Sonntag, Dezember 04, 2005

Exkurs: Vom Findelkind zum Helden - ein Topos in der Weltgeschichte

Edle Dichterin, es ist außerordentlich interessant, auf welche Weise Pocchini in die Welt tritt. Nämlich als Findelkind, welches von einem Mann aus dem Volke gefunden und vor wilden Tieren gerettet wird. Dieser „Traumstart“ ins Leben eröffnete häufig eine anschließende Heldenbiographie. Schauen wir uns doch einige davon näher an.

Der sogenannte gediegene Bildungsbürger denkt natürlich sofort an das Schicksal des Moses. Was für eine Karriere: vom Körbchen im Nilschilf über die Stationen Heuschreckenplage, brennender Dornbusch und goldenes Kalb zum Religionsstifter und wichtigsten Gesetzgeber der israelitischen Stämme. Im heutigen Sprachgebrauch nennt man sowas „nationbuilder“.

Für sich betrachtet recht spannend, mutet dieser Lebenslauf geradezu harmlos an im Vergleich zum Werdegang einer ganzen Phalanx griechischer Heroen. Sie verdankten ihr Schicksal (und ihre Gene) fast ausnahmslos der Wollust des lendenstarken Zeus und dem Hass seiner lieben Gemahlin Hera auf die vielen Nebenbuhlerinnen. Der Göttervater war ein echtes Schwein – hatte er nicht am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, sein Dasein als Findelkind zu fristen? In einer kalten Höhle auf Kreta zu greinen, umgeben von einer Horde lärmender Krieger und gesäugt von der alten Ziege Amaltheia? Seine Mutter musste das kleine Hascherl vor seinem Vater Kronos verbergen, der aus Angst vor seinem geweissagten Ende alle Kinder verschlang. Und in seiner Gier noch nicht einmal bemerkte, dass er anstelle von Zeus einen gewindelten Stein herunterwürgte. Das Zerkleinern der Nahrung mit den Zähnen scheint damals noch nicht envogue gewesen zu sein.

Aber wen interessieren schon die Geschichten von gestern. Und so mussten die Früchte von Zeussens Lust eben auch leiden. Denken wir nur an den armen kleinen Perseus: hervorgegangen aus einer hinterhältigen Penetration der Danae in Form eines goldenen Regens, wurde er in einen Kasten gesteckt und ins Meer geworfen. Aus ihm wurde dennoch etwas: der Bändiger des Pegasus und Sieger über die Medusa, Befreier der bezaubernden Andromeda und nicht zuletzt Stammvater des mykenischen Königsgeschlechts. Ja, er hat sich sein Sternbild redlich verdient.
An Paris, diesem frechen Schlingel, war Zeus ausnahmsweise nicht körperlich beteiligt. Vater Priamos ließ ihn aussetzen, weil ihm orakelt wurde, dass dieser Knabe maßgeblich zur Zerstörung Trojas beitragen werde. Leider war Priamos eine mitfühlende Natur, und schlug den guten Rat der an sich selbst verzweifelnden Kassandra, diesen Knaben doch bitte zu töten, in den Wind. Die Folge: der gleiche tückische Wind beförderte Paris viel später übers Meer zu Helena, die beiden Frischverliebten nach Troja, die Schiffe der rachedurstigen Griechen kurz darauf auch dorthin, und schließlich die Asche Trojas zurück ins Meer. Der Hirt, der Paris einst rettete, konnte all das natürlich nicht wissen. Er war ein Philanthrop reinster Ausprägung.

Um auch den Römern die ihnen gebührende Beachtung zu Teil werden zu lassen, wollen wir nicht verschweigen, dass selbstverständlich auch an deren Wiege ein Findelkind stand. Unsinn, es waren ja gleich zwei: Romulus und Remus, die von der Capitolinischen Wölfin gesäugt wurden. Natürlich haben wir alle die gleichnamige Bronzeplastik mit den vielen großen Zitzen vor Augen. Mit dieser hübschen Spielart wollen wir das Kaleidoskop historischer Findelkinder beschließen.

Perseus, Paris, Pocchini – gibt es ein Gesetz der Serie? Haben Findelkinder automatisch eine Platzkarte für den Heldenzug? Warum eigentlich? Weil sie immer danach streben, es dem unbekannten bis feigen Vater so richtig zu zeigen? Wird also unser Pocchini auch zum Helden, weil er keinen Vater hatte, ausgesetzt wurde und weil es der Sachse wie all die anderen Philanthropen vor ihm nicht gepeilt hat, der „List der Vernunft“ zum Opfer gefallen zu sein? Was meint ihr dazu?

1 Kommentar:

Lempicka hat gesagt…

Werter Pocc,

lese die folgende Episode des Abenteuerromans, und es wird deutlich. Nicht immer ist es die feige, unbekannte Vatergestalt, die den Helden zur Selbkasteiung zwingt.
Es ist wohl so: das Trauma am Rande eines Weges tritt die Figur so richtig in den Arsch. Getrieben wird er sich entwickeln. Zum Guten oder zum Schlechten.
Wo liegt die Wurzel für die Richtung? Vielleicht werden wir es im Laufe der Erzählung erkennen können.

Lem