Sonntag, Oktober 29, 2006

Exkurs: Herkunft des Namens Pocchini

Schönste Lem,

Deiner Bitte will ich umgehend entsprechen - in der Hoffnung, Deinem Wissensdrang gerecht werden zu können - allerdings ohne Geschichtstheorie. Der Name unseres tragischen Helden lässt bei genauerer Betrachtung gleich mehrere Deutungen zu. In einer früheren Episode nanntest Du uns bereits den "bürgerlichen Namen": POCKER. Dieser Name enthält die mnd. Wurzel PO(C)K(E), die wie auch im Englischen und Niederländischen "Pustel, Blatter" meint. Folgende Schlussfolgerungen können wir ziehen:

1) Die Vorfahren unseres Helden können den Namen außerhalb des niederdt. Sprachraums erst im 16. Jh. erhalten oder angenommen haben.
2) Vermutlich waren mehrere Vorfahren von (erblichen) entstellenden Auswüchsen befallen, die zur Namengebung führten.
3) POCCHINI ist eine nachträgliche Verniedlichung (a la "Mini"), die - geschuldet der an den Höfen des Barock beliebten Latinisierung der Familiennamen - sowohl "der kleine Pocker" als auch "der pockennarbige Zwerg" bedeuten konnte. Diese Transformation deutet auf den Umgang mit Intellektuellen und Gelehrten hin, die im 16. und 17. Jh. in besonderem Maße der Latinisierungssucht erlegen waren. Man denke nur an Agricola (Bauer), Sagittarius (Schütze) oder Melanchthon (Schwarzerd, in diesem Fall Gräzisierung).

Nun berichtet uns Casanova (1725-1798) in seinen Memoiren auch von einem betrügerischen Kapitän Antonio POCCHINI, den er später im Hyde Park mit seinem Stock verprügelte. Gibt es womöglich einen direkten Zusammenhang? Die zeitliche und räumliche Lücke zwischen unserem Helden und dem "Halunken aus Padua" ist allzu groß. So bleibt vorerst nur eine Erklärung: eine zufällige Parallelität in der Namensbildung. Im alten Latein bezeichnete BUCCA nämlich die "aufgeblasene Backe", mithin also auch eine "Pustel" im Sinne von Ausstülpung. Hierzu gehört desweiteren lat. BUCCO = "Pausback, Tölpel". Von hier ist es bis zu den italienischen Verkleinerungsformen PUCCHINI und POCCHINI kein sehr weiter Weg mehr.

Ist das nicht eine merkwürdige semantische Konvergenz? Kannte unser Pocchini diese eher verächtlichen Bedeutungen? Wurde er am sächsischen Hof wider Willen so "getauft", oder wählte er seinen Namen freiwillig und bewies damit einen ganz speziellen Galgenhumor? Bring uns weiter, Dichterin!

Montag, Oktober 23, 2006

Forsche nicht nach den Gesichten des Helden

Werter Pocc,

zwei reale Funde verankern die Erzählung - bevor wir einen Blick in die Jugendjahre des Helden werfen konnten - plötzlich in einem Rahmen. Zwei Knoten in einem Webrahmen, wobei der meinige ein phantastischer Knoten ist - im eigentlichen Sinne des Wortes. Bestätigen Knochenfunde doch nur die Existenz einer Rasse, über die eine neue unterhaltsame Geschichte erfunden werden will.

Nun Dein Kupferstich. Wie sehr verführt uns der Historiker, den Helden in der Geschichte zu verankern, festzusetzen, ihn in eine Zelle zu sperren. Die Fäden werden gezogen. Ich erfreue mich nichtsdestotrotz dieses würdigen Platzhalters, der unseren Helden kurz vor seinem tragischen Tod zeigen könnte. Der Menschenhass hat ihm immer mehr das Gemüt zerfressen und außerdem: vielleicht trägt er ja eine Larve, ein Narrengesicht und darunter verbirgt sich die grauenhafte Fratze des Tieres.

In meiner Erzählung steht Heinrich bereits kurz vor den Toren des Hofes. Kürzlich hat er seinen Ziehvater Friedrich Pocker unter die Erde gebracht. Tränen sollt ihr vergießen über das tragische Ende des gütigen Mannes, starb er doch von der Hand des Menschen, der ihm am liebsten auf der Welt war seit er seine Familie verlor. Diese Episode werde ich euch in Kürze berichten.

Wollt ihr davon hören?

Dann werter Pocc bitte ich Dich um einige geschichtstheoretische Ansätze zur Endung des Namens unseres Helden, die meine Geschichte beflügeln möchten.

Grüße zur Nacht
Lem

Sonntag, Oktober 22, 2006

Sensationeller Fund: Ist dies das Antlitz Heinrich Pocchinis?

Nachdem ich lange Zeit durch (un)wichtige Tätigkeiten daran gehindert wurde, den kargen Spuren aus dem Leben Heinrich Pocchinis intensiver nachzugehen, will ich diese schöne Aufgabe nun fortführen (nicht zuletzt durch Lems Initiative dazu ermuntert). Bei der erneuten Durchsicht der alten sächsischen Chroniken aus der Zeit Augusts des Starken stieß ich auf das nun auch im rechten Bereich unseres Blogs eingeblendete Porträt. Es zeigt eine offensichtlich schielende, verwachsene und verstörte Kreatur, die auf dem Boden hockend mit einem Blasebalg das Feuer anfacht. Und zwar in einem Labor! (der gesamte Stich lässt sich hier wegen seiner Kleinteiligkeit leider nicht anzeigen) Was spricht also dagegen, in diesem einmaligen Glücksfund einen Schnappschuss von Pocchinis Start in die Alchemistenkarriere zu sehen?

