Freitag, Dezember 23, 2005

Das Jahr neigt sein müdes Haupt

Werter Pocc, werte Leser,
das Jahresende naht und die Diva muss reisen. Da sie sicherlich keine Möglichkeit finden wird, sich auf die Datenautobahn zu schleusen, wird sie zwar weiter schreiben, aber doch nicht veröffentlichen, muss also folglich die ungeduldigen Herzen bitten, auf das neue Jahr zu warten.

Aber ein kleines Geschenk möchte ich doch noch schnüren. Für alle geneigten Fans unseres Helden Pocchini – denn um seine Menschwerdung geht es ja – möchte ich gerne Bilanz ziehen. Vielleicht wird Pocc, das historische Gewissen, Antipode und doch fruchtbare Ergänzung, der die Schatzkiste voller interessanter Trouvaillen aus allen Epochen öffnet, auch Bilanz ziehen? Wir werden sehen.

Im Anfang die Geburt. Unser Held darf leben. Das ist die gute Nachricht. Aber er wird direkt aus dem mütterlichen Leibe in die Arme der Einsamkeit und Finsternis geworfen. Im Wald ausgesetzt gerät die Frucht aus grober Gewalt gewachsen in die Hände eines ehrenwerten Räubers, der die Geschicke seiner frühesten Jahre leiten wird. Eine glückliche Fügung für das kleine Wesen, welches mehr einem Monstrum als einem Menschenkind ähnelt.
Eine erste Begegnung mit Friedrich August, dem zukünftigen Kurfürsten von Sachsen, steht kurz bevor. Die Heimat des jungen Pocker ist feindlich mit der Brutstätte der Kurfürsten verbunden. Seid versichert, dass die Entwicklung dieser beiden ungestümen Charaktere sehr intim miteinander verwoben bleiben wird. Ob sie Freund oder Feind werden? Das sei noch nicht verraten an dieser Stelle.
Allerdings ahnen wir schon jetzt, dass durch das Wirken der Mütter, die sich aus der brutalen Hand der männlichen Despoten in die warme Mulde des Glaubens flüchten, auch Bänder der Herzen zwischen den Orten gesponnen werden. Bahnt sich doch in diesem Moment das Zusammentreffen der Kurfürstin Anna Sophia und der armen Nonne an.
Wie der werte Pocc bereits niedergeschrieben hat, wird die Entwicklung unserer beiden Helden durch Vaterlosigkeit bestimmt. Heinrich hat keinen Vater. Noch schlimmer. Sein biologischer Vater, ein Tuchmacher aus Seidenberg, hat seiner Mutter Gewalt angetan. Der Tod greift allerdings nicht nach der Waise, sondern das Schicksal legt ihn in die Hände des Mannes, der sich aus der Zivilisation zurückgezogen hat, weil er auf grausame Art und Weise verloren hat, was er liebte.
Friedrich hat einen Vater. Der verachtet seinen verweichlichten Sohn, behandelt ihn wie einen Hund. Er zieht seinen älteren Sohn Johann Georg vor, der für seinen Bruder nur Verachtung kennt, immer auf seinen Vorteil bedacht. Wird Friedrich sich der liebenden und schützenden Hand der Mutter endgültig entziehen, um Anerkennung in der Welt seiner männlichen Vorbilder zu erreichen?

Die Helden sind mir bereits ans Herz gewachsen und ich lasse sie ungern alleine in diesem Jahr zurück. 2006 wird sich ihr Weg dem geneigten Leser weiter entfalten. Die Diva wünscht einen Ausklang in DUR.

Sonntag, Dezember 18, 2005

Anna Sophia reist „Zum heiligen Kreuz“

Pocchini fragte nach den Frauen, die natürlich die an den entscheidenden Knotenpunkten die Fäden spannen. Deshalb wird an dieser Stelle eine neue Begegnung von schicksalshaftem Zuschnitt serviert.

Die Kurfürstin war außer sich vor Wut und Verzweiflung. Ihr Friedrich war nicht zurückgekehrt, entführt von Gesetzlosen in den Tharandter Wald. Diese Strafe riss ihr Herz entzwei. Als Johann Georg es ihr sagte, wurde ihr Blick eisig. Sie schlug ihm fest ins Gesicht. Er zuckte zusammen, senkte sein Haupt und schwieg. „Ich verabscheue dich zutiefst. Wenn Du wenigstens an deine Kinder denken würdest.“ Er versuchte schuldbewusst zu schauen, aber das kannte sie bereits. Er griff nach ihrer Hand. Sie stieß ihn zurück und schrie: „Geh zu deinen Huren und fass mich nicht an.“ Er drehte sich um und verließ den Raum.

Sie hatte keine Tränen mehr für die Verletzungen, die ihr Mann ihr zugefügt hatte. Sie hatte nur den Glauben. Sie rief Franz, den Knecht, der ihr Vertrauen genoss.
„Franz, Friedrich ist entführt worden. Das Lösegeld ist der Friede für Kesselsdorf. Du kennst Johann Georg. Ich kann Friedrich nicht seinem Schicksal überlassen.“ Franz fragte: „Wie kann ich euch helfen?“ „Mein älterer Sohn,“ sie sprach nicht ohne Abscheu. „Er hat gesagt, dass der Mann den Tod des Wirtes und seiner Familie verhindert hat. Er muss ein Herz haben. Er...“ „Fürstin, ich werde euch gerne Geleit geben. Ich habe den Mann, der sich Friedrich Pocker nannte, gesehen. Er wird Wort halten. Wenn ihr der Zeit nicht traut, werden wir sie verkürzen und ihn suchen. Wir werden heute noch die Strecke bis zum Kloster zwischen Tharandt und Harta hinter uns bringen können. Dort könnt ihr dann bleiben, während ich nach eurem Sohn suche.“ Franz verbeugte sich, um ihr seinen Dienst anzubieten. „Zum heiligen Kreuz. Ja, sattel die Pferde. Wir sollten keine Sekunde zögern.“ Franz eilte davon.

Die Äbtissin öffnete das Fenster am Tor. Es war früher Abend. Sie erwartete keinen Besuch. „Wer da?“ „Äbtissin Agatha. Ich bin es Anna Sophia, mit meinem Begleiter, Franz.“ Die Äbtissin öffnete das schwere Tor und ließ die beiden späten Besucher ein. Häufig schon hatte Anna Sophia dem Kloster mit großzügigen Spenden geholfen. Sie war ein gern gesehener Gast. Aber gerade jetzt? Sie musste eine schwere Krise bewältigen und konnte da keine adligen Freunde des Klosters brauchen. Anna Sophia spürte, dass sie nicht mit offenen Armen empfangen wurde. Sie folgte der Äbtissin durch den Kreuzgang. Der Wind blies eiskalt in ihr Gesicht. Als Sie die Eingangshalle betraten, tränten ihr die Augen. Sie hörte Agatha zischen: „Verschwinde!“ Eine Schwester warf sich zu Füßen der Äbtissin und flehte: „Verstoßt mich nicht. Bitte. BITTE!“ Agatha presste bösartige Worte hervor: „Du elende Mörderin hast keine Gnade vor Gott dem Herrn verdient. Du wirst das Kloster morgen verlassen.“ Die Schwester wurde von Krämpfen geschüttelt und Anna Sophia war ob dieser Szenerie beschämt und erzürnt zugleich.

