Mittwoch, Dezember 07, 2005

Pocchini und August: Eine erste Bestandsaufnahme

Liebe Lem, nach dieser wunderschönen, geradezu klassizistisch anmutenden Räuberszene in der freien Natur ist es an der Zeit, eine Prognose für den weiteren Lebensweg unserer Helden zu abzugeben. Hierzu möchte ich auf ein mächtiges Tool zurückgreifen, ohne dass heute kein Entscheider mehr handlungsfähig ist: die grandiose SWOT-Analyse. Meint Strength/Weakness-Opportunities-Threats, oder zu gut deutsch: Stärken-Schwächen/Chancen-Risiken.

Politisch korrekt im Selbstverständnis des Barock fangen wir mit Seiner Majestät dem Kleinen Prinzen an:

STÄRKEN: Genau, er ist Prinz, hat also jede Menge Geld und darf sich alles erlauben. Zudem soll er körperlich sehr stark sein (postumer Beiname „Sächsischer Hercules“!).
SCHWÄCHEN: Leider nur Zweitgeborener.
CHANCEN: der ältere Bruder ist eine schleimscheissende Weichwurst. Ihm könnte etwas zustoßen.
RISIKEN: August darf sich nicht den dauerhaften Zorn des Herrn Vaters zuziehen, sonst wird er womöglich rausgeworfen.

Nun zum armen Untertanenkind:

STÄRKEN: Im Moment sind beim besten Willen keine erkennbar.
SCHWÄCHEN: Keine sorgenden Eltern, und dann auch noch ein völlig erodiertes Antlitz.
CHANCEN: Es kann alles nur besser werden.
RISIKEN: Die hohe Kindersterblichkeit der damaligen Zeit. Das kleine Bündel muss es schaffen!

Soviel zur Grausamkeit der göttlichen Vorsehung, die allerdings keineswegs linear verläuft. Nicht wahr, edle Dichterin? Spann´ uns bitte nicht so lange auf die Folter!

Kommentare:

Lempicka hat gesagt…

Na, Du gehst ja recht eigenmächtig mit der Zeit um. Muss schon sagen. tststs...

Muss mich über die Kategorisierung als Prinzenkind und Untertanenkind beschweren. Das Bündel ist Niemandes Untertan, genau das ist ja sein Chance. Völlig vogelfrei ins Leben gekrochen ist das Gewürm, das eigentlich bereits dem Tode geweiht war. Welch göttlich schöne Ausgangsposition - oder?

Lem - die immer noch weihnachtlich-Glühweingetränkte

Pocchini hat gesagt…

Weise Lem, zurückgekehrt von meinem Ausflug in die Welt des akademos, fühle ich mich nun gestärkt, um deine kniffligen Fragen und den Theorieexkurs angemessen zu beantworten. Ich beginne mich mal warmzulaufen ... und muss dich leider korrigieren: spätestens seit Luther den Landesherrn zum "Amtmann Gottes" und somit zum irdischen Sachwalter des HErrn ernannt hat, gehörte diesem zumindest in den protestantischen Gebieten alles und jeder. Selbst der Klerus musste sich unterordnen. Das beschleunigte die Ausbildung des frühmodernen Staates, also die Eliminierung von Mediatgewalten ungemein. Oben der Landesherr, unten der Untertanenverband. Egal ob vogelfrei oder nicht, es waren alles "Landeskinder".

Wie weit sich die Macht des Fürsten tatsächlich in die einzelnen Bereiche erstreckte, ist eine ganz andere Frage. Daraus resultierte die jeweilige Freiheit des einzelnen Individuums oder bestimmter Korporationen. Da sich niemand für den kleinen Pocchini zuständig fühlte, hatte er tatsächlich eine "göttlich schöne Ausgangsposition", darin sind wir uns einig.

Ach es ist herrlich, wie du mich forderst. Jetzt gehe ich die schweren Brocken an...