Wie ist deine Meinung, teure Lem? Kann das sein?

Mittwoch, Oktober 18, 2006

Is the Dodo really dead?

Unter dem wundervollen Titel Blick ins Paradies, den ihr - liebe lang, sehr lang vernachlässigte Fans unseres häßlichen Helden - ja hier mit uns tun dürft, erfahren wir endlich mehr über den Verbleib unseres wundervollen Dodo (siehe Dead as a Dodo). Spiegelleser wissen eben mehr.

Der niederländische Geologe Kenneth Rijsdijk hat viele Knochen gefunden im einem Sumpfgebiet auf Mauritius mit dem klingenden Namen Mare aux Songes. Hallo? Deine Landsmänner lieber Kenneth haben diesen armen Vogel mit Stöcken erschlagen, verspeist obwohl er keineswege schmackhaft war bis sie dann ihren Viecherkram eingeführt hatten, der inklusive des Rattengetiers dann zur endgültigen Ausrottung des gütigen Vogels geführt hat. Lustvoll haben Sie die Eier ausgetrunken, so wie Du jetzt die Grabruhe störst, Du...

Wir wollen unser Gemüt nicht zu sehr erhitzen, aber es ist schon eine Ironie des Schicksals.

Wenn ihr unserer Heldengeschichte trotz einiger übler Verzögerungen treu bleibt, dann werdet ihr erfahren, wie denn unser Held einen Dodo domestizieren konnte. Wie konnte der indische Ozean von diesem etwas plumpen, unbeweglichen Vogel überquert werden, wie konnte er vom heißen Afrika in einen kalten Zipfel Europas gelangen. Wie um Himmels kam er in den Besitz der ärmsten Seele im tiefsten Gehölz?

Ja, nun gut, es bringt uns ein wenig ab vom Weg, aber Spaß muss sein, oder Pocc?????

Montag, April 24, 2006

Exkurs: Tugend und Laster – Die Bienenfabel von 1714

Meine liebe, teure Lem – die du mir das Heiligste auf Erden bist - hiermit melde ich mich zurück zum Dienst im POCCBlog. Die folgenden 500 Anschläge müssten eigentlich zu einem kunstvoll-glaubwürdigen Meaculpa gewunden werden, aber das ist unseren Lesern nicht zuzumuten. Du selbst weißt, wie weh mir die letzten Wochen ohne den Dialog mit dir taten. Gott weiß, wie sehr du mir jede Minute fehlst. Verzeih! Und stelle weiter die Schrift zum Pocc ein in diesen Blog.

Heute möchte ich einen zaghaften Neuanfang wagen. Meine Frage lautet: Welche Moral hatten unsere Protagonisten? Hatten sie überhaupt eine? Waren sie gottesfürchtig? Gab es um 1700 einen ähnlichen Tugendkatalog wie heute? Oder waren die Individuen damals genauso egoistisch vielleicht wie eh und je und tarnten dies sorgfältig mit den damaligen ständischen Verhaltensnormen? Durfte also ein Kurfürst alles fordern und ein Bauer nichts? Konnte eine Nonne an Gott zweifeln? War die Rebellion der Räuber gerecht? Was zählte mehr: das Selbst oder die Gemeinschaft?

Ein interessanter Indikator ist die zeitgenössische Diskussion um die „Bienenfabel“ des Holländers Bernard Mandeville (1670-1733), die erstmals 1714 in London erschienen ist. Dieser behauptete im krassen Gegensatz zu den Grundsätzen der christlichen Nächstenliebe und zeitgenössischen Moralphilosophie, dass Tugenden nicht angeboren wären, sondern allein dem Eigeninteresse geschuldet seien. Wie auch immer ein Mensch handele, stets habe er sein Eigenwohl im Sinne. Damit nicht genug: die Hauptthese lautete: private Laster seien nicht verdammungswürdig, sondern dienen dem Gemeinwohl mehr als Bescheidenheit, Sittsamkeit, Eintracht. Mandeville wurde damit zum frühen Propagandisten einer kapitalistischen, ja globalisierten Ethik – auch wenn er seine Traktate als Satiren klassifizierte.

Dass diese Schrift einen Sturm der Entrüstung auslöste, könnte zweierlei Gründe haben: Mandeville lag total falsch, die Menschen sahen also in der Tugend die Grundlage des Zusammenlebens, oder aber: die Rezipienten führten sich ertappt und versuchten nun, den Netzbeschmutzer zum Schweigen zu bringen. Allein die Formulierung dieser Thesen scheint aber sehr ungewöhnlich gewesen und folglich kein typisches Denkmuster gewesen zu sein. Folglich wurde Mandeville vorgeworfen, Glauben und Gesellschaft umstürzen zu wollen. Schauen wir uns nun die Figuren unseres Dramas an, so offenbart sich ein buntes Kaleidoskop aus Tugend und Laster. Der kleine Pocc wird errettet, die Fürstin ist barmherzig, die Kurprinzen kennen nur die Ausschweifung. Eines scheint sich aber herauszukristallisieren: die Triebe regieren und brechen sich in vielerlei Gestalt ihre Bahn. Am mächtigsten in der Liebe, dieser Gottesgeißel; in der Gier, im Hass. Triebhaft sind sie alle, und so bringen sie die Handlung voran und bringen doch etwas Wunderbares zustande: eine komplexe Gemeinschaft von miteinander lebenden, kommunizierenden, nicht nur wie jedes Tier Tag für Tag um das nackte Überleben kämpfenden, sondern ab und an glücklichen und lachenden Wesen. Und wenn dies tatsächlich ein Ergebnis unserer Laster sein sollte: wohlan, so sei es! Oder wie siehst du das, tugendhafte (keineswegs idealisierte) Göttin?

