Und erst im 19. Jh. verständigten sie sich auf die Durchsetzung der historisch-kritischen Methode, vor der wir uns auch heute noch ehrfürchtig verneigen.

Das soll uns aber nicht davon abhalten, auch weiterhin die Reunion von Historie und Poesie zu celebrieren. Wohlan: fiat lux!

Lempicka hat gesagt…

Moinsen Pocc,

aber vergiss nur nicht die Schreiber, die aus eigenem Antrieb ihr Bild von der Gesellschaft fein untermengten, z.B. bei Abschriften von Handschriften in Mittelalter bzw. früher Neuzeit. Hier zeigen sich erste Ansätze zur Literarisierung der Stoffe. Das ist hochspannend, und ich werde gerne in Kürze einen Exkurs zu einem von mir während meines Studiums untersuchten Sujets veröffentlichen. Dort dreht es sich um den mittelhochdeutschen Prosaromen. Nix mit Aufklärung...

Gute Reise wünscht Lem