Was hatte dieses arme Kind Gottes getan, um von der Äbtissin derart verstoßen zu werden. Gottes Gnade konnte nicht von Menschenhand – und sei diese Hand auch ein ausführender Arm Gottes – entzogen werden.

Dienstag, Dezember 13, 2005

Exkurs: Untertanen und Fürst im Prozess der Zivilisation

Liebe Lem, ich bin ins Hintertreffen geraten, weil mich zwischendurch andere Dinge mental zu sehr beanspruchten. Mein Herz war schwer, mein Kopf so leer. Bitte verzeih mir das.

Heute will ich dich und die Leser nicht schon wieder mit einer Anhäufung von Quellen erschlagen, um den Ruf des Historikers als notorischem, erbsenzählendem Besserwisser einmal mehr zu untermauern. Nein, heute will ich mich einmal einer wichtigen gesellschaftspolitischen Frage widmen: wie gestaltete sich das Verhältnis zwischen Untertanen und Herrschenden im Verlauf des Zivilisationsprozesses? Welche Rolle spielten dabei das „Sinken der Gewaltbereitschaft“ und das „Vorrücken der Schamgrenze“?

Es ist schon atemberaubend, was wir da gerade lasen. Mitten im friedlichen Erzgebirgsvorland kommt es zur Revolution im Kleinen: da wird die Verkörperung des frühmodernen kursächsischen Staates gleich zweimal von den Outlaws gedemütigt, in bester Robin-Hood-Manier. Von seinem Gottesgnadentum ist nicht mehr viel erkennbar, dafür treten allzumenschliche Eigenschaften hervor. (Dabei waren die paar Halunken nichts gegen die Räuberschar des Lips Tullian alias Elias Schönknecht, die jahrelang ganz Sachsen unsicher machte und so manchen Adligen erleichterte, bis der Hauptmann schließlich 1715 in Dresden seinen Kopf verlor.)
Merkwürdig. In der Schule lernten wir noch: die mittelalterliche und frühneuzeitliche ständische Gesellschaft war sehr statisch. Wehrstand, Lehrstand, Nährstand – fertig ist die Laube. Der thumbe Bauer wurde als solcher geboren und dachte gar nicht daran, das Leben seines adligen Grundherren zu führen. Oder gar als Kleriker sein Leben zu beschließen. Er achtete und ehrte seine Herren. Niemand hätte es gewagt, an der Gottgegebenheit und Ewigkeit dieser Ordnung zu zweifeln. Alles war so klar, so schön. Aber anscheinend nicht im Bewusstsein dieser verdammten sächsischen Vagabunden!!! Bald kam es noch schlimmer. Erst regten sich die Untertanen von Louis XVI. über die Verschwendungssucht seiner geliebten Marie Antoinette auf und verbreiteten anzügliche Pasquillen über die Ursachen. Als ob das noch nicht gereicht hätte, purzelten schließlich die royalen Köpfe. Ludwig I. von Bayern traf es 1848 noch härter: da reichte schon die Affäre mit der Tänzerin Lola Montez, um ihn zum Abdanken zu bewegen. Kaiserin Sissi wurde erstochen, Kronprinz Franz Ferdinand erschossen. Die Gewaltbereitschaft gegenüber den Herrschenden scheint eher zu steigen als zu sinken, die Scham dagegen eher zurückzugehen als zuzunehmen. Ist also Norbert Elias´ Theorie falsch?

Für die heutige Zeit scheint er Recht zu behalten: die Politiker werden nicht mehr gemeuchelt, wenn sie aus Versehen ein paar Fehler machen. Kein Mensch würde sich persönlich an Manfred Stolpe oder Hans Eichel vergreifen. Der Aufschrei über die harmlose Ohrfeigung des Kanzlers durch den armen Schulmeister zeigte sehr schön, wie zivilisiert wir Untertanen uns gegenüber den Herrschenden verhalten. Und warum? Weil sich zwischen den wütenden Pöbel und die Politiker eine heilsam ausgleichende, die Gewaltbereitschaft minimierende Macht getreten ist: die öffentliche Meinung. Aus dem Dolch wurde – über den Umweg der Guillotine und des Pflastersteins – die Feder bzw. Tastatur. BILD ist der Anwalt des gemeinen Mannes, für Millionen ein unverzichtbares soziales Ventil. Und mächtiger als jede Räuberbande, denn die moderne Hetzjagd ist nicht nur unblutig, sondern auch sehr effizient. Die Herausforderer des Kurfürsten mussten noch damit rechnen, selbst aufgespießt zu werden. Das hat der Käufer der BILD nicht mehr zu befürchten.

Was für einen hohen Preis muss aber der Fürst der Gegenwart für sein Recht auf körperliche Unversehrtheit zahlen: durfte sich August der Starke ungestraft mit vielen vielen Frauen gleichzeitig vergnügen und zum Katholizismus übertreten, stellte der minutenlange Fehltritt des mächtigsten Mannes der Welt mit nur einer Frau einen weltweiten Skandal dar. Die Schamhaftigkeit der Moderne erlaubt dem Pöbel also eine sittliche Kritik am Herrschenden, und gräbt der Gewaltbereitschaft das Wasser ab. Dennoch sei die Frage erlaubt: führt die „vorgerückte Schamgrenze“ nicht ebenso zwangsläufig zur Anarchie wie die nun hinwegabonnierte Gewaltbereitschaft? Wäre es für alle Beteiligten nicht viel besser, die Schamgrenze wieder ein wenig höher zu hängen und viel, viel lockerer mit unseren Mitmenschen umzugehen? Das frage ich dich, liebe Lem!

Sonntag, Dezember 11, 2005

Das Kesselsdorfer Jagen

Die Pferde wurden gesattelt.
Von Dresden nach Kesselsdorf sollte der Ritt gehen, um die Fürstenfrevler zu erwischen. Der Morgen war noch nicht angebrochen. Anna Sophie sah aus dem Fenster. Sie bekreuzigte sich. Stundenlang hatte sie versucht, ihren Mann zur Vernunft zu bringen, diese Schmierenkomödie zu vergessen, sich nicht seinen Rachegelüsten hinzugeben. Der Jähzorn ihres Mannes allerdings war nicht zu stillen. Vater und Sohn bestiegen die Pferde. Ihr Atem blieb fast stehen, als sie eine weitere, kleinere Gestalt heranlaufen sah. Friedrich August. Nein, nicht auch er.

Friedrich August lief zum Pferd seines Vaters, zog an seinem Wams.
„Was ist denn – verdammt?“
„Vater, lass mich mit euch reiten.“ Friedrich hielt seine Kette fest umklammert.
„Du, geh lieber deine Karriere als Bühnenjeck ausbauen. Du bist nicht gemacht für den Kampf.“ Johann mischte sich sofort ein, um Friedrich zu diskreditieren und ins Lächerliche zu ziehen.
„Vater, bitte.“ Vor Anspannung war die Ader auf Friedrichs Stirn hoch angeschwollen.
„Ach, sei’s drum. Lass den Knaben mitreiten. Da lernt er einen Lektion.“ Der Vater sprach’s und gab seinem Pferd bereits die Sporen.
Johann warf Friedrich einen verächtlichen Blick zu und folgte seinem Vater.
Friedrich August sprang auf das Pferd, welches der Stallknecht augenblicklich für ihn bereit stellte. Er atmete tief ein und stieß erleichtert die Luft wieder aus. Jetzt konnte er seinem Vater zeigen, was in ihm steckte.