Samstag, Februar 25, 2006

Das Lied der armen Seele

Dunkle Schatten legen sich auf meine Schultern.
Sie drücken mich zu Boden schon.
Dort liege ich, versuche mich zu regen.
Jedoch die Kraft allein die fehlet mir.

Seele greifet zu den Sternen,
Doch die Sterne sind borniert.
Sterne wollen mir nicht leuchten,
Kleine Menschen, finstre Nacht.

Lust regt sich in meinen Lenden.
Sie muss ersterben ohne Trost.
Schönheit blendet alle Menschen.
Ein hässlich Antlitz bleibt ungeküsst.

Seele greifet zu den Sternen,
Doch die Sterne sind borniert.
Sterne wollen mir nicht leuchten,
Kleine Menschen, finstre Nacht.

So schleicht sie heimlich nur im Dunkeln.
Die Larve ein unscheinbar Tier.
Bald, ja bald wird sie entlarven
die schwarzen Seele des Schmetterlings.

Seele greifet zu den Sternen,
Doch die Sterne sind borniert.
Sterne wollen mir nicht leuchten,
Kleine Menschen, finstre Nacht.

Ja werte Leser, ihr werdet wohl schon ahnen, wer hier gerade das Lied anstimmt? Fachsimpelt gerne darüber, wer so viel Hass in seinem Herzen gesammelt hat. Das Leben ist nur denen ein Geschenk, die nicht stets unzufrieden mit ihrem Schicksal hadern und sich vergleichen. Der Neid ist ein schlechter Berater für die vergiftete Seele. Aber wo hat sie das Gift gefunden oder ist es gar im genetischen Code angelegt gewesen. Eine Wesensart gleich einem fauligen Odem, der sich als stinkende Aura um das ungestalte Gesicht legt.
Übertrieben meint ihr? Wartet nur ab...

Sonntag, Februar 19, 2006

Der Hof - feierlich gestimmt und misslich tönend

Anna Sophia hatte die frohe Kunde bereits morgens im Kloster erreicht. Ihr nichtsnutziger Mann hatte immerhin genug Verstand, ihr einen Boten zu entsenden. Sie konnte es nun kaum erwarten den geliebten Sohn wieder in die Arme zu schließen. Bevor sie das Kloster verließ, klopfte sie noch an die Tür der Äbtissin, um ein wichtiges Anliegen vorzubringen.
«Tretet ein.» Agatha saß gesenkten Hauptes an ihrem Schreibtisch. Ihre Beine hatte sie auf seltsame Art verknotet.
«Ehrwürdige Agatha. Ich habe heute in den frühen Stunden die euch befohlene Ursula gesprochen.»
«Sie gehört dem Orden nicht mehr an.» Agatha hob nicht einmal das Haupt. Das war ein Affront. Lediglich ihre Beine zog sie etwas höher.
Anna Sophia spürte den kalten Atem ihrer Gedanken und entschloss sich spontan ihre Pläne zu ändern.
«Ich hörte es. Ich werde sie deshalb bei mir aufnehmen.» Und konnte sich nicht verkneifen hinzuzufügen «Die arme verlorene Seele.»
Jetzt schnellte der Kopf der Äbtissin hoch. Ein scharfer Blick traf die Edeldame. Agathas Gesicht war hölzern, regungslos. Der Mund spitz zusammengezogen. Dann plötzlich löste sich die boshafte Anspannung in ihrem Gesicht.
«Tut, was ihr nicht lassen könnt. Aber achtet auf euer Gesinde. Sie ist ein leichtes Mädchen und keineswegs entschieden in ihren Wegen.»
«Das lasst mal meine Sorge sein.» Sie spürte trotz des falschen freundlichen Gesichtes die Verachtung der harten alten Frau. Sie verstellte sich, um weiterhin vom Kurfürstenhof zu profitieren. Anna Sophia machte auf dem Absatz kehrt und verließ fröhlich den Raum.
Die drei Reisenden kehrten frohen Herzens zurück an den Hof und wurden dort von gehissten Fahnen empfangen. Die Flaggen taten nicht nur die frohe Nachricht der Rückkehr des Prinzen kund. Sie waren auch auf Feier ausgerichtet. Natürlich. Jetzt konnten die Herren wieder kraftstrotzend vor ihre Freunde treten, sich betrinken, rülpsend und furzend in die Sessel fallen uns sich niedere Dienste gefallen lassen. Sie musste schon bei dem Gedanken würgen. Ursula beobachtete Anna Sophia traurig, denn sie spürte den Abscheu der Ehefrau gegenüber dem Mann, mit dem sie Hof und Bett teilen musste – um ihrer Kinder willen.
Anna Sophia riss sich zusammen. Nichts war wichtig. Nur Friedrich. Den Anna Sophia dann auch kurze Zeit später in die Arme schließen konnte. «Mutter. Ich liebe euch.» Die Tränen stiegen Anna Sophia in die Augen.
Ursula verließ leichenblass und unbemerkt den Raum.

