Donnerstag, Dezember 08, 2005

Exkurs: Elisabeth, Hug Schapler und die erfinderischen Finger

Da habe ich mich ja im letzten Kommentar weit aus dem Fenster gehängt.
So sei es.

Das Thema meiner Examensarbeit – vorgelegt vor fast 10 Jahren (wie die Zeit vergeht) – lautete: „Der spätmittelalterliche Prosaroman und sein Publikum am Beispiel des Hug Schapler“. Lapidar ausgedrückt beschäftigte ich mich mit der Frage: wann werden Bearbeiter – die besagten Auftragsschreiber – erfinderisch, was die Abschrift von erzählerischen Vorlagen betrifft, und sind sie sich dieses erfinderischen neuen Geist selbst bewusst.

Elisabeth von Nassau-Saarbrücken gab im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts die Übersetzung französischer Heldenepen in deutsche Prosa in Auftrag. Fürstliche Memoria und das Denkmal eines frühneuzeitlichen Herrscherbildes. Der Prosaroman war geboren. So auch Hug Schapler, der Metzgerssohn auf dem Königsthron.
In der Bearbeitung für den Druck wird dann bezeichnender Weise getitelt „Ein lieplichs lesen vnd ein warhafftige hystory“. Die Geschichte bleibt, das Bouquet ist neu. Es schmeckt nach mehr als linearer Erzählung historischer Fakten in gelernten Strukturen für eine begrenzte Leserschaft am oberen Ende der Gesellschaft. Die Würze entsteht, in dem Liebe, Frust und Abenteuer nicht nur Strukturmerkmale einer vorhersehbaren Handlung sind. Der bittere Beigeschmack von Scheinfreundschaften und das betörende Glück einer Liebesnacht bereichern den Plot.
Dazu dichten, das dient primär dem besseren Verständnis der Heldengeschichte – die (anonymen) Leser teilen Empfindungen, das Darstellungsschema der Biographie wird gestärkt. Nicht mehr und nicht weniger. Die Freude an schmutzigen Details des Bearbeiters gewähren einen (intimen?) Blick ins Innere des Helden, vielleicht wird sogar seine Motivation ablesbar. Na, für den besagen Zeitraum ist das natürlich ein völlig unzulässige Behauptung, aber erste Spuren von schöpferischem Willen sind unverkennbar vorhanden

Jetzt muss ich den Ball wieder zurückspielen, damit ich mich nicht noch mehr ermüde mit lästiger Theorie. Aber was glaubt ihr. Da steht ein intelligenter, des Schreibens fähiger Mensch über seiner Abschrift und hat die Chance, sich selbst zu veröffentlichen – mit seiner persönlichen Note, schwarz auf weiß gedruckt. Alles klar?

Kommentare:

Pocchini hat gesagt…

Du machst mir Sorgen, Lem. Soll ich dich bald Klio nennen? Die Poetin als Theoretikerin der Fiktionalisierung von geschichte - das hat die Welt noch nicht gesehen.

Wenn ich es richtig sehe, vertrittst du folgende These: die aktive Beschäftigung mit historiographischen Texten wurde erstmalig um 1450 dazu genutzt, um eigene Elemente unterzubringen und somit vielleicht sogar die eigene Gestaltungskraft hervorzuheben. Richtig?

Ich denke, du verwechselst da Henne und Ei, weil deine Perspektive zu kurz angelegt ist. "Geschichte" ist ein sehr junges, neuzeitliches Phänomen. Was war vorher da? Richtig, man ERZÄHLTE Geschichten. Sänger, Barden, Skalden: sie alle trugen Ereignisse aus der Vergangenheit MÜNDLICH von Generation und Generation weiter und reicherten sie mit eigenen Ausschmückungen an. Mit dem Beginn der schriftlichen Überlieferung änderte sich zunächst nicht viel: historisches Wissen blieb untrennbar mit der Epik verwoben, genauer gesagt: die Ausgestaltung durch den Dichter dominierte die vermeintlichen Fakten. Denke nur an die großen Heldenepen wie z.b. Gilgamesch (Sumer), Sinuhe (Ägypten) und natürlich die Ilias. Die (sowieso nur nebulös bekannte) Vergangenheit hatte sich stets dem Plot unterzuordnen, und jede Generation bearbeitete das Thema neu. So blieben es veränderbare "Geschichten", wenn auch durch die Verschriftlichung eine gewisse Kanonisierung einsetzte. Deine These, dass dieser "Kreativitätsschub", der "schöpferische Wille" um 1450 einsetzte, ist somit nicht haltbar. Ihn gab es lange vor der eigentlichen (Geschichts)Schreibung. Selbst die vermeintlich nüchternen Chroniken waren bestimmten gestalterischen Direktiven unterworfen.