Anna Sophia schloss die Augen. All ihr Bemühen, ihrem jüngsten Sohn ein anderes Weltbild zu vermitteln, würden scheitern. Es zeriss ihr das Herz. Sie nahm ihren Rosenkranz und zog sich in die kurzfürstliche Kapelle zurück.

Der Kesselsdorfer Schankwirt kehrte gerade seine Schenke aus. Er hatte Türen und Fenster geöffnet, um die verbrauchte, rauch- und alkoholgeschwängerte Luft auf die neblige Gasse zu blasen. Es war eine lange Nacht gewesen. Seit die Hatz auf den Fürsten stattgefunden hatte, hatte seine Schenke besonders viel Zulauf. Seine Frau hatte die Fürsten-Farce auf die Karte genommen. Sie erfreute sich besonderer Beliebtheit wie auch die Johanns-Haxe. Die Bürger feierten ausgiebig die Verhöhnung des eitlen Fürsten. Er kehrte die abgenagten Knochen zusammen.
„Verschwinde!“ Er verpasste dem räudigen Kater, der in den Resten rumstöberte einen Tritt.

Plötzlich hörte er harte Hufschläge auf dem Kopfsteinpflaster. Er hörte Fensterläden aufklappen. Neugierig ging er auf die Straße und wurde beinahe von einem großen, massigen Wallach zertreten, der an der Schenke vorbeigaloppierte. Er wich zurück an die Hauswand. Die Reiter kamen zum Stehen.
Nun erkannte er den Reiter und die zwei jüngeren, die ihm folgten. Er erstarrte, schluckte, buckelte vor der Herrschaft. „Edler Fürst, ich grüße euch.“
„Spar dir die Schmeichelei, elendes Gewürm.“ Johann Georg stieg von seinem Pferd und riss die Speisekarte von der Wand, kniff die Augen zusammen, zog den Dolch und wollte dem Wirt gerade die Kehle durchschneiden, als Friedrich August ihm zur Seite sprang.
„Wartet Vater.“
Dieser knurrte, hielt aber ein.
„Holt euch erst die Namen der Verräter und ihr Versteck.“
„Mmmmmhhhh, Du hast Recht. Tötet mir in der Zwischenzeit seine nichtsnutzige Familie.“
Die Reiter liefen ins Haus, der Wirt zitterte. „Bitte, bitte, verschont meine Familie.“
„Das hättest du dir eher überlegen können“, presste der Fürst hervor. Die Tränen liefen dem Wirt über die schmutzigen Wangen als er aus dem Haus erste Schreie vernahm.

Friedrich zog am Ärmel seines Vaters, der sich entnervt losriss. „Vater, hört doch.“
Ein fremder Reiter hatte die Gasse betreten. Er war ganz in Fell gehüllt, hatte lange zottelige braunen Haare und einen vollen Bart. Er schwang eine große Keule. „Vater!“ Es war zu spät. Der Riese wütete mit der Keule, schlug den Fürsten und sein Gefolge nieder, raste in die Schenke und setzte seine Fehde dort fort. Friedrich, den er verschont hatte, schaute ungläubig auf den starken, mutigen Riesen, der mit seiner Hände Kraft, dem Wirt und seiner Familie das Leben rettete. Dieser fixierte Friedrich mit seinen starren, dunklen Augen. Er griff den Jungen und hielt ihn fest, vor seinem massigen Körper. Der Wirt hatte sich mit seiner Familie davon gemacht.
Der Fürst stöhnte und wischte sich das Blut von der Stirn. Er sah seinen Sohn in des Händen dieses Gesetzlosen.
Der sprach: „Missbrauche nicht deine Macht und quäle nicht das unschuldige Volk Sachsens. Du solltest deinen Kindern ein besseres Vorbild sein.“ Der Fürst war noch nicht recht bei Sinnen und rieb sich die Augen. „Mein Name ist Friedrich Pocker, und ich werde deinen Sohn als Unterpfand mitnehmen. Sollte mir zu Ohren kommen, dass du weiter hier wütest, du wilde Sau, dann werde ich ihn töten. Wenn du heim fährst und Kesselsdorf in Frieden lässt, dann werde ich ihn zu dir zurückschicken.“ Sagte es und ritt mit Friedrich davon.

Diese fürchterliche zweite Niederlage brachte den Fürsten in eine Zwangslage. Er musste sich zurückziehen und war ein zweites Mal bloßgestellt. Er musste das Leben seines unnützen Sohnes retten...

Freitag, Dezember 09, 2005

Eins ist die einsamste Zahl

In einem Nebensatz haben wir erfahren, was man sich über den Sachs erzählt. Sein Wehgeschrei wurde (so erzählt man an kalten, dunklen Abenden am Kamin) weithin vernommen. Als er seine Familie geschändet und ermordet fand, da hasste er sich selbst mehr als die Täter. Er hatte seine Familie nicht geschützt, hatte sie in der Stunde ihres Todes sich selbst überlassen. Schutzlos.

Eins ist die einsamste Zahl, die je gezählt,
einsam ist der Tag, von dem ich erzähl,
so ein einsamer Tag sollte verflucht werden,
der Tag, den ich nicht ertrag auf Erden.

Der einsamste Tag sollte nicht existieren,
der einsamste Tag meines Lebens,
es ist ein Tag, den ich nie vermissen werde,
so ein einsamer Tag: ist meins. Eins.

Wenn du gehst,
will ich mit dir gehen,
Wenn du stirbst,
will ich mit dir gehen,
deine Hand nehmen,
und gehen.

Der einsamste Tag meines Lebens,
ich habe ihn überlebt.
Was bleibt ist: eins.

Friedrich Pocker musste eine Frau und zwei Söhne, Heinrich und Friedrich, beerdigen. Mit dem winzigen Leben in der Mulde ist ihm sein Schicksal in die Hände gelegt worden.

Getauft wird es auf den Namen Heinrich Pocker.

Exkurs: Wäre Pocchini lieber heutzutage gereist?

Ich muss mich schon sehr wundern, dass die Dichterin neuerdings im Revier des Historiographen wildert. Auch wenn der Exkurs äußerst gehalt- und geistvoll ist, gilt doch die alte Regel: "Schuster, bleib bei deinem Leisten". Also sei auf der Hut!

Aber zurück zu Pocchini: Noch ist unser Held klein, und wird eher unfreiwillig von A nach B befördert oder vielmehr geschleppt. Später aber wird er – so es das Schicksal will (habt nur ein wenig Geduld mit der abschweifenden Dichterin ;-) – aus eigenem Antrieb reisen. Und zwar nicht gerade bequem, und nicht gerade schnell. Hätte er gern mit uns getauscht? Diese wichtige Frage stelle ich mir, gerade selbst im Zug von Jena nach Hamburg sitzend.