Werte Leser nun sind fast alle Zutaten zusammengestellt für die festliche Tafel der Begebenheiten, die den weiteren Weg unseres Personals bestimmen. Ich hoffe, ihr konntet den einzelnen Charakteren bereits ein klein wenig in die Seele schauen, auf dass ihr im nächsten Teil einen Zeitsprung vornehmen könnt. Die Jugend unserer Helden wird dort die Perspektive bestimmen. Vieles wird sich in den Gemütern geändert haben und die reine Kinderseele wurde an der Garderobe abgegeben.

Sonntag, Februar 12, 2006

Die Rückkehr Friedrichs in den Schoß der Familie

Während die Nachtgestalten langsam dem Morgen entgegendämmerten, war ein wutentbrannter Fürst auf dem Weg zum heimatlichen Schloss. Friedrichs Großvater hatten die Kunde von der Entführung und der Kurprinzenfarce erreicht. Er brach seinen Besuch auf dem Jagdschloss unwillig aber sofort ab, um eilends heimzureisen. Seit so vielen Jahren beteiligte er nun seinen Sohn an der Regierungsarbeit. Wenn er nur das Gefühl haben könnte, sein Sohn habe die genügende Ernsthaftigkeit, um das Amt zu übernehmen. Er selbst war den Verlustierungen, die er sich in seiner Position leisten konnte, alles andere als abgeneigt. Doch konnte er die private und die politische Person Johann Georg gut trennen und hatte bisher immer den Respekt des Volkes genossen, der leicht abhanden kommt, wenn man großkotzig in aller Öffentlichkeit aus der gepuderten Fresse grinst. Sein erster Enkel sog dieses Fatzkentum bereits tief in sich auf, schlug sein Rad vor den Groß- und Kleinbürgerlichen, als entstünde Respekt aus der Position heraus. Friedrich war die Hoffnung seines alternden Herzens. Ihm war es mehr als Recht, dass der Einfluss der Mutter sehr stark auf den kleinen Friedrich wirkte. Jäh wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Die Kutsche preschte mit einem großen Tempo durch die Wälder. Dann: Ein harter Schlag, ein lautes Kreischen und Knirschen und Krachen. Die Kutsche schlug zur rechten Seite und der Fürst wurde hart gegen die Tür geworfen. Er verlor das Bewusstsein.

Friedrich reiste mit den beiden Kindern immer in den frühen Morgenstunden, um das noch warme Lager zu verlassen, ein neues zu suchen, dass am Tage noch keine offensichtlichen Spuren hinterließ. Der junge Kurprinz setzte jeden seiner Schritte mit Bedacht. Er wusste, dass der Wald im Dunkeln gefährlich war. Besonders die Fallgruben der Wilderer konnten einem schnell zum Verhängnis werden. Er heftete seinen Blick fest an die mächtigen Waden von Pocker, die in dicken Fellbandagen steckten. Er war ein bisschen stolz, dass er sich ebenfalls ein Paar Fellbandagen umschlagen durfte. Pocker trug auf seinem Rücken Heinrich, der noch fest schlief. Der Alte sprach nicht viel. Friedrich hatte noch nicht verstanden, wer dieser Pocker war. Aber er verehrte den großen, traurigen, stummen Mann. Sein kleines Ich beobachtete er mit zärtlicher Belustigung, das kleine Tier mit den aufmerksamen Augen.
„Halt!“ Friedrich stolperte in Pocker hinein und stieß sich kräftig die Nase. Blieb aber wie angewurzelt stehen, nachdem er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Pocker spitzte die Ohren. „Da ist jemand. Friedrich. Hörst du?“ Friedrich konnte kein Geräusch vernehmen. Und doch. Plötzlich ein Knacken im Gehölz ein Stöhnen. Pocker gab ihm das Kind und gebot ihm zu warten. Dann machte er sich davon in die Dunkelheit.
Er hörte verschiedene Geräusche, Schritte, Stimmen. Es hörte sich nicht feindselig an. Er war zu neugierig und folgte seinem Gehör in die Dunkelheit. Dann sah er die Fackel, die Kutsche und Pocker mit einem zweiten Mann, die sich an dem Gefährt zu schaffen machten. Er näherte sich vorsichtig der Kutsche. Sie war mit dem Rad in eine sogenannt Fuchsrinne geraten, eine schmale Falle für die Edelpelztiere. Da fing Heinrich an zu schreien. „Pssssssst!“ Friedrich hielt dem Kind die Hand auf den Mund. Zu spät. Pocker ließ einen Moment von der Kutsche ab. Blickte finster in seine Richtung, sagte etwas zu dem anderen Mann und winkte ihm zu kommen. Friedrich näherte sich der Kutsche. Die beiden Männer stemmten sich gegen die umgekippte Kutsche und hoben sie an. Pocker schob ein Holzscheit in die Rinne, auf den sie die Kutsche wieder herabließen. Die Fahrt konnte weitergehen.

Pocker kam auf Friedrich zu, nahm ihm das Kind aus der Hand, und beugte sich herab: „Friedrich. In der Kutsche reist dein Großvater. Ich werde dich mit ihm nach Hause reisen lassen.“ Großvater, eine großartige Nachricht. Ging es ihm gut? Ihm war doch nichts passiert. Er lief zur Kutsche und sah die zusammengesunkene Gestalt seines Großvaters auf der Bank. Pocker packte ihn von hinten. „Keine Angst. Es geht ihm gut. Er hat nur das Bewusstsein verloren.“ Friedrich war erleichtert und traurig. Die Trennung von den Pockers kam so plötzlich. „Geh schon,“ sprach Pocker zärtlich und strich ihm über das Haar. Friedrich umarmte die beiden kurz und stieg in die Kutsche, denn er wusste, dass er wieder heim gehen würde. Dieses war die beste Gelegenheit für Pocker, unentdeckt zu bleiben. Die Kutsche konnte weiterreisen.