Durch den Buchdruck geschah aber etwas anderes, sehr spannendes: die Texte konnten nun weitaus breiter rezipiert werden, und dem Autor wird die Nachfrage des Publikums offenbar. Das war sicher neu, und die Geburtsstunde des modernen Schriftstellers.

Nun bin ich auf deine Replik gespannt. Ehrlich! Vielleicht habe ich deine These falsch verstanden. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir das weiter diskutieren könnten.

Pocc

Pocchini hat gesagt…

P.S.: Schöne Beispiele sind auch Suetons Kaiserbiographien oder Einhards "Vita Caroli Magni". Sie gehorchen zwar nicht dem Versmaß, aber bestimmten "Tropen" (wie es Hayden White in "Auch Klio dichtet oder die Fiktion des Faktischen" formulierte), darunter vor allem der Ironie. Aber dazu später mehr.

Jetzt bin ich sehr müde, und muss schlafen gehen. Bis morgen, meine liebe Lem. Ich hoffe, du schläfst den Schlaf der Gerechten und träumst nicht von Tropen.

Lempicka hat gesagt…

Da hat er es mir aber gegeben. Nur:
Natürlich habe ich meinem Beitrag so stark verkürzt, dass es wohl nicht mehr verständlich war, um welchen Wandel der Erzählerpersönlichkeit es mir geht. Außerdem bin ich leider quellentechnisch nicht so bewandert wie Du und kann unzählige Beispiele aufzählen. Seufz.
Aber: Es ist so. Natürlich wurde Geschichte erzählt. Und ganz klar wurde das gar nicht unterschieden.
Die Frage ist: wann erkennt der Schreiber die Möglichkeit subjektiv zu werden? Was meinst Du Pocc ohne dutzende Quellen zu konsultieren? Einfach so...

Pocchini hat gesagt…

Entschuldige bitte, ich wollte dich nicht mit diesem Quellenwust erschlagen. Jetzt wird mir deine Fragestellung klarer: dir geht es um das Bewusstwerden von Gestalten. Gibt der Sänger einfach nur Gehörtes wieder mit einer mehr oder minder hohen Fehlerquote, oder gestaltet er bewusst neu - also: mit einer klaren Vorstellung von der Wirkung? Hierzu müsste man zwei Unterfragen beantworten: hatte er das geistige Vermögen, konnte er sich also von der Macht der Tradition lösen, und: war das innerhalb des kultischen und sozialen Gefüges überhaupt möglich?

Die Frage zielt auf etwas Grundsätzliches: War der Mensch früherer Epochen ebenso frei in seinem Denken und Handeln wie wir (nach erfolgter Aufklärung)?

Ich denke: Ja! Seit Anbeginn der Zeiten war bei einigen wenigen Menschen das Vermögen da, und sie konnten sich auch die Gestaltungsspielräume (und sei es als als Auftragsproduzenten) verschaffen. Und waren sich ihrer schöpferischen Kraft durchaus bewusst. Man denke da nur an die selbstbewussten Inschriften der Künstler und Baumeister ägyptischen Gräbern. Huch, schon wieder eine Quelle!!!

Ist deine Frage nun beantwortet, meine Liebe?

Pocc

Lempicka hat gesagt…

Ah,werter Pocc,
so verstehen wir uns doch noch.
Allerdings liegt mir das alte Ägypten natürlich zu früh. Denn dann wäre der Zeitpunkt für meine These unwesentlich gewesen. Mmmmmh, da muss ich nochmal in Ruhe drüber nachdenken. Erstmal eine Tüte Schlaf.
Vielleicht hatten dazumal (also vor dem 15. Jh.) die Skribenten mehr Respekt vor den Werken, die sie für die Nachwelt überliefern durften. Der Auftrag war unter anderem eben Überlieferung. Das hat sich durch die Möglichkeit der automatischen Reduplikation ganz klar geändert.
Damit ist es natürlich auch etwas beliebiger geworden...

Lem wird weiter sinnieren
Gute Nacht