Montag, Dezember 05, 2005

Exkurs: Ein Plädoyer für das Fatum


Teuerste, mit größtem Vergnügen bemerke ich, wie du vor unseren erstaunten Augen das historische Panorama immer weiter ausrollst. Ein neuer Protagonist betritt die Bühne, der Chor singt schauerlich dazu. Unweigerlich fragt man sich: ist es wirklich Zufall gewesen, dass Friedrich August und der kleine Pocchini plötzlich so nah beieinander waren? Und dass sich der junge Prinz so demütigen lassen musste?

Für die Alten stellte sich dieses Problem überhaupt nicht, denn für sie war klar: das Fatum, also die göttliche Vorsehung, lenkt alles und jeden. Und hätten daher gesagt: „Gott wollte es so“. Für diejenigen, die ihnen darin nicht so recht folgen konnten, denen also das nötige Abstraktionsvermögen fehlte oder abging, erfanden barmherzige Leute die drei äußerst sympathischen Schicksalsgöttinnen (Moiren, Parzen, Nornen – allein dieser Gleichklang sollte einen fast meinen lassen, dass sich damit ein und derselbe „Religionsstifter“ ein Denkmal gesetzt hat). Jedes vermeintlich noch so abseitige Phänomen ließ sich auf diese Weise ohne Not in einen übergeordneten Sinnzusammenhang integrieren, und das verhalf den Menschen nicht nur zu einem ruhigeren Schlaf, sondern ersparte auch den Gelehrten eine Menge dummer Fragen. Noch die Historiker des 19. Jh. mochten deswegen nicht auf den göttlichen Willen als wichtigste Triebkraft der Menschheitsgeschichte verzichten, auch wenn sie das nun, vornehm tuend und philosophisch geschult, Ideen nannten. Welcher Erfindungsreichtum Gott zugetraut wurde, um seine „Weltregierung“ gewissenhaft auszuüben, zeigt ein schönes Zitat des Verlegers Friedrich Perthes aus dem Jahr 1829: „Deshalb können wir nie eine wahre Geschichte des Einzelnen erfahren, weil der innere Gang seiner Entwickelung u Bildung geheim bleibt - deshalb können wir auch keine wahrhafte äußere Geschichten erhalten, weil die Motive die aus dem Geschlechtstrieb hervorgehen auf alle Handlungen u Thaten Einfluß haben, die Weltgeschichte mitmachen.“ Auf die Geschichte des Pocchini angewendet heißt dies: warum sollte Gott nicht auch einen Kurfürsten in die Hand von ein paar Gesetzlosen geben und deswegen ausrasten lassen, damit daraus einst August der Starke hervorgeht?

Innerhalb dieses in toto vorherbestimmten Schicksals gab es aber immer wieder Momente, in denen der oder die Entschlossene seinen weiteren Weg zumindest ein wenig lenken konnte: indem er das Glück sprichwörtlich am Schopfe packt. Die alten Griechen, gewitzt wie sie waren, erfanden auch hierfür schnell eine Allegorie in Gestalt des Kairos, des jüngsten Sohnes des Zeus. Er wurde mit Flügeln und nur einer einzigen Haarsträhne bedeckt dargestellt - eine hübsche Analogie für die Schwierigkeit, den günstigen Augenblick zu erhaschen.

Und damit sind wir bei der eigentlichen Wurzel des Heldentums angelangt. Diese scheinen nämlich einfach schneller zu sein im Zupacken. Bzw. erkennen diesen Moment überhaupt. Ich denke, genau deswegen werden sie zu Helden, und nicht wegen ihrer Siege. Sie sind einfach auf bestimmte Chancen besser vorbereitet als ihre Mitmenschen, und können sie so optimal für sich nutzen. Ein erfolgreicher Unternehmer ist nach dieser Definition auch ein Held – „der Arbeit“. Warum diese Menschen besser im Chancenergreifen sind, weiss ich auch nicht. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass uns die neumodische Suche nach dem letzten Grund keinen Deut schlauer macht. Was hilft es uns schon zu wissen, dass das ganze Universum aus den gleichen Elementarteilchen aufgebaut ist? Und endlich die alles erklärende Weltformel gefunden wird? Nichts, überhaupt nichts! Leute, glaubt wieder an das Schicksal – und ihr fühlt euch einfach besser!

Kommentare:

Lempicka hat gesagt…

Lieber Pocc,

das Perthes-Zitat ist in Hinblick auf unsere frisch geschlüpfte interaktive Schreibwerkstatt wirklich ein Juwel - auch wenn es inmitten des Fatum-Exkurses exotisch anmutet (aber vielleicht ist gerade das die Veredelung - womit wir wieder beim Werdegang von Exoten wären).

Ich frage mich allerdings, ob die frühen Geschichtsschreiber nicht auch bereits mit Subjektivität gewürzt haben. Was meinst Du?

Lem

Lempicka hat gesagt…

P.S. Nachlässige müde Poetin. Das hast Du ja bereits nach meiner Episode am Kurfürstenhof angekündigt. Aber Deine Meinung interessiert mich trotzdem...