Friedrich konnte noch nicht ahnen, unter welch merkwürdigen Umständen sie sich viel später wiederbegegnen würden. Ein zartes Band war geknüpft zwischen dem adligen Sprössling und den heimatlosen Waldwanderern. Viele, viele Jahre wird er es gar nicht spüren bis es sich ein Vierteljahrhundert später unter ganz anderen Vorzeichen schmerzhaft spannen wird.

Erstmal TACHCHEN

Was für eine Freude, dass der Dialog wieder frisch entflammt ist. Da werde ich natürlich gerne mein ganz persönlichen Pojekte zurückstellen und weiter hier schreiben.
Den Kierkegaard, den lasse ich allerdings eiskalt im Regen stehen, denn da kann ich aktuell noch nicht die nötige Tiefe in Diskussion einbringen.
Beginn Einwand: Glauben können soll die Verzweiflung stillen? Das ist aus meiner Sicht zu einfach. Womöglich von Gott gegeben, von Gott genommen als Interpretation des Schmerzes bei Verlust? Nein, das kann es nicht sein. Der Wille des Individuums steht bei mir höher im Kurs. Dem steht der Balsam des Glaubens gar nicht im Weg, aber er ersetzt doch keinesfalls die eigenen Schritte auf dem Weg, der mal mit Scherben, mal mit Blumen bestreut ist. Schluss Einwand.
Wir werden möglicherweise noch einiges lernen aus dem Weg unseres Helden. Das hoffe ich. Vielleicht könnten wir unseren Helden im Spiegel verschiedener Philosophien als köstliche Exkurse einbringen? Da würde ich mir glaube ich Nietzsche vornehmen (um einem göttlichen Einwurf zu entgehen :).
So: und jetzt soll die Geschichte endlich weitergehen. In dem ersten Teil der Geschichte, die 1676 spielt, fehlt noch eine wichtige Person, die ich der Historie fast unterschlagen hätte. Oh weh, Du musst besser Acht geben Pocc.

Montag, Februar 06, 2006

Samstag, Februar 04, 2006

Wo aber bleibt Gott?

Überaus verehrte Lem, geneigte Leserschaft: Hiermit möchte ich mich entschuldigen für meine asoziale Schreibblockade. Ich weiß: Es ist nicht zu entschuldigen, eine Diva hängen zu lassen. Sie so zu verärgern, dass sie alles hinwerfen will. Und so das zarte Poccblog-Pflänzchen verdorren zu lassen. Nein, es ist nicht zu entschuldigen. Nackte Angst, einem virtuellen Fememord zum Opfer zu fallen, trieb mich zurück. Und die zärtliche Neigung zur Dichterin.

Zunächst muss ich meine philosophische Bringschuld begleichen. Es geht um Kierkegaard, um Verzweiflung und Lebenslust. Die Ausgangsfrage lautete: suchen wir den seelischen Schmerz, um unsere Existenz spüren zu können? Das war es doch im Kern, nicht wahr liebe Lem? Du zitierst den alten Dänen als Kronzeugen herbei. Wie immer bewundere ich dein Gespür für Texte und deine Klugheit, denn das Beispiel ist gut gewählt. Der zur Reflexion befähigte Mensch wird sich erst in Krisensituationen, also durch Schmerz, seines Selbst bewusst. Im gleichen Moment verzweifelt er darüber, dieses und kein anderes Selbst zu haben. Der schmerzhafte Prozess hat aber auch sein Gutes: erst dadurch wird sich der Mensch seiner Freiheit bewusst im Gegensatz zum stumpfen Tier. Schmerz, Selbstfindung, Verzweiflung – alles in schöner Eintracht wie in deiner These.

Und doch ist Kierkegaard nichts weniger als ein Apologet der Verzweiflung, des Schmerzes und des nur auf sich selbst bezogenen Selbst. Keineswegs sagt K., dass der Mensch den Prozess der schmerzhaften Selbstfindung durchleben SOLL. Vielmehr ist dieser Pfad „Sünde“, dem er den „Glauben“ als wünschenswerte Alternative gegenüberstellt. Erinnern wir uns: Sören Kierkegaard betrat mitten im Vormärz die öffentliche Bühne. Es war eine unruhige Zeit, in der unsere heutige Gesellschaft unter heftigen Wehen geboren wurde. Und in der Gott zu sterben begann. Ohne ihn ist K. Philosophie nicht zu verstehen.

