Sonntag, Dezember 04, 2005

Friedrich August und die Geißel

Während der Sachs seine fragile Beute zurück ins Lager der Räuber trug, erfuhr ein 6-jähriger ebenfalls eine beißende Lektion.

Friedrich August saß zu Füßen seines Vaters. Eifrig salbte er die geschundenen Füße des Vaters. Dieser war im Walde Opfer der verlausten Räuberhorde geworden, die ihn barfüssig über Stock und Stein jagte. Das musste man sich vorstellen. Wilde, mit Fell behangene Gesetzlose demütigten seinen Vater bis auf die Knochen. Er musste über die Felder der Bauern springen wie ein Narr und wurde von den ermutigten Bauern noch mit Zuckerrüben beworfen. Oh, er hatte gewütet, geschrien, gespuckt und um sich geschlagen, als seine Gefolgschaft ihn derart geprügelt in Gewahrsam nahm.

„Pass doch auf du Nichtsnutz!“ Die schwer beringte Hand des Vaters fuhr auf Friedrichs geduckten Rücken hinab. „Entschuldigen Sie, bitte, es wird nicht wieder geschehen.“ Gedankenversunken war er wohl mit seinen massierenden Kinderhänden in eine offene Wunde geraten.
Sein Bruder, Johann Georg, hatte in diesem Moment den Raum betreten. „Schau, wie der kleine Hund sich an Ihren Wunden labt, werter Vater. Er will Euch wohl verhöhnen?“ Der Vater stieß Friedrich mit den Füßen in den Raum. Friedrich rollte sich zusammen, wollte im Boden versinken. „Ich habe indes von dem Sohn des Tuchmachers erfahren, dass die Räuber im Dorfkrug zu Kesseldorf ein Gelage hielten bevor sie zur Tat schritten.“ Johann stand mit stolz geschwellter Brust über Friedrich. „Formidabel, Johann, formidabel. Ich werde jedenfalls einen Trupp entsenden. Erwischt es nicht die Räuber, so doch wenigstens den Wirt, der sie zuvor gevöllt hat.“ Er lachte schallend.

Friedrich schlich sich, während der Vater dem tapferen Sohne anerkennend auf die Schulter klopfte, aus dem Raum, die Tränen der Wut unterdrückend.
Er schlug sich in seinem Zimmer mit einer grobgliedrigen, klobigen Silberkette kräftig auf seine Oberschenkel. Die Kette diente ihm seit Vollendung seines fünften Lebensjahres, als er sie einem tollwütigen Hund im Kampf vom Halse riss, als Geißel. Sie hatte Stacheln, die einst den Hund bändigen sollten, und jetzt ihm dazu dienten, den Schmerz der Demütigung am eigenen Leibe zu vollziehen. Es erhob sich ein roter brennender Streifen auf dem Kinderbein. Er biss die Zähne zusammen und sprach zu sich „Meine Macht wird die Eure eines Tages bei weitem übersteigen. So wahr ich diesem Monster die Kette entrissen habe, werde ich auch Reichtum und Ansehen an mich reißen.“

1 Kommentar:

Pocchini hat gesagt…

Teure Lem,

du bist so klug, dass es mir Angst macht. Denn du sprichst ein heikles Thema an: die Subjektivität des Historikers, die nie ganz zu unterdrücken ist. Du fragst (sicher mit einem wissenden Lächeln): Ist die Vorliebe für den klassischen, also männlichen Helden und für die Geschichte der Sieger gerechtfertigt? Oder spiegelt sich hierin der biographische Background des Forschers wider? Anders gefragt: Gibt es gar keine tragischen Helden? Und welche Rolle spielt der Zufall für die Heldengenese?
Und lieferst dann im Handumdrehen das Gegenbeispiel, das mich zum Nachdenken bringt. Haben wir solche Momente nicht alle irgendwann erlebt? Stecken diese Begebenheiten nicht noch Jahrzehnte wie Harpunen in unseren Herzen und lassen es immer wieder aufbrechen? Und treiben uns – wie du so schön sagst – durchs Leben? Ich komme nicht umhin, mich mit diesem spannenden Fragenkomplex in Kürze zu beschäftigen.

Pocc