Nehmen wir doch mal an, Pocchini hätte die gleiche Tour zurücklegen müssen. Der Arme wäre dann tagelang unterwegs gewesen und arm geworden. Selbst im frühen 19. Jh., also kurz vor der Geburt der Dampfrösser, benötigte der passionierte Reisende Friedrich Perthes von Gotha nach Hamburg 3-4 Tage und musste dafür 61 Taler und 4 gute Groschen löhnen. Das war viel Geld – sein armer Sohn Clemens musste mit dieser Summe 2 Monate lang als Student in Bonn auskommen. Während der Vater der festen Überzeugung war, dass er damit „gut auskommen wird“, verprasste der Lebemann dann doch einiges mehr und musste sich schwere Vorwürfe gefallen lassen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wie spannend lesen sich doch die Reiseberichte dieser Zeit. Da konnten schon mal Deichseln brechen, Wagen umkippen, Pferde durchgehen und dabei die Fahrgäste nicht nur hinter, sondern auch mal unter sich lassen. Und den leeren Wagen gleich mitnehmen. Ach, wie schön ließ es sich doch im beengten Coupé zanken! Auf einer Kutschfahrt nach Koblenz im Jahre 1829 notierte Freund Perthes genüsslich über seine beiden Reisegenossen: „So wurde zum Glück Streit. – dieser alte Mainzer hatte nur Sinn für Weinbau u Weinsuff – ein abscheulicher Jacobiner, der sich heftig ärgerte, daß sein seliger Vater weniger zu arbeiten nöthig hatte als er u doch besser lebte. Gegen ihm über saß ein Mann u laß, dem sagte er: „das ist wohl eine Anweisung zum Keltern?“ – „Nein, es ist Göthe Schillers Briefwechsel.“. Leider wissen wir nicht, wie die beiden Kontrahenten ihre „Diskussion“ auf der nächsten Poststation fortsetzten. Andere Fahrgäste machten aus einer langen Reise ein Fest, und tafelten fürstlich im Wagen – der Buchhändler Hoffmann hatte stets eine ganze Speisekammer an Bord für den Fall der Fälle. Liest man dann noch des Freiherrn Knigges lange Liste von Ratschlägen für den unerfahrenen Reisenden („Will man sich ausruhn, so hüte man sich, zu nahe an der Straße sich unter einen Baum zu legen. Das sind gewöhnlich Plätze, wo Bettelleute sich lagern und Ungeziefer zurücklassen.“), ist man schlichtweg begeistert. Eine einfache Reise quer durch Deutschland setzte mehr Adrenalin frei als jede noch so gefährliche Extremsportart.

Heute hingegen: Für jedermann erschwingliche Reisekosten. In 4,5 Stunden von Jena nach Hamburg ohne die geringste Chance, sich auch nur einen einzigen Floh einzufangen. In einem sterilen Zug, der sich so schnell durch das Land frisst, dass selbst die Funksignale meines Mobiltelefons abgehängt werden. Apathische, egozentrische Reisende, die dösen, lesen oder (wie ich jetzt auch) auf die Tastatur ihrer Notebooks eindreschen. Bloß keine Kommunikation – außer mit dem freundlichen Schaffner. Selbst mein zaghafter Versuch, einen Streit anzuzetteln (Bissige Frage: „Sitzt hier jemand, oder warum steht da dieser Koffer???“ – obwohl der restliche Waggon so gut wie leer ist ;-), verglimmt schon im Ansatz (Müder Konter: „Dann muss ich den wohl hochstellen“) – wie langweilig.

Fazit: Ich bin mir sicher, dass Pocchini nicht mit uns getauscht hätte. Wenn – ja wenn er kein Weichei war. Oder sieht das irgendjemand anders?

Donnerstag, Dezember 08, 2005

Exkurs: Elisabeth, Hug Schapler und die erfinderischen Finger

Da habe ich mich ja im letzten Kommentar weit aus dem Fenster gehängt.
So sei es.

Das Thema meiner Examensarbeit – vorgelegt vor fast 10 Jahren (wie die Zeit vergeht) – lautete: „Der spätmittelalterliche Prosaroman und sein Publikum am Beispiel des Hug Schapler“. Lapidar ausgedrückt beschäftigte ich mich mit der Frage: wann werden Bearbeiter – die besagten Auftragsschreiber – erfinderisch, was die Abschrift von erzählerischen Vorlagen betrifft, und sind sie sich dieses erfinderischen neuen Geist selbst bewusst.

Elisabeth von Nassau-Saarbrücken gab im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts die Übersetzung französischer Heldenepen in deutsche Prosa in Auftrag. Fürstliche Memoria und das Denkmal eines frühneuzeitlichen Herrscherbildes. Der Prosaroman war geboren. So auch Hug Schapler, der Metzgerssohn auf dem Königsthron.
In der Bearbeitung für den Druck wird dann bezeichnender Weise getitelt „Ein lieplichs lesen vnd ein warhafftige hystory“. Die Geschichte bleibt, das Bouquet ist neu. Es schmeckt nach mehr als linearer Erzählung historischer Fakten in gelernten Strukturen für eine begrenzte Leserschaft am oberen Ende der Gesellschaft. Die Würze entsteht, in dem Liebe, Frust und Abenteuer nicht nur Strukturmerkmale einer vorhersehbaren Handlung sind. Der bittere Beigeschmack von Scheinfreundschaften und das betörende Glück einer Liebesnacht bereichern den Plot.
Dazu dichten, das dient primär dem besseren Verständnis der Heldengeschichte – die (anonymen) Leser teilen Empfindungen, das Darstellungsschema der Biographie wird gestärkt. Nicht mehr und nicht weniger. Die Freude an schmutzigen Details des Bearbeiters gewähren einen (intimen?) Blick ins Innere des Helden, vielleicht wird sogar seine Motivation ablesbar. Na, für den besagen Zeitraum ist das natürlich ein völlig unzulässige Behauptung, aber erste Spuren von schöpferischem Willen sind unverkennbar vorhanden

Jetzt muss ich den Ball wieder zurückspielen, damit ich mich nicht noch mehr ermüde mit lästiger Theorie. Aber was glaubt ihr. Da steht ein intelligenter, des Schreibens fähiger Mensch über seiner Abschrift und hat die Chance, sich selbst zu veröffentlichen – mit seiner persönlichen Note, schwarz auf weiß gedruckt. Alles klar?

Mittwoch, Dezember 07, 2005

Pocchini und August: Eine erste Bestandsaufnahme

Liebe Lem, nach dieser wunderschönen, geradezu klassizistisch anmutenden Räuberszene in der freien Natur ist es an der Zeit, eine Prognose für den weiteren Lebensweg unserer Helden zu abzugeben. Hierzu möchte ich auf ein mächtiges Tool zurückgreifen, ohne dass heute kein Entscheider mehr handlungsfähig ist: die grandiose SWOT-Analyse. Meint Strength/Weakness-Opportunities-Threats, oder zu gut deutsch: Stärken-Schwächen/Chancen-Risiken.

Politisch korrekt im Selbstverständnis des Barock fangen wir mit Seiner Majestät dem Kleinen Prinzen an:

STÄRKEN: Genau, er ist Prinz, hat also jede Menge Geld und darf sich alles erlauben. Zudem soll er körperlich sehr stark sein (postumer Beiname „Sächsischer Hercules“!).
SCHWÄCHEN: Leider nur Zweitgeborener.
CHANCEN: der ältere Bruder ist eine schleimscheissende Weichwurst. Ihm könnte etwas zustoßen.
RISIKEN: August darf sich nicht den dauerhaften Zorn des Herrn Vaters zuziehen, sonst wird er womöglich rausgeworfen.

