Sonntag, Dezember 11, 2005

Das Kesselsdorfer Jagen

Die Pferde wurden gesattelt.
Von Dresden nach Kesselsdorf sollte der Ritt gehen, um die Fürstenfrevler zu erwischen. Der Morgen war noch nicht angebrochen. Anna Sophie sah aus dem Fenster. Sie bekreuzigte sich. Stundenlang hatte sie versucht, ihren Mann zur Vernunft zu bringen, diese Schmierenkomödie zu vergessen, sich nicht seinen Rachegelüsten hinzugeben. Der Jähzorn ihres Mannes allerdings war nicht zu stillen. Vater und Sohn bestiegen die Pferde. Ihr Atem blieb fast stehen, als sie eine weitere, kleinere Gestalt heranlaufen sah. Friedrich August. Nein, nicht auch er.

Friedrich August lief zum Pferd seines Vaters, zog an seinem Wams.
„Was ist denn – verdammt?“
„Vater, lass mich mit euch reiten.“ Friedrich hielt seine Kette fest umklammert.
„Du, geh lieber deine Karriere als Bühnenjeck ausbauen. Du bist nicht gemacht für den Kampf.“ Johann mischte sich sofort ein, um Friedrich zu diskreditieren und ins Lächerliche zu ziehen.
„Vater, bitte.“ Vor Anspannung war die Ader auf Friedrichs Stirn hoch angeschwollen.
„Ach, sei’s drum. Lass den Knaben mitreiten. Da lernt er einen Lektion.“ Der Vater sprach’s und gab seinem Pferd bereits die Sporen.
Johann warf Friedrich einen verächtlichen Blick zu und folgte seinem Vater.
Friedrich August sprang auf das Pferd, welches der Stallknecht augenblicklich für ihn bereit stellte. Er atmete tief ein und stieß erleichtert die Luft wieder aus. Jetzt konnte er seinem Vater zeigen, was in ihm steckte.

Anna Sophia schloss die Augen. All ihr Bemühen, ihrem jüngsten Sohn ein anderes Weltbild zu vermitteln, würden scheitern. Es zeriss ihr das Herz. Sie nahm ihren Rosenkranz und zog sich in die kurzfürstliche Kapelle zurück.

Der Kesselsdorfer Schankwirt kehrte gerade seine Schenke aus. Er hatte Türen und Fenster geöffnet, um die verbrauchte, rauch- und alkoholgeschwängerte Luft auf die neblige Gasse zu blasen. Es war eine lange Nacht gewesen. Seit die Hatz auf den Fürsten stattgefunden hatte, hatte seine Schenke besonders viel Zulauf. Seine Frau hatte die Fürsten-Farce auf die Karte genommen. Sie erfreute sich besonderer Beliebtheit wie auch die Johanns-Haxe. Die Bürger feierten ausgiebig die Verhöhnung des eitlen Fürsten. Er kehrte die abgenagten Knochen zusammen.
„Verschwinde!“ Er verpasste dem räudigen Kater, der in den Resten rumstöberte einen Tritt.

Plötzlich hörte er harte Hufschläge auf dem Kopfsteinpflaster. Er hörte Fensterläden aufklappen. Neugierig ging er auf die Straße und wurde beinahe von einem großen, massigen Wallach zertreten, der an der Schenke vorbeigaloppierte. Er wich zurück an die Hauswand. Die Reiter kamen zum Stehen.
Nun erkannte er den Reiter und die zwei jüngeren, die ihm folgten. Er erstarrte, schluckte, buckelte vor der Herrschaft. „Edler Fürst, ich grüße euch.“
„Spar dir die Schmeichelei, elendes Gewürm.“ Johann Georg stieg von seinem Pferd und riss die Speisekarte von der Wand, kniff die Augen zusammen, zog den Dolch und wollte dem Wirt gerade die Kehle durchschneiden, als Friedrich August ihm zur Seite sprang.
„Wartet Vater.“
Dieser knurrte, hielt aber ein.
„Holt euch erst die Namen der Verräter und ihr Versteck.“
„Mmmmmhhhh, Du hast Recht. Tötet mir in der Zwischenzeit seine nichtsnutzige Familie.“
Die Reiter liefen ins Haus, der Wirt zitterte. „Bitte, bitte, verschont meine Familie.“
„Das hättest du dir eher überlegen können“, presste der Fürst hervor. Die Tränen liefen dem Wirt über die schmutzigen Wangen als er aus dem Haus erste Schreie vernahm.

Friedrich zog am Ärmel seines Vaters, der sich entnervt losriss. „Vater, hört doch.“
Ein fremder Reiter hatte die Gasse betreten. Er war ganz in Fell gehüllt, hatte lange zottelige braunen Haare und einen vollen Bart. Er schwang eine große Keule. „Vater!“ Es war zu spät. Der Riese wütete mit der Keule, schlug den Fürsten und sein Gefolge nieder, raste in die Schenke und setzte seine Fehde dort fort. Friedrich, den er verschont hatte, schaute ungläubig auf den starken, mutigen Riesen, der mit seiner Hände Kraft, dem Wirt und seiner Familie das Leben rettete. Dieser fixierte Friedrich mit seinen starren, dunklen Augen. Er griff den Jungen und hielt ihn fest, vor seinem massigen Körper. Der Wirt hatte sich mit seiner Familie davon gemacht.
Der Fürst stöhnte und wischte sich das Blut von der Stirn. Er sah seinen Sohn in des Händen dieses Gesetzlosen.
Der sprach: „Missbrauche nicht deine Macht und quäle nicht das unschuldige Volk Sachsens. Du solltest deinen Kindern ein besseres Vorbild sein.“ Der Fürst war noch nicht recht bei Sinnen und rieb sich die Augen. „Mein Name ist Friedrich Pocker, und ich werde deinen Sohn als Unterpfand mitnehmen. Sollte mir zu Ohren kommen, dass du weiter hier wütest, du wilde Sau, dann werde ich ihn töten. Wenn du heim fährst und Kesselsdorf in Frieden lässt, dann werde ich ihn zu dir zurückschicken.“ Sagte es und ritt mit Friedrich davon.

Diese fürchterliche zweite Niederlage brachte den Fürsten in eine Zwangslage. Er musste sich zurückziehen und war ein zweites Mal bloßgestellt. Er musste das Leben seines unnützen Sohnes retten...

1 Kommentar:

Pocchini hat gesagt…

Liebste Lem,

mit größtem Genuss habe ich diese spannende Episode gelesen. Oder vielmehr angeschaut, denn mir kam es vor wie im Kino. So plastisch und farbig war alles.

Weisst, worüber ich gern mehr erfahren würde? Über die Frauen - also die Kurfürstin und Pocchs Mutter. Beide versuchten ja durchaus, aktiv die Geschicke ihrer Familie zu gestalten. Nicht gerade üblich in der Zeit. Was waren das für Frauen? Woher kamen sie her, und welchen Einfluss hatten sie? Liebte die Kurfürstin ihren Mann und ihre Söhne? Oder war sie enttäuscht über das Nebeneinander mit den Mätressen?

Ein sehr neugieriger, ungeduldiger Pocc