Sonntag, Dezember 18, 2005

Anna Sophia reist „Zum heiligen Kreuz“

Pocchini fragte nach den Frauen, die natürlich die an den entscheidenden Knotenpunkten die Fäden spannen. Deshalb wird an dieser Stelle eine neue Begegnung von schicksalshaftem Zuschnitt serviert.

Die Kurfürstin war außer sich vor Wut und Verzweiflung. Ihr Friedrich war nicht zurückgekehrt, entführt von Gesetzlosen in den Tharandter Wald. Diese Strafe riss ihr Herz entzwei. Als Johann Georg es ihr sagte, wurde ihr Blick eisig. Sie schlug ihm fest ins Gesicht. Er zuckte zusammen, senkte sein Haupt und schwieg. „Ich verabscheue dich zutiefst. Wenn Du wenigstens an deine Kinder denken würdest.“ Er versuchte schuldbewusst zu schauen, aber das kannte sie bereits. Er griff nach ihrer Hand. Sie stieß ihn zurück und schrie: „Geh zu deinen Huren und fass mich nicht an.“ Er drehte sich um und verließ den Raum.

Sie hatte keine Tränen mehr für die Verletzungen, die ihr Mann ihr zugefügt hatte. Sie hatte nur den Glauben. Sie rief Franz, den Knecht, der ihr Vertrauen genoss.
„Franz, Friedrich ist entführt worden. Das Lösegeld ist der Friede für Kesselsdorf. Du kennst Johann Georg. Ich kann Friedrich nicht seinem Schicksal überlassen.“ Franz fragte: „Wie kann ich euch helfen?“ „Mein älterer Sohn,“ sie sprach nicht ohne Abscheu. „Er hat gesagt, dass der Mann den Tod des Wirtes und seiner Familie verhindert hat. Er muss ein Herz haben. Er...“ „Fürstin, ich werde euch gerne Geleit geben. Ich habe den Mann, der sich Friedrich Pocker nannte, gesehen. Er wird Wort halten. Wenn ihr der Zeit nicht traut, werden wir sie verkürzen und ihn suchen. Wir werden heute noch die Strecke bis zum Kloster zwischen Tharandt und Harta hinter uns bringen können. Dort könnt ihr dann bleiben, während ich nach eurem Sohn suche.“ Franz verbeugte sich, um ihr seinen Dienst anzubieten. „Zum heiligen Kreuz. Ja, sattel die Pferde. Wir sollten keine Sekunde zögern.“ Franz eilte davon.

Die Äbtissin öffnete das Fenster am Tor. Es war früher Abend. Sie erwartete keinen Besuch. „Wer da?“ „Äbtissin Agatha. Ich bin es Anna Sophia, mit meinem Begleiter, Franz.“ Die Äbtissin öffnete das schwere Tor und ließ die beiden späten Besucher ein. Häufig schon hatte Anna Sophia dem Kloster mit großzügigen Spenden geholfen. Sie war ein gern gesehener Gast. Aber gerade jetzt? Sie musste eine schwere Krise bewältigen und konnte da keine adligen Freunde des Klosters brauchen. Anna Sophia spürte, dass sie nicht mit offenen Armen empfangen wurde. Sie folgte der Äbtissin durch den Kreuzgang. Der Wind blies eiskalt in ihr Gesicht. Als Sie die Eingangshalle betraten, tränten ihr die Augen. Sie hörte Agatha zischen: „Verschwinde!“ Eine Schwester warf sich zu Füßen der Äbtissin und flehte: „Verstoßt mich nicht. Bitte. BITTE!“ Agatha presste bösartige Worte hervor: „Du elende Mörderin hast keine Gnade vor Gott dem Herrn verdient. Du wirst das Kloster morgen verlassen.“ Die Schwester wurde von Krämpfen geschüttelt und Anna Sophia war ob dieser Szenerie beschämt und erzürnt zugleich.

Was hatte dieses arme Kind Gottes getan, um von der Äbtissin derart verstoßen zu werden. Gottes Gnade konnte nicht von Menschenhand – und sei diese Hand auch ein ausführender Arm Gottes – entzogen werden.

Kommentare:

Pocchini hat gesagt…

Geilomat - vielen Dank für diese gelungene nächtliche Überraschung, große Dichterin!!! Du glaubst gar nicht, wie ich mich gefreut habe, heute doch noch die ersehnte Fortsetzung zu lesen... und dann noch so eine spannende - mehr, mehr! Müde sitze ich hier vor dem Bildschirm, den ganzen Tag schon Quellen und Literatur für mein großes Werk wälzend, und schaue zur Abwechslung in unser POCCBLog. Mindestens zum 10. Mal heute. Und finde endlich diesen funkelnden Edelstein. Diesmal gefallen mir die Dialoge ausgesprochen gut, die Handlung wird so noch bewegter, die Charaktere wirken lebendiger. Und dann dieser mystische Schluss. Toll, wirklich!

Pocc

Lempicka hat gesagt…

Danke für die Blumen!

Ich habe langsam etwas Probleme den Fortgang der Geschichte in diesen kurzen in sich abgeschlossenen Sequenzen weiterzutreiben. Aber wie Du richtig bemerkst arbeite ich immer wieder an neuen erzählerischen Disziplinen.

Für den großen Roman muss ich dann an den Brücken, Verbindungen, Feinheiten arbeiten. Das Blog ist sozusagen Plotter ;-)

Lem

Pocchini hat gesagt…

Zum Problem der Folgen: wieso müssen diese denn jeweils abgeschlossen sein? Lass eine Episode doch ruhig über mehrere Posts hinweg gehen, und die Erzählung einfach fließen. Sonst presst du dich doch völlig ohne Grund in ein Korsett, das dich blockieren könnte. Ich fände das Splitten sehr reizvoll, denn es hält den Leser bei der Stange und ermöglicht ihm ein besseres Hineinversetzen in die Handlung und die Charaktere. Siehe den klassischen Fortsetzungsroman! Du könntest so auch deine Stärke: granulierte Beschreibungen scheinbar nebensächlicher Vorgänge mit großer Wirkung, voll ausspielen. Und diese noch stärker mit den Dialogen vernetzen. Das wird ein Fest!

Wenn ich dieses Gestammel so lese, ärgere ich mich, dass ich stilistisch bei weitem nicht so fit bin wie du. Sonst könnte ich deine Erzählweise besser bewerten, und sicher noch höher schätzen. Was sagt mir das? Ich sollte mal wieder einen Roman zur Hand nehmen. Oder ganz auf die Historie zurückziehen. Wie gern würde ich so schön schreiben können wie du...

Pocc

Anonym hat gesagt…

Ich verfolge das Leben und Wissen von Poccini (wie sein Name im altlateinischen heißt) mit großem Interesse und seit mehreren Jahren. Ich halte seinen Eintrag in Wikipeda für unvollständig und arbeite gerade an einer Proseminar-Arbeit über ihn. Macht weiter so!

Lempicka hat gesagt…

Ja, Pocc, recht hast Du, aber es ist für das Medium und die Rezeption der Menschwerdung unseres Helden ganz schön, in angemessenen Portionen zu genießen. Mal nach hinten zu schweifen und alle Puzzleteile zusammenzulegen.
Ich werde allerdings nicht umhin kommen, demnächst fließender zu posten.
Ich freue mich schon auf dein nächstes Kapitel, welches mir vielleicht einige wertvolle Details und Trouvaillen im Hinblick auf das Personal und ihr Leben liefert?

Lieber Anonymus, wir berüßen Dich herzlich und freuen uns auf Einwürfe eines weiteren Spezialisten.

Lem