Samstag, Dezember 03, 2005

Der Sachs oder das Tuch aus Seidenberg


Nachdem wir eine erste hochunterhaltsame und lehrreiche Bekanntschaft mit August dem Starken machen durften (keine Sorge: diese Persönlichkeit geht uns nicht flöten, denn was ihr hier so leichtfüssig formuliert bereits konsumieren dürft, wird in Pocchinis Geschichte noch von großer Bedeutung sein), wenden wir uns wieder dem Geschehen inmitten der Natur in der Morgendämmerung zu.

Die verzweifelte Mutter hält indes (also während unser Held die Gebärmutter gegen ein moosiges Loch im Waldboden tauscht) ein blutiges Tuch in Händen. Sie presst es an ihre bebende Brust. Sie breitet es aus über das Erdloch und beschwert es an allen vier Enden mit Steinen. Möge das Tuch den armen kleinen Wurm wärmen. Ein Schutzengel breitet seine Flügel aus über den roten Zinnen der Stadt Seidenberg. Ihre Tränen fallen auf das Tuch. Sie betet. Sie rückt ihre Tracht zurecht und wendet sich ab. Zum heiligen Kreuz muss sie zurückkehren. Niemand darf ihren Schmerz erblicken. Ihre schweren Schnürstiefel erschweren die Flucht. Sie muss alle Gedanken an ihr Kind verbannen, sie sich verflüchtigen lassen im ersten Lichte des Tages. Sie wird auch weiterhin die Tuche des groben Mannes aus dem Osten verkaufen müssen, der ihre Seele beschmutzt hat.

In der Tat lag dieses Tuch nun schützend über dem Nest des kleinen Jungen. Das Tuch ward gefunden und konnte so doch helfen. Ein Wilderer sah es gülden leuchten und riss es an sich. Erblickte das Loch, vermutete einen Schatz darin. Vorsichtig ließ er die Hand ins Innere der feuchten Erdhöhle gleiten, in freudiger Erwartung schlug sein Herz ganz schnell. Er barg das weiche Bündel. Es schien zu leben. Ganz verkrustet war es. Der Wilderer spuckte in das Tuch befreite das Gesicht von seiner schmutzigen zweiten Haut und erblickte ... Ein Monstrum. Ein Röcheln konnte der Sachs (wie ihn seine Räuberkumpane riefen) ausmachen. Er hielt sein Ohr nah und ungläubig an die Öffnung in dem Gesicht und spürte kurze, warme Lüftchen, die entwichen. Das versetzte dem Mann einen Stich tief in der fest mit Fell umwickelten Brust. Der Mund war weit aufgerissen, die Augen ebenfalls. Sie standen nicht auf einer Höhe in dem Gesicht. Starrten in verschiedene Richtungen. Mitten im Gesicht klaffte eine große Wunde. Die Nase war fast komplett ausgerissen. Ein wildes Tier musste neben den Unbillen der Natur zugeschlagen haben. Er hatte dieses Geschöpf gerade rechtzeitig den Klauen des Todes entrissen. Er wickelte es in das Tuch, legte es in seinen Jagdbeutel. Er konnte es nicht töten, denn er wusste, dass es seine Aufgabe war, für diesen Auswurf der Gesellschaft zu sorgen.

Kommentare:

Pocchini hat gesagt…

Lempicka, du bist wirklich eine Künstlerin ersten Ranges. Während des Lesens kam es mir vor, als stünde ich unmittelbar in der Szene. Welche Dramatik, und welche Humanität des Sachsen! Denn im Gegensatz zum starken August ging es seinen Landeskindern nicht besonders gut, und folglich war sich jeder selbst der Nächste. Diese Verbindung des Niedrigen mit dem Edler, Fürsorglichen ergreift mich zutiefst. Wird uns die arme Frau noch einmal begegnen? Sie tut mir sehr leid.

Pocc

P.S.: Dass mir die frevelhafte Lebensführung Augusts so leicht aus der Feder floss, beschämt mich nun fast. Denn ich habe damit ungewollt die Partei der Mächtigen, der Sieger ergriffen. Und mich dabei ertappt, mich mit dem Objekt meiner Forschung zu verbrüdern. Schlimm.

Lempicka hat gesagt…

Pocchini,

in der Tat lese ich aus Deinen reichhaltigen Exkursen (woher weißt Du das alles nur - schockierend informations- und detailreich) eine Neigung zu den männlichen Helden. Aber aufgepasst. Mal neigt sie sich zum Despoten, der fingerschnippend anderen Menschen - immer niedere Geschöpfe in seine Augen - auf der Seele rumtritt - oder doch zumindest auf den Nerven. In Deinem Beitrag zum Topos des Findelkindes spürt der werte Leser die Solidarisierung mit den vom Leben bestraften Kämpfern - nur weil sie Helden wurden?

Lem

Pocchini hat gesagt…

Mein Wissen stammt überwiegend aus der Kindheit, als ich Geschichtliches bändeweise in mich hineingefressen habe. Und wie du weisst: Was Hänschen nicht lernt, lernt (der billige) Hans nimmermehr. Was wäre ein Historiker ohne dieses Faktenwissen? Genau, ein Koloss auf tönernen Füßen.
Dennoch hast du bereits in dieser kurzen Zeit die Achillesferse des Historiographen freigelegt. Wissenschaft kann von der Kunst vieles lernen. Vielen Dank, und weiter so!