Nun zum armen Untertanenkind:

STÄRKEN: Im Moment sind beim besten Willen keine erkennbar.
SCHWÄCHEN: Keine sorgenden Eltern, und dann auch noch ein völlig erodiertes Antlitz.
CHANCEN: Es kann alles nur besser werden.
RISIKEN: Die hohe Kindersterblichkeit der damaligen Zeit. Das kleine Bündel muss es schaffen!

Soviel zur Grausamkeit der göttlichen Vorsehung, die allerdings keineswegs linear verläuft. Nicht wahr, edle Dichterin? Spann´ uns bitte nicht so lange auf die Folter!

Dienstag, Dezember 06, 2005

Ankunft im Lager der Gesetzlosen

Dann wollen wir mal sehen, was das Schicksal für unseren Helden bereithält...

Im Lager wurde die erfolgreiche Hatz gefeiert. Sie hatten diesem Mistvieh von Kurfürst gezeigt, wie schmerzhaft der Pöbel in sein gelacktes Leben eingreifen konnte, das er auf Kosten der einfachen Bürger und Bauern führte. Die Entscheidung, gesetzlos durch die kursächsischen Wälder zu ziehen, hatten die meisten von Ihnen aus Hass und Verzweiflung getroffen. Sie lebten von der Wilderei. Das hatte in diesem Jahr bereits fünf Männern aus ihren Reihen das Leben gekostet. Sie ließen Ihr Haupt auf dem Rabenstein.
„Das ist es wert“, grölte der Würzige und hielt die Schnabelschuhe des Fürsten Johann Georg triumphierend in die Luft. „Wo ist eigentlich der Sachs?“ fragte der Blonde und schenkte dem Würzigen erneut Dunkelbier in die Schuhe. Dieser setzte an und leerte den Pokal in einem Zug. Er rülpste laut und zuckte mit den Schultern.

Der Sachs hatte sich für ein Leben jenseits der Zivilisation entschieden, weil er mit ansehen musste, wie seine Familie marodierenden Söldnern zum Opfer fiel. So erzählte man. Er war ein stiller, angsteinflößender Bursche. Das Leben hatte Furchen ins sein Gesicht gezogen, hinter denen sich verbergen mochte, was unaussprechlich war. Keiner wusste genau, warum er sich den Männern angeschlossen hatte, aber seine Kampfkraft und eiskalte Härte hatten viele ihrer Feinde bereits das Fürchten gelehrt.

„Wahrscheinlich zieht er wieder durch die Wälder und reißt Beute – grrrrrrrrrrgggghhhhh“, der Würzige fletschte seine schwarzen Zähne und rollte mit den Augen. Er machte einen Buckel und stampfte, die Arme zu beiden Seiten emporgestreckt, über die Lichtung.
Dann spürte er, dass die Blicke der Horde starr wurden. Sie schauten hinter ihn. Langsam drehte er sich um und sah ihn. Sachs. Mit finsterem Blick taxierte jener die Szenerie und schüttelte leicht sein Haupt. Ein dämliches Grinsen huschte über das klebrige Gesicht des fetten Räubers. „Alter, da bist Du ja. Wir haben etwas zu feiern.“

Sachs ekelte sich vor diesen Gestalten.
In der Stille vernahm der Blonde ein leises Knurren. Das war doch nicht – nein, klang wie eine kleine Wildkatze. „Was hast Du in Deinem Jagdbeutel, Meister?“
Der Sachs nahm den Beutel und trug ihn auf den Tisch, von dem er zuvor die angenagten Knochen fegte. Die Männer scharten sich um ihn und blickten auf das vornehme Tuch. Als der Sachs den kleinen Knaben mit dem entstellten Gesicht enthüllte, schraken die Männer mit einem Raunen zurück. Der Würzige bekreuzigte sich. „Der Herr im Himmel sei uns gnädig.“ Er griff zu der Keule, die an seinem Gürtel hing. Bevor er sie schwingen konnte, ergriff der Sachs seinen Arm. Ohne in seine Augen zu sehen, spürte der betrunkene Räuber, dass es ihm bitterernst war. „Du Tier. Du willst diesem Geschöpf Gottes den Schädel einschlagen? Ich habe diesen Wurm nicht aus einem Erdloch gerettet, damit Du gemeiner Klotz ihn zerquetschtst.“ Ein respektvolles Raunen ging durch die Horde. Der Würzige riss seinen Arm aus dem eisernen Griff des wütenden Mannes und trollte sich auf sein Lager – nicht ohne unverständliche Flüche vor sich hinzumurmeln.
Der Sachs wies den Pfaffen an, das Gesicht des Kindes zu verbinden, der sofort eine Käuterbinde ansetzte.

Das Monster machte den Männern Angst, aber die Wut des Sachsen fürchteten sie noch mehr.

Ihr seht, das Schicksal hält die schützende Hand über unseren Helden. Er hatte das Herz des einsamen Mannes berührt, der nichts mehr zu verlieren hatte. Aber überall, wo vom Glück geküsste wandeln, rotten sich die Neider bereits zusammen...

Montag, Dezember 05, 2005

Exkurs: Ein Plädoyer für das Fatum


Teuerste, mit größtem Vergnügen bemerke ich, wie du vor unseren erstaunten Augen das historische Panorama immer weiter ausrollst. Ein neuer Protagonist betritt die Bühne, der Chor singt schauerlich dazu. Unweigerlich fragt man sich: ist es wirklich Zufall gewesen, dass Friedrich August und der kleine Pocchini plötzlich so nah beieinander waren? Und dass sich der junge Prinz so demütigen lassen musste?

Für die Alten stellte sich dieses Problem überhaupt nicht, denn für sie war klar: das Fatum, also die göttliche Vorsehung, lenkt alles und jeden. Und hätten daher gesagt: „Gott wollte es so“. Für diejenigen, die ihnen darin nicht so recht folgen konnten, denen also das nötige Abstraktionsvermögen fehlte oder abging, erfanden barmherzige Leute die drei äußerst sympathischen Schicksalsgöttinnen (Moiren, Parzen, Nornen – allein dieser Gleichklang sollte einen fast meinen lassen, dass sich damit ein und derselbe „Religionsstifter“ ein Denkmal gesetzt hat). Jedes vermeintlich noch so abseitige Phänomen ließ sich auf diese Weise ohne Not in einen übergeordneten Sinnzusammenhang integrieren, und das verhalf den Menschen nicht nur zu einem ruhigeren Schlaf, sondern ersparte auch den Gelehrten eine Menge dummer Fragen. Noch die Historiker des 19. Jh. mochten deswegen nicht auf den göttlichen Willen als wichtigste Triebkraft der Menschheitsgeschichte verzichten, auch wenn sie das nun, vornehm tuend und philosophisch geschult, Ideen nannten. Welcher Erfindungsreichtum Gott zugetraut wurde, um seine „Weltregierung“ gewissenhaft auszuüben, zeigt ein schönes Zitat des Verlegers Friedrich Perthes aus dem Jahr 1829: „Deshalb können wir nie eine wahre Geschichte des Einzelnen erfahren, weil der innere Gang seiner Entwickelung u Bildung geheim bleibt - deshalb können wir auch keine wahrhafte äußere Geschichten erhalten, weil die Motive die aus dem Geschlechtstrieb hervorgehen auf alle Handlungen u Thaten Einfluß haben, die Weltgeschichte mitmachen.“ Auf die Geschichte des Pocchini angewendet heißt dies: warum sollte Gott nicht auch einen Kurfürsten in die Hand von ein paar Gesetzlosen geben und deswegen ausrasten lassen, damit daraus einst August der Starke hervorgeht?