K. war sich ziemlich sicher, dass es Gott gibt – und sei es auch „nur“ als abstrakte Idee im Hegelschen Sinne. Im Unterschied zum Menschen und allen anderen Wesen ist Gott absolut frei. Und der Mensch? Ein Wesen, das sich (anders als das nur sein Dasein fristende Tier) der Zeitlichkeit und Bedingtheit seines Lebens bewusst ist und somit existiert. Aus der Erkenntnis, kein gottähnliches Selbst zu besitzen, resultiert eine Grundverzweiflung, ein Grundschmerz. Eben dies will der Mensch verdrängen: die Ästhetiker (= infantile Typen wie ich) streben nach Genuss in allen Lebenslagen und machen sich vom Sinnenleben abhängig; die Ethiker (=verantwortungsbewusste Menschen wie du) ordnen sich den Prämissen Gut und Böse unter und verleugnen dabei auch ihr Selbst. Erst der Glaubende erreicht eine neue Stufe seiner Existenz. Warum? Weil Glauben eine Leidenschaft ist, die vom Menschen Besitz ergreift und ihn seine Verzweiflung vergessen lässt. Für K. ist Glaubenkönnen das Höchste, weil es sich dem Denken entzieht und Unmögliches möglich macht. Hoffnungsspendender Glaube als Leidenschaft: das ist die Droge, die es dem Menschen erlaubt, sich von seiner schmerzhaften Selbstfindung und -kasteiung zu befreien. Denn er ermöglicht die Anerkennung der Abhängigkeit des Selbst von Gott und somit das Aufgehen in IHM. K., häufig der Verzweiflung nahe, hielt sich selbst für zu vernünftig, zu schwach für dieses Fallenlassen. Aber er hinterließ uns ein großartiges Plädoyer für die Hoffnung und den Glauben, gegen die Verzweiflung und den Schmerz. Eine Philosophie der Unvernunft im Dienste der Freiheit.

Hier schließt sich der Kreis. Wir sind wieder am Anfang angekommen, dort, wo dieser Exkurs seinen Ausgang nahm: bei der Hoffnung. Egal ob Pocker; Friedrich oder Pocc: sie alle sind verzweifelt über den vorgezeichneten Weg, wollen ein anderes Selbst, hoffen, dass das Unmögliche wahr wird. Die Zeitlichkeit ihres Daseins und die ethischen Barrieren verfluchend beten sie zu Gott, dass sie doch noch erhört werden. So sei es. Amen.

Pocc

(Bearbeitungszeit: 5 Stunden, Hilfsmittel: Kierkegaard-Mono und Hüglis Philosophielexikon)

Freitag, Februar 03, 2006

Kreativität und Leidenschaft

Wertes Publikum,
schweren Herzens kündige ich nun erst einmal Sendepause an. Da der Dialog zu einem Monolog geworden ist, werde ich nun abwarten, denn - es ist tatsächlich so - Pocchinis Weg kann nur im Duett beschritten werden.
Beschwerde-Kommentare nehme ich gerne entgegen.
Ansonsten werde ich mich jetzt wieder mehr meinem persönlichen Schreib-Projekt widmen können.
Adé und bis bald hoffentlich...
Lem

Sonntag, Januar 22, 2006

Noch eine Ergänzung zu Kierkegaard



Existieren

"Existieren" ist ohne Leidenschaft unmöglich, wofern man darunter nicht ein Dahinleben versteht. Deswegen war auch jeder griechische Denker in seinem Wesen ein leidenschaftlicher Denker. Des öfteren habe ich darüber nachgedacht, wie man einen Menschen in Leidenschaft versetzen könne. So habe ich mir gedacht, wenn ich ihn auf ein Pferd zu sitzen bekäme, das Tier dann scheu machte und in wildestem Galopp dahinjagen ließe, - oder noch besser (um die Leidenschaft recht zum Vorschein kommen zu lassen):wenn ich einen Mann bekommen könnte, der so rasch wie möglich an einen Ort gelangen wollte, also schon von vorneherein etwas in Leidenschaft wäre und sich dann auf ein Pferd setzen würde, das kaum gehen könnte. So verhält es sich mit dem Existieren, wenn man sich dessen bewusst sein soll.

Oder wenn man einem Fuhrmann, der anders nicht in Leidenschaft zu bringen ist, einen Pegasus und zugleich eine Schindmähre vor den Wagen spannte und ihm dann sagte: "Fahre nun los", dann, meine ich, sollte es doch glücken. So verhält es sich mit dem Existieren, wenn man sich dessen bewusst werden soll. Die Ewigkeit ist unendlich geschwind gleich jenem beschwingten Renner; aber die Zeitlichkeit ist ein alter Klepper, und der Existierende ist der Fuhrmann, - wofern Existieren nicht das ist, was man sonst auch ein Dahinleben nennt. Der Dahinlebende ist kein Fuhrmann, sondern ein betrunkener Bauer, der im Wagen liegt und schläft und die Pferde sich selbst überlässt. Gewiß, auch so einer fährt, auch er ist ein Kutscher, und so gibt es vielleicht manchen, der -auch existiert!

"Nachschrift"

gefunden und entommen von: www.kierkegaard.de (Texte)

Exkurs über das Selbstgefühl

Es ist ja leider etwas ruhig geworden in unserem Pocchinischen Universum. Eine sehr kleine treue Leserschaft soll aber trotzdem nicht enttäuscht werden, denn der Entwicklungsroman unseres Helden liegt ja noch in den allerersten Zügen. Schon gibt es die ersten ernsthaften Querelen über die den historischen Hintergrund (siehe Nachtgestalten 1). Vielleicht kann da jemand helfen, der in religionsgeschichtlichen Fragen gerne einmal ein Machtwort spräche. Es hat sich in den Kommentaren außerdem eine kleine Diskussion entsponnen über den Nutzen von unerfüllter Liebe für die Selbstwerdung eines Helden. Größter Schmerz - so meine These - führt erst zur Wahrnehmung des Selbst. Der Schmerz wird gar gesucht, um sich zu spüren.

Und ganz nebenbei versprach ich eine Randnotiz zu Kierkegaard, die diese Diskussion bereichern sollte und heute im aktuellen Post ans Licht gebracht wird.

In der taz hat Michael Rutschky einen sehr kurzweiligen Artikel über Kierkegaard geschrieben und seine Bedeutung für das Lebensgefühl im Merkelland. Ich habe mich bisher noch nicht mit Kirkegaard beschäftigt, werde das aber jetzt mit Sicherheit nachholen. Ich blieb an dem folgenden Absatz hängen. Erwähnt wird seine Verlobung mit Regine Olsen, die er nie heiratete. Eine Liebesgeschichte, die laut Rutschky im Kanon tragisch unerfüllter Liebesgeschichten weit oben rangiert. Es wird desweiteren gemutmaßt, dass ihm entweder die Ekstasen des Verliebtseins genügten oder diese Liebesgeschichte nur Triebfeder für sein Buch "Tagebuch eines Verführers" war. Ich würde diese Episode gerne mit dem folgenden Zitat aus "Die Krankheit zum Tode" in Berührung bringen, welches der Autor sehr lecker findet (ich auch):"Das Selbst will verzweifelt die ganze Befriedigung genießen, sich zu sich selbst zu machen, sich selbst zu entwickeln, es selbst zu sein...Und doch ist es im Grunde ein Rätsel, was es unter sich selbst versteht; gerade in dem Augenblick, wo es am allernächsten daran zu sein scheint, das Gebäude fertig zu haben, kann es das ganz willkürlich in nichts auflösen."

Wie fühle ich das Selbst am besten? Wenn die eigenen Grenzen überschritten werden, um es zu spüren. Wenn meine Umgebung instrumentalisiert wird, es zu spiegeln. Ich habe jetzt nur den Fall des Täters vor Augen nicht des Opfers. Die Stilisierung einer Liebesbeziehung zu einer perfekten macht sie zu einer unmöglichen. Der Entzug ist konsequent und führt zur bedingungslosen Selbstauflösung. Ein neues narzisstisches Gefühl und neue Entwicklungschanchen.
Liebe Leser, haltet mich nicht für kaltherzig. Das ist extrem theoretisch und geht von einer Inszenierung des eigenen Lebens aus, und natürlich einem narzisstischen Akteur.
Die unerfüllte Liebe, das ist auch das Bild der zerissenen Seele in der Literatur. "In wessen Leben ging nicht einmal das wunderbare, in tiefster Brust bewahrte Geheimnis der Liebe auf! - Wer du auch sein magst, der du künftig diese Blätter liesest, rufe dir jene höchst Sonnenzeit zurück, schaue noch einmal das holde Frauenbild, das, der Geist der Liebe selbst, dir entgegentrat. Da glaubtest du ja nur in ihr dich, dein höheres Sein zu erkennen." (Aus: E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels).
Das "So will ich sein", das hohe reine Gefühl, welches ich nicht erreiche, scheint Movens zu sein. Deshalb die Suche nach der unerfüllbaren Liebe, was eigentlich dem unstillbaren Wunsch nach dem perfekten Moment des eigenen Lebens entspricht.

Oder? Könnte ich jetzt fragen. Bin mir aber selbst nicht ganz im Klaren, was das für das alltägliche Leben bedeutet. Denn ich warf ja nur eine philosophische Ebene mit einem literarischen Motiv in einen Topf. Habe es mir damit recht einfach gemacht.

Jedenfalls werden wir auch der "unerfüllten Liebe" in unserem Entwicklungsroman nachspüren dürfen, wenn auch nicht am Helden selbst. Eine tragische Beziehung, die Friedrich August auf den Thron führen wird. Die Erfüllung des Geheimnisses der Liebe geht in unserem Falle im Tode auf. Ihr könnt ja schon mal in der Geschichte stöbern. Allerdings werdet ihr erst hier in einiger Zeit in die Seele der Liebenden blicken können.

Montag, Januar 16, 2006

Dead as a Dodo



Werte Leser,
ein großer Moment ist gekommen, denn wir stellen eine erste Skizze zum Schmucke unserer Pocchini-Historie zur Debatte.
Dead as a dodo - das ist Pocchini heute. Aber über die Dronte forschen viele Naturwissenschaftler und es gibt unzählige Beiträge zu der Geschichte dieses Wesens. Dieses Schicksal möchten wir Pocchini nun auch endlich bescheren. Denn er hat es verdient. Möge also Pocchini dank unserer Recherchen zur wahren historischen Persönlichkeit, garniert mit dem Unterhaltungwert einer in allen Farben geschilderten Entwicklungsgeschichte des Helden, zu einem Eingang in die moderne Geschichtsforschung beitragen.

Nachtgestalten Teil 2

Der junge Fürst hatte seine dunklen Augen endlich geschlossen. Sein melancholischer Blick fiel nur dem aufmerksamen Beobachter ins Auge, weil seine markanten dunklen Brauen dem weichen Kindergesicht bereits jetzt eine gewisse Strenge verliehen. Auch der kleine Heinrich schlummerte friedlich in seinem Fell nah beim Feuer. Friedrich Pocker musste an seine Söhne denken und das nahm ihm fast die Luft. Diese kleinen Gesichter, das eine schön und traurig, das andere entstellt und friedlich. Er entzündete sich eine Pfeife. Das gleichmäßige Einatmen des wohlschmeckenden Rauches beruhigte ihn. Er hatte sich von der Horde getrennt. Diese räuberischen Säufer missbrauchten ihre Freiheit, brachten unbescholtene Bürger mit ihren kindischen Zoten in Gefahr. Das war ein Grund gewesen, der Meute den Rücken zu kehren. Außerdem hatten sie ihn ohnehin gemieden. „Da ist des Teufels Brut, die der Pocker da großzieht. Wir werden alle untergehen.“ So hörte er sie manches Mal sprechen. Er fühlte sich jetzt frei, obwohl er wusste, dass sie ihn suchten. Dass er eine wertvolle Beute bei sich trug, das hatte sich natürlich bereits herumgesprochen. Er musste jeden Abend sein Lager wechseln. Der junge Fürst kümmerte sich auf rührende Art und Weise um „das kleine Tier“, wie er Heinrich nannte. Er wollte es immer tragen, hielt ihm Kräuter ins Gesicht. Fragte: „Kannst du es riechen mit der kaputten Nase?“ Pocker war gerührt von diesen Bildern, die die ersten Tage im Wald erfüllten. Sie waren eine vogelfreie Familie, und er fühlte zum ersten Mal seit Jahren so etwas wie Glück.

Sonntag, Januar 15, 2006

Nachtgestalten Teil 1

Schlagende Türen ließen Anna Sophia von ihrem Lager aufschrecken. Angespannt lauschte sie in die stockfinstere Nacht. Schritte näherten sich ihrer Tür. Es wurde schwer geatmet. „Franz?“ Sie hörte ihre Stimme. Es klang ganz fremd, so still war die Nacht. Sie zog die Bettdecke hoch zum Kinn. Die Konturen der Tür konnte sie jetzt bereits erkennen. Dann entfernten sich die Schritte wieder, ohne dass sich jemand zu erkennen gegeben hätte. Das erschien der Fürstin seltsam. Vielleicht wollte ihr treuer Gefährte sie nicht wecken und hatte sich deshalb entschlossen, das eigene Lager aufzusuchen. Sie erhob sich, in die Decke gehüllt, von ihrem Lager. Ihre nackten Füße berührten den kalten Steinboden. Sie schüttelte sich leicht. Sie ging zum Tisch, entzündetet die bereitgestellte Kerze und ging auf den Flur. Franz konnte kein Glück bei der Suche gehabt haben, sagte sie sich. Er hätte doch sicher nicht gezögert, sie zu wecken, wenn er ihren Friedrich dabei gehabt hätte. Der Gedanke an ihren geliebten, sanften Sohn ließ einen Stich durch ihr Herz fahren. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Der Gang wurde von ihrem Kerzenlicht gespenstisch ausgeleuchtet. Unbekannte Schatten überall. Sie wagte kaum zu atmen. Sie ging in kleinen Schritten, kämpfte immer noch mit der Fassung, da plötzlich vernahm sie ein kindliches Schluchzen. Sie hielt es für eine Einbildung, blieb aber wie gebannt im Gang stehen. Blickte nach rechts. Blickte nach links. Vor einer Tür kauerte ein Bündel. Es schien sich zu bewegen. „Friedrich!“ schoss es ihr in den Sinn. „Mein Sohn!“ Sie stürzt auf das Bündel zu und spürte wie die Person erstarrte. Sie hob vorsichtig die Decke, leuchtete mit der Kerze in ein junges, rot verquollenes Frauengesicht mit vor Schreck geweiteten Augen. Anna Sophia schreckte kurz zurück und seufzte dann tief und traurig wegen der enttäuschten Hoffnung. Sobald sie sich wieder beherrschen konnte, fragte sie: „Was um Himmels willen machst du hier? Hast du keine Kammer?“ Mit zitterndem Stimmchen sprach das Mädchen stockend: „Mein Name...ist...war...ist...Ursula.“ Anna Sophia kam ihr näher und vermeinte die Ordensschwester wiederzuerkennen, die sich bittend vor die Füße der Äbtissin geworfen hatte. „Weißt du wer ich bin?“ Sie versuchte das Vertrauen des verunsicherten Persönchens zu gewinnen. „Nein, ja, weiß nicht recht.“ Ursula holte tief Luft in hektischen Stößen. „Ich bin Anna Sophia, die Frau des Kurfürsten Johann Georg. Ich habe mein Kind an eine Horde wilder Räuber verloren und raste hier auf dem Weg in den Tharandter Wald, wo wir ihn vermuten.“ Ursula brach sofort wieder in Tränen aus. „Auch ich habe meinen kleinen Sohn, gerade neu geboren, an den Wald verloren. Nun ist mir nichts geblieben. Die Kirche verstößt mich und lässt mich zurück im festen Glauben, eine Mörderin zu sein.“ Anna Sophia nahm ihre Hand, ganz zart und weiß und kalt war diese Hand. „Ursula, komm mit in mein Gemach. Dort kannst du dich in den Decken wärmen und neue Kräfte sammeln, um mir deine Geschichte zu erzählen. Vielleicht kann ich Dir helfen.“ Sie zog sie hoch, legte den Arm um die schmalen Schultern und schob Ursula in ihre Kammer. „Die katholische Kirche kann es sicher nicht!“ sagte sie mehr zu sich selbst als zu der armen verletzten Seele.

Samstag, Januar 07, 2006

Exkurs: Die 10 Köstlichkeiten des Spätbarock

Oh, oh, die Diva zürnt, das darf nicht sein. Wilde Angst beschleicht den schlimmen Pocc, jetzt heißt es schnell handeln. Ja was ist denn nur los mit ihm? Nun er lebt schon noch, aber er ist krