Freitag, Dezember 09, 2005

Exkurs: Wäre Pocchini lieber heutzutage gereist?

Ich muss mich schon sehr wundern, dass die Dichterin neuerdings im Revier des Historiographen wildert. Auch wenn der Exkurs äußerst gehalt- und geistvoll ist, gilt doch die alte Regel: "Schuster, bleib bei deinem Leisten". Also sei auf der Hut!

Aber zurück zu Pocchini: Noch ist unser Held klein, und wird eher unfreiwillig von A nach B befördert oder vielmehr geschleppt. Später aber wird er – so es das Schicksal will (habt nur ein wenig Geduld mit der abschweifenden Dichterin ;-) – aus eigenem Antrieb reisen. Und zwar nicht gerade bequem, und nicht gerade schnell. Hätte er gern mit uns getauscht? Diese wichtige Frage stelle ich mir, gerade selbst im Zug von Jena nach Hamburg sitzend.

Nehmen wir doch mal an, Pocchini hätte die gleiche Tour zurücklegen müssen. Der Arme wäre dann tagelang unterwegs gewesen und arm geworden. Selbst im frühen 19. Jh., also kurz vor der Geburt der Dampfrösser, benötigte der passionierte Reisende Friedrich Perthes von Gotha nach Hamburg 3-4 Tage und musste dafür 61 Taler und 4 gute Groschen löhnen. Das war viel Geld – sein armer Sohn Clemens musste mit dieser Summe 2 Monate lang als Student in Bonn auskommen. Während der Vater der festen Überzeugung war, dass er damit „gut auskommen wird“, verprasste der Lebemann dann doch einiges mehr und musste sich schwere Vorwürfe gefallen lassen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wie spannend lesen sich doch die Reiseberichte dieser Zeit. Da konnten schon mal Deichseln brechen, Wagen umkippen, Pferde durchgehen und dabei die Fahrgäste nicht nur hinter, sondern auch mal unter sich lassen. Und den leeren Wagen gleich mitnehmen. Ach, wie schön ließ es sich doch im beengten Coupé zanken! Auf einer Kutschfahrt nach Koblenz im Jahre 1829 notierte Freund Perthes genüsslich über seine beiden Reisegenossen: „So wurde zum Glück Streit. – dieser alte Mainzer hatte nur Sinn für Weinbau u Weinsuff – ein abscheulicher Jacobiner, der sich heftig ärgerte, daß sein seliger Vater weniger zu arbeiten nöthig hatte als er u doch besser lebte. Gegen ihm über saß ein Mann u laß, dem sagte er: „das ist wohl eine Anweisung zum Keltern?“ – „Nein, es ist Göthe Schillers Briefwechsel.“. Leider wissen wir nicht, wie die beiden Kontrahenten ihre „Diskussion“ auf der nächsten Poststation fortsetzten. Andere Fahrgäste machten aus einer langen Reise ein Fest, und tafelten fürstlich im Wagen – der Buchhändler Hoffmann hatte stets eine ganze Speisekammer an Bord für den Fall der Fälle. Liest man dann noch des Freiherrn Knigges lange Liste von Ratschlägen für den unerfahrenen Reisenden („Will man sich ausruhn, so hüte man sich, zu nahe an der Straße sich unter einen Baum zu legen. Das sind gewöhnlich Plätze, wo Bettelleute sich lagern und Ungeziefer zurücklassen.“), ist man schlichtweg begeistert. Eine einfache Reise quer durch Deutschland setzte mehr Adrenalin frei als jede noch so gefährliche Extremsportart.

Heute hingegen: Für jedermann erschwingliche Reisekosten. In 4,5 Stunden von Jena nach Hamburg ohne die geringste Chance, sich auch nur einen einzigen Floh einzufangen. In einem sterilen Zug, der sich so schnell durch das Land frisst, dass selbst die Funksignale meines Mobiltelefons abgehängt werden. Apathische, egozentrische Reisende, die dösen, lesen oder (wie ich jetzt auch) auf die Tastatur ihrer Notebooks eindreschen. Bloß keine Kommunikation – außer mit dem freundlichen Schaffner. Selbst mein zaghafter Versuch, einen Streit anzuzetteln (Bissige Frage: „Sitzt hier jemand, oder warum steht da dieser Koffer???“ – obwohl der restliche Waggon so gut wie leer ist ;-), verglimmt schon im Ansatz (Müder Konter: „Dann muss ich den wohl hochstellen“) – wie langweilig.

Fazit: Ich bin mir sicher, dass Pocchini nicht mit uns getauscht hätte. Wenn – ja wenn er kein Weichei war. Oder sieht das irgendjemand anders?

Kommentare:

Lempicka hat gesagt…

Mensch Pocc,

jetzt bin ich aber etwas traurig, dass ich dich nicht herausfordern konnte mit meinem mir sehr hart aberungenen Kommentar zu den res gestae und ihren Verunglimpfungen - oder sollte ich sagen der Maniküre? Wie auch immer. Bin recht Glühwein-Weihnachtsmarkt-Angetrunken und kann in diesem Zustand unmöglich die Neugier der Leser stillen. Oder doch? Mir ist da noch nach einem traurigen Lied von Friedrich Pocker, ja so ist der Wenigen bekannte Name des Outlaws Sachs.

Lem

Pocchini hat gesagt…

Sei nicht traurig, es ist doch ein gutes Zeichen, wenn ich erst jetzt auf diese Herausforderung reagiere. Tagelang zerbrach ich mir den Kopf, reiste in die Welt hinaus um das Problem mit anderen Historikern zu diskutieren. Jetzt will ich es wagen, dir, du kluge Frau, entgegenzutreten. Siehe meinen Kommentar beim "Hug-Artikel".

Du warst auf dem Weihnachtsmarkt? Um Kraft zu tanken für unseren Wettstreit? Oder aus niedrigen Gelüsten heraus?

fragt sich

Pocc

Lempicka hat gesagt…

Niedere Gelüste? Sind mir fremd.

Lem

Pocchini hat gesagt…

Gott, ich danke dir dafür. Ich könnte es nicht ertragen, die Diva besudelt zu sehen.

Pocc

MiBo hat gesagt…

Ich bin auch einmal von Jena nach Hamburg gereist und mir ziemlich sicher, dass Pocc ungern mit mir getauscht hätte.
Mit dem "Schönes Wochenende"-Ticket, der Name ist der pure Hohn, durch die Provinz.
Man, man - von übergelaufenen Toiletten bis zu bösen Männern in Holzfällerhemden (und mit Hunden) war alles Böse dieser Welt mit mir im Zug!
Zudem gibt es direkt neben dem Jenaer Bahnhof einen Kiosk, dessen Besitzerin uralt ist und die deswegen wohl ein sehr, sehr schlechtes Gehör zu haben scheint. Wie sonst könnte man erklären, dass die Türklingel, die beim Eintritt ertönt, sich wie ein Esel anhört... Wie ein kranker Esel, der soeben geschächtet wird!
Ich denke, genauso muss sich auch der alte Pocchini angehört haben, wenn er sich im Vollmondlicht in einem Tümpelspiegelbild gesehen hat.

Lempicka hat gesagt…

Also, ich muss schon sagen MiBo. Geschächtete Esel schreien jetzt in unserer gediegenen Unterhaltung. Allerdings: die Vorstellung mit dem alten Pocchini ist super, den Faden werde ich vielleicht wieder aufnehmen.

Lem