Samstag, Dezember 03, 2005

Exkurs: August der Starke und das Schönheitselixier

Ein schlechtes Gewissen treibt mich aus meinem warmen Bett, denn die große Lempicka fordert historische Aufklärung. Fordert meine Berufung heraus und fragt, was es denn mit dem starken August auf sich hatte. Der Handwerker liegt dir zu Füßen, Künstlerin, denn „Dichten ist eine Arbeit, die nur Gutgeratenen gerät“ (Marie von Ebner-Eschenbach).

Zur Sache. August der Starke lebte von 1670 bis 1733 und hat sich als der wohl bekannteste sächsische Fürst im historischen Gedächtnis eingebrannt. Nicht unbedingt als Staatsmann, sondern eben als Wüstling. Er war ein Kind des Barock, des Zeitalters, in dem die Menschen nach der Katastrophe der Religionskriege durchatmeten und ein neues Lebensgefühl entwickelten. Es durfte üppig zugehen (bereits von Rubens angedeutet), es durfte geprotzt werden („L´Etat ce moi“), und die Religion, die zuvor noch sehr gut als Völkerschlächterin funktionierte, musste sich mit einem neuartigen Rationalismus, der die ganze Welt als Maschine zu erklären versuchte (Descartes, Wolff), arrangieren. Versailles, Bach, Newton kennzeichnen dieses Zeitalter der Sinnenmenschen.

August der Sinnenmensch – carpe diem! Bereits als kleiner Bursche spielte er gern den (keineswegs billigen) „Hanswurst“ in einer Hofkomödie. Die strenggläubige Mutter konnte dies nicht verhindern – er musste im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, zumal er nur der zweitgeborene Sohn war. Mit dem älteren Bruder lag er in „stehtem Krieg“, und genau dieser Konflikt war die eigentliche Triebkraft seines Lebens: wenn schon nicht den Thron bekommen, dann wenigstens richtig austoben. Ein Jugendbildnis deutet an, wohin die Reise gehen wird: große dunkle Augen schauen uns erwartungsvoll an, und im schön geschwungenen, vollen Mund spricht sich das Verlangen nach Genüssen aus. Nur die Nase ist etwas zu lang, aber gut. Vom Vater konnte sich August abgucken, wie man mit Frauen verfährt: Mätressen gehörten zum Lebensalltag wie der Kirchgang, egal, ob es um die schöne Sängerin Margherita Solicole oder die Adlige Susanne von Zinzendorf handelte. August begann seinem Vater früh nachzueifern und hatte mit 16 seine erste amouröse Beziehung mit der Hofdame von Brockdorf. Der Herr Papa hatte durchaus Verständnis und machte den Rauswurf beider durch die strenge Frau Mama rückgängig. Auf seiner großen Kavalierstour durch ganz Europa mit den Stationen Paris, Versailles, Venedig wurde er schließlich nach Aussagen enger Vertrauter „ganz verdorben“ und gab sich diversen Liebschaften hin. Aber ist es nicht auch schön für einen jungen Mann das Motto zu leben: einmal um die ganze Welt, und die Taschen voller Geld?

Die Sucht, im Mittelpunkt zu stehen – egal ob durch großartige Bauten, verschwenderische Hofhaltung, prachtvolle Feste oder riesige Kunstsammlungen – und das Verlangen nach (multipler) weiblicher Zuwendung wuchsen mit zunehmendem Alter. Geltungssüchtig, selbstgefällig, egozentrisch, ungeduldig: Ein äußerst problematisches Persönlichkeitsprofil, das Sachsen an den Rand des Abgrundes brachte. Kaum auf dem Thron, baute August ein feinmaschiges Beziehungsnetz d´amour auf – das Bett musste noch warm sein, wenn er die nächste Dame empfing. Er sammelte schöne Frauen wie andere Fürsten langweilige Kunstgegenstände oder alberne Zwerge: Aurora von Königsmarck, seine zeitweilige „Göttin der Morgenröte“, Fatima, die heißblütige Türkin aus dem Heerlager vor Wien, Henriette, die Weinhändlerstochter aus Warschau, Fürstin Lubomirska, eine exzentrische und nebenbei verheiratete Schönheit – um hier nur die Mütter seiner Kinder zu nennen. Mit 37 Jahren war August Vater von mindestens fünf illegitimen Kindern, die in der Literatur immer wieder gern kolportierte Zahl 364 dürfte dagegen maßlos übertrieben sein.

Erjagen, genießen, abservieren – so die übliche Verfahrensweise. Aurora wurde Pröbstin in Quedlinburg, Fatima an den Kammerdiener Spiegel weitergereicht. So ging das. Selbst Gräfin Cosel musste dieses Prinzip am eigenen schönen Leib erfahren, obwohl sie eine klare Sonderstellung unter den Mätressen einnahm. Als sie nach einer Quasi-Nebenehe aus politischem Kalkül verstoßen wurde, durfte sie Jahrzehnte als „Hausgefangene“ auf der Burg Stolpen zubringen. Verheiratet war August natürlich auch, aber nur aus Staatsräson.
Dieses „Monster an Ausschweifungen, Blutschande und Selbstbefriedigung“ (so das doch ein wenig übertriebene Urteil) war ganz zweifellos eitel, er wollte auch im Alter so schön sein wie in seinen besten Jahren. Da gab es aber ein kleines Problem: August litt zunehmend unter den Folgen seiner ungesunden Ess- und Trinkgewohnheiten. 1712 wog er beispielsweise 121 Kilogramm bei einer Größe von 1,76 Meter. Hinzu kamen Geschwüre an den Füßen und andere Beschwerden.

Und damit sind wir wieder bei der Geschichte des Heinrich Pocchini angelangt. Wie kam er an den Dresdner Hof? Was machte er vorher?

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