Innerhalb dieses in toto vorherbestimmten Schicksals gab es aber immer wieder Momente, in denen der oder die Entschlossene seinen weiteren Weg zumindest ein wenig lenken konnte: indem er das Glück sprichwörtlich am Schopfe packt. Die alten Griechen, gewitzt wie sie waren, erfanden auch hierfür schnell eine Allegorie in Gestalt des Kairos, des jüngsten Sohnes des Zeus. Er wurde mit Flügeln und nur einer einzigen Haarsträhne bedeckt dargestellt - eine hübsche Analogie für die Schwierigkeit, den günstigen Augenblick zu erhaschen.

Und damit sind wir bei der eigentlichen Wurzel des Heldentums angelangt. Diese scheinen nämlich einfach schneller zu sein im Zupacken. Bzw. erkennen diesen Moment überhaupt. Ich denke, genau deswegen werden sie zu Helden, und nicht wegen ihrer Siege. Sie sind einfach auf bestimmte Chancen besser vorbereitet als ihre Mitmenschen, und können sie so optimal für sich nutzen. Ein erfolgreicher Unternehmer ist nach dieser Definition auch ein Held – „der Arbeit“. Warum diese Menschen besser im Chancenergreifen sind, weiss ich auch nicht. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass uns die neumodische Suche nach dem letzten Grund keinen Deut schlauer macht. Was hilft es uns schon zu wissen, dass das ganze Universum aus den gleichen Elementarteilchen aufgebaut ist? Und endlich die alles erklärende Weltformel gefunden wird? Nichts, überhaupt nichts! Leute, glaubt wieder an das Schicksal – und ihr fühlt euch einfach besser!

Sonntag, Dezember 04, 2005

Friedrich August und die Geißel

Während der Sachs seine fragile Beute zurück ins Lager der Räuber trug, erfuhr ein 6-jähriger ebenfalls eine beißende Lektion.

Friedrich August saß zu Füßen seines Vaters. Eifrig salbte er die geschundenen Füße des Vaters. Dieser war im Walde Opfer der verlausten Räuberhorde geworden, die ihn barfüssig über Stock und Stein jagte. Das musste man sich vorstellen. Wilde, mit Fell behangene Gesetzlose demütigten seinen Vater bis auf die Knochen. Er musste über die Felder der Bauern springen wie ein Narr und wurde von den ermutigten Bauern noch mit Zuckerrüben beworfen. Oh, er hatte gewütet, geschrien, gespuckt und um sich geschlagen, als seine Gefolgschaft ihn derart geprügelt in Gewahrsam nahm.

„Pass doch auf du Nichtsnutz!“ Die schwer beringte Hand des Vaters fuhr auf Friedrichs geduckten Rücken hinab. „Entschuldigen Sie, bitte, es wird nicht wieder geschehen.“ Gedankenversunken war er wohl mit seinen massierenden Kinderhänden in eine offene Wunde geraten.
Sein Bruder, Johann Georg, hatte in diesem Moment den Raum betreten. „Schau, wie der kleine Hund sich an Ihren Wunden labt, werter Vater. Er will Euch wohl verhöhnen?“ Der Vater stieß Friedrich mit den Füßen in den Raum. Friedrich rollte sich zusammen, wollte im Boden versinken. „Ich habe indes von dem Sohn des Tuchmachers erfahren, dass die Räuber im Dorfkrug zu Kesseldorf ein Gelage hielten bevor sie zur Tat schritten.“ Johann stand mit stolz geschwellter Brust über Friedrich. „Formidabel, Johann, formidabel. Ich werde jedenfalls einen Trupp entsenden. Erwischt es nicht die Räuber, so doch wenigstens den Wirt, der sie zuvor gevöllt hat.“ Er lachte schallend.

Friedrich schlich sich, während der Vater dem tapferen Sohne anerkennend auf die Schulter klopfte, aus dem Raum, die Tränen der Wut unterdrückend.
Er schlug sich in seinem Zimmer mit einer grobgliedrigen, klobigen Silberkette kräftig auf seine Oberschenkel. Die Kette diente ihm seit Vollendung seines fünften Lebensjahres, als er sie einem tollwütigen Hund im Kampf vom Halse riss, als Geißel. Sie hatte Stacheln, die einst den Hund bändigen sollten, und jetzt ihm dazu dienten, den Schmerz der Demütigung am eigenen Leibe zu vollziehen. Es erhob sich ein roter brennender Streifen auf dem Kinderbein. Er biss die Zähne zusammen und sprach zu sich „Meine Macht wird die Eure eines Tages bei weitem übersteigen. So wahr ich diesem Monster die Kette entrissen habe, werde ich auch Reichtum und Ansehen an mich reißen.“

Exkurs: Vom Findelkind zum Helden - ein Topos in der Weltgeschichte

Edle Dichterin, es ist außerordentlich interessant, auf welche Weise Pocchini in die Welt tritt. Nämlich als Findelkind, welches von einem Mann aus dem Volke gefunden und vor wilden Tieren gerettet wird. Dieser „Traumstart“ ins Leben eröffnete häufig eine anschließende Heldenbiographie. Schauen wir uns doch einige davon näher an.

Der sogenannte gediegene Bildungsbürger denkt natürlich sofort an das Schicksal des Moses. Was für eine Karriere: vom Körbchen im Nilschilf über die Stationen Heuschreckenplage, brennender Dornbusch und goldenes Kalb zum Religionsstifter und wichtigsten Gesetzgeber der israelitischen Stämme. Im heutigen Sprachgebrauch nennt man sowas „nationbuilder“.

Für sich betrachtet recht spannend, mutet dieser Lebenslauf geradezu harmlos an im Vergleich zum Werdegang einer ganzen Phalanx griechischer Heroen. Sie verdankten ihr Schicksal (und ihre Gene) fast ausnahmslos der Wollust des lendenstarken Zeus und dem Hass seiner lieben Gemahlin Hera auf die vielen Nebenbuhlerinnen. Der Göttervater war ein echtes Schwein – hatte er nicht am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, sein Dasein als Findelkind zu fristen? In einer kalten Höhle auf Kreta zu greinen, umgeben von einer Horde lärmender Krieger und gesäugt von der alten Ziege Amaltheia? Seine Mutter musste das kleine Hascherl vor seinem Vater Kronos verbergen, der aus Angst vor seinem geweissagten Ende alle Kinder verschlang. Und in seiner Gier noch nicht einmal bemerkte, dass er anstelle von Zeus einen gewindelten Stein herunterwürgte. Das Zerkleinern der Nahrung mit den Zähnen scheint damals noch nicht envogue gewesen zu sein.

Aber wen interessieren schon die Geschichten von gestern. Und so mussten die Früchte von Zeussens Lust eben auch leiden. Denken wir nur an den armen kleinen Perseus: hervorgegangen aus einer hinterhältigen Penetration der Danae in Form eines goldenen Regens, wurde er in einen Kasten gesteckt und ins Meer geworfen. Aus ihm wurde dennoch etwas: der Bändiger des Pegasus und Sieger über die Medusa, Befreier der bezaubernden Andromeda und nicht zuletzt Stammvater des mykenischen Königsgeschlechts. Ja, er hat sich sein Sternbild redlich verdient.
An Paris, diesem frechen Schlingel, war Zeus ausnahmsweise nicht körperlich beteiligt. Vater Priamos ließ ihn aussetzen, weil ihm orakelt wurde, dass dieser Knabe maßgeblich zur Zerstörung Trojas beitragen werde. Leider war Priamos eine mitfühlende Natur, und schlug den guten Rat der an sich selbst verzweifelnden Kassandra, diesen Knaben doch bitte zu töten, in den Wind. Die Folge: der gleiche tückische Wind beförderte Paris viel später übers Meer zu Helena, die beiden Frischverliebten nach Troja, die Schiffe der rachedurstigen Griechen kurz darauf auch dorthin, und schließlich die Asche Trojas zurück ins Meer. Der Hirt, der Paris einst rettete, konnte all das natürlich nicht wissen. Er war ein Philanthrop reinster Ausprägung.

Um auch den Römern die ihnen gebührende Beachtung zu Teil werden zu lassen, wollen wir nicht verschweigen, dass selbstverständlich auch an deren Wiege ein Findelkind stand. Unsinn, es waren ja gleich zwei: Romulus und Remus, die von der Capitolinischen Wölfin gesäugt wurden. Natürlich haben wir alle die gleichnamige Bronzeplastik mit den vielen großen Zitzen vor Augen. Mit dieser hübschen Spielart wollen wir das Kaleidoskop historischer Findelkinder beschließen.

Perseus, Paris, Pocchini – gibt es ein Gesetz der Serie? Haben Findelkinder automatisch eine Platzkarte für den Heldenzug? Warum eigentlich? Weil sie immer danach streben, es dem unbekannten bis feigen Vater so richtig zu zeigen? Wird also unser Pocchini auch zum Helden, weil er keinen Vater hatte, ausgesetzt wurde und weil es der Sachse wie all die anderen Philanthropen vor ihm nicht gepeilt hat, der „List der Vernunft“ zum Opfer gefallen zu sein? Was meint ihr dazu?

Samstag, Dezember 03, 2005

Der Sachs oder das Tuch aus Seidenberg


Nachdem wir eine erste hochunterhaltsame und lehrreiche Bekanntschaft mit August dem Starken machen durften (keine Sorge: diese Persönlichkeit geht uns nicht flöten, denn was ihr hier so leichtfüssig formuliert bereits konsumieren dürft, wird in Pocchinis Geschichte noch von großer Bedeutung sein), wenden wir uns wieder dem Geschehen inmitten der Natur in der Morgendämmerung zu.

Die verzweifelte Mutter hält indes (also während unser Held die Gebärmutter gegen ein moosiges Loch im Waldboden tauscht) ein blutiges Tuch in Händen. Sie presst es an ihre bebende Brust. Sie breitet es aus über das Erdloch und beschwert es an allen vier Enden mit Steinen. Möge das Tuch den armen kleinen Wurm wärmen. Ein Schutzengel breitet seine Flügel aus über den roten Zinnen der Stadt Seidenberg. Ihre Tränen fallen auf das Tuch. Sie betet. Sie rückt ihre Tracht zurecht und wendet sich ab. Zum heiligen Kreuz muss sie zurückkehren. Niemand darf ihren Schmerz erblicken. Ihre schweren Schnürstiefel erschweren die Flucht. Sie muss alle Gedanken an ihr Kind verbannen, sie sich verflüchtigen lassen im ersten Lichte des Tages. Sie wird auch weiterhin die Tuche des groben Mannes aus dem Osten verkaufen müssen, der ihre Seele beschmutzt hat.

In der Tat lag dieses Tuch nun schützend über dem Nest des kleinen Jungen. Das Tuch ward gefunden und konnte so doch helfen. Ein Wilderer sah es gülden leuchten und riss es an sich. Erblickte das Loch, vermutete einen Schatz darin. Vorsichtig ließ er die Hand ins Innere der feuchten Erdhöhle gleiten, in freudiger Erwartung schlug sein Herz ganz schnell. Er barg das weiche Bündel. Es schien zu leben. Ganz verkrustet war es. Der Wilderer spuckte in das Tuch befreite das Gesicht von seiner schmutzigen zweiten Haut und erblickte ... Ein Monstrum. Ein Röcheln konnte der Sachs (wie ihn seine Räuberkumpane riefen) ausmachen. Er hielt sein Ohr nah und ungläubig an die Öffnung in dem Gesicht und spürte kurze, warme Lüftchen, die entwichen. Das versetzte dem Mann einen Stich tief in der fest mit Fell umwickelten Brust. Der Mund war weit aufgerissen, die Augen ebenfalls. Sie standen nicht auf einer Höhe in dem Gesicht. Starrten in verschiedene Richtungen. Mitten im Gesicht klaffte eine große Wunde. Die Nase war fast komplett ausgerissen. Ein wildes Tier musste neben den Unbillen der Natur zugeschlagen haben. Er hatte dieses Geschöpf gerade rechtzeitig den Klauen des Todes entrissen. Er wickelte es in das Tuch, legte es in seinen Jagdbeutel. Er konnte es nicht töten, denn er wusste, dass es seine Aufgabe war, für diesen Auswurf der Gesellschaft zu sorgen.

Exkurs: August der Starke und das Schönheitselixier

Ein schlechtes Gewissen treibt mich aus meinem warmen Bett, denn die große Lempicka fordert historische Aufklärung. Fordert meine Berufung heraus und fragt, was es denn mit dem starken August auf sich hatte. Der Handwerker liegt dir zu Füßen, Künstlerin, denn „Dichten ist eine Arbeit, die nur Gutgeratenen gerät“ (Marie von Ebner-Eschenbach).

Zur Sache. August der Starke lebte von 1670 bis 1733 und hat sich als der wohl bekannteste sächsische Fürst im historischen Gedächtnis eingebrannt. Nicht unbedingt als Staatsmann, sondern eben als Wüstling. Er war ein Kind des Barock, des Zeitalters, in dem die Menschen nach der Katastrophe der Religionskriege durchatmeten und ein neues Lebensgefühl entwickelten. Es durfte üppig zugehen (bereits von Rubens angedeutet), es durfte geprotzt werden („L´Etat ce moi“), und die Religion, die zuvor noch sehr gut als Völkerschlächterin funktionierte, musste sich mit einem neuartigen Rationalismus, der die ganze Welt als Maschine zu erklären versuchte (Descartes, Wolff), arrangieren. Versailles, Bach, Newton kennzeichnen dieses Zeitalter der Sinnenmenschen.

August der Sinnenmensch – carpe diem! Bereits als kleiner Bursche spielte er gern den (keineswegs billigen) „Hanswurst“ in einer Hofkomödie. Die strenggläubige Mutter konnte dies nicht verhindern – er musste im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, zumal er nur der zweitgeborene Sohn war. Mit dem älteren Bruder lag er in „stehtem Krieg“, und genau dieser Konflikt war die eigentliche Triebkraft seines Lebens: wenn schon nicht den Thron bekommen, dann wenigstens richtig austoben. Ein Jugendbildnis deutet an, wohin die Reise gehen wird: große dunkle Augen schauen uns erwartungsvoll an, und im schön geschwungenen, vollen Mund spricht sich das Verlangen nach Genüssen aus. Nur die Nase ist etwas zu lang, aber gut. Vom Vater konnte sich August abgucken, wie man mit Frauen verfährt: Mätressen gehörten zum Lebensalltag wie der Kirchgang, egal, ob es um die schöne Sängerin Margherita Solicole oder die Adlige Susanne von Zinzendorf handelte. August begann seinem Vater früh nachzueifern und hatte mit 16 seine erste amouröse Beziehung mit der Hofdame von Brockdorf. Der Herr Papa hatte durchaus Verständnis und machte den Rauswurf beider durch die strenge Frau Mama rückgängig. Auf seiner großen Kavalierstour durch ganz Europa mit den Stationen Paris, Versailles, Venedig wurde er schließlich nach Aussagen enger Vertrauter „ganz verdorben“ und gab sich diversen Liebschaften hin. Aber ist es nicht auch schön für einen jungen Mann das Motto zu leben: einmal um die ganze Welt, und die Taschen voller Geld?

Die Sucht, im Mittelpunkt zu stehen – egal ob durch großartige Bauten, verschwenderische Hofhaltung, prachtvolle Feste oder riesige Kunstsammlungen – und das Verlangen nach (multipler) weiblicher Zuwendung wuchsen mit zunehmendem Alter. Geltungssüchtig, selbstgefällig, egozentrisch, ungeduldig: Ein äußerst problematisches Persönlichkeitsprofil, das Sachsen an den Rand des Abgrundes brachte. Kaum auf dem Thron, baute August ein feinmaschiges Beziehungsnetz d´amour auf – das Bett musste noch warm sein, wenn er die nächste Dame empfing. Er sammelte schöne Frauen wie andere Fürsten langweilige Kunstgegenstände oder alberne Zwerge: Aurora von Königsmarck, seine zeitweilige „Göttin der Morgenröte“, Fatima, die heißblütige Türkin aus dem Heerlager vor Wien, Henriette, die Weinhändlerstochter aus Warschau, Fürstin Lubomirska, eine exzentrische und nebenbei verheiratete Schönheit – um hier nur die Mütter seiner Kinder zu nennen. Mit 37 Jahren war August Vater von mindestens fünf illegitimen Kindern, die in der Literatur immer wieder gern kolportierte Zahl 364 dürfte dagegen maßlos übertrieben sein.

Erjagen, genießen, abservieren – so die übliche Verfahrensweise. Aurora wurde Pröbstin in Quedlinburg, Fatima an den Kammerdiener Spiegel weitergereicht. So ging das. Selbst Gräfin Cosel musste dieses Prinzip am eigenen schönen Leib erfahren, obwohl sie eine klare Sonderstellung unter den Mätressen einnahm. Als sie nach einer Quasi-Nebenehe aus politischem Kalkül verstoßen wurde, durfte sie Jahrzehnte als „Hausgefangene“ auf der Burg Stolpen zubringen. Verheiratet war August natürlich auch, aber nur aus Staatsräson.
Dieses „Monster an Ausschweifungen, Blutschande und Selbstbefriedigung“ (so das doch ein wenig übertriebene Urteil) war ganz zweifellos eitel, er wollte auch im Alter so schön sein wie in seinen besten Jahren. Da gab es aber ein kleines Problem: August litt zunehmend unter den Folgen seiner ungesunden Ess- und Trinkgewohnheiten. 1712 wog er beispielsweise 121 Kilogramm bei einer Größe von 1,76 Meter. Hinzu kamen Geschwüre an den Füßen und andere Beschwerden.

Und damit sind wir wieder bei der Geschichte des Heinrich Pocchini angelangt. Wie kam er an den Dresdner Hof? Was machte er vorher?

Freitag, Dezember 02, 2005

Der erste Weg von Pocchini Namenlos

Der erste Weg liegt vor der Bewusstwerdung unseres Helden.
Dieser erste Weg führte ihn nach der Fahrt durch den Muttermund direkt in eine moosbehangene Höhle. Noch ganz blutig liegt das Bündel in dem weichen Moos, weil eine verzweifelte junge Mutter das Unterpfand ihrer Schändung unbemerkt verlieren musste.
Kieksend kullerte unser Held also in sein erstes pflanzliches Heim, in die warme, feuchte Mulde im Herzen der Natur.
Welch ein Topos ist der Anstoß auf dem langen Weg unseres Helden zu sich selbst. Wie gut es ihm in der Höhle ging, wenn ich an die kommenden Ereignisse denke.

Die Isolation als Glückfall in der Entwicklung der reinen Seele? Mmmmmhhhhh, da sollten wir einige Minuten verharren und über Beispiele nachsinnen. Der Historiker möge helfen, aber auch der Laie, der aktuelle Schicksale kennt. Bringt Beispiele, denn ich befürchte als Folge Abstumpfung. Die Fähigkeit Emotionen auszudrücken geht verloren, das Gesicht ist ein Manifest des Traumas, die Gewöhnung an das Schreckliche prägt die Gebärden. Wir werden behutsam Pocchinis Weg folgen, der zur Zeit noch namenlos ist.

Ein Prolog - eher geschichtstheoretischer Natur

Nicht in die Geschichte eingegangen? Wie kann das gehen bei einem so bedeutenden Mann wie Heinrich Pocchini, wird sich der geneigte Leser jetzt fragen. Immerhin hat er einen wichtigen Beitrag zur Zoologie geleistet, und galt im Barock als Koryphäe, der selbst ein Carl von Linné Tribut zollte. Was ist da geschehen?

Die Antwort ist einfach: irgendein Gatekeeper mochte den armen Pocchini nicht, und hat ihn dem Vergessen anheim fallen lassen. Und wer wars zur Hochzeit des Absolutismus? Wer ists gewesen? Richtig: Herr August der Starke (Wüstling) höchstpersönlich, der die beleidigte Leberwurst spielte, nur weil er nicht das bekam, wonach ihm der Sinn stand. Die Folge: eine knallharte "damnatio memoriae", oder auf gut deutsch: Daumen- und Fingerschrauben für alle Chronisten in Sachsen und Umgebung.

Wie es dazu kam, das sage du uns o holde Dichterin. Singe uns von der Jugend des Pocchini. Male uns ein Gemälde seiner Hässlichkeit. Schone uns nicht, denn wir haben es nicht anders verdient.

Donnerstag, Dezember 01, 2005

Gestatten: Lempicka

«Ich habe des Überlebens wegen angefangen, Bilder zu malen». Bilder von Menschen. Schau in ihr Gesicht, um ihre Seele zu erkennen. Schaffenswut? Das ist die Triebfeder der kaltschnäuzigen Künstlerin, die Pocchini in Stein meißeln wird. Mein naschhaftes Wesen prügelt mich an immer neue Buffets, die der Alltag den Blinden und Tauben nie serviert. Meine aktuelle Aufgabe? Ich schätze die Gesellschaft historischer Gestalten, die nicht in die Geschichte eingegangen sind. Also werde ich ihren Spuren folgen, zur Not werde ich sie erfinden, aber das ist ja die Kunst. Und die Kunst des geneigten Lesers, hierin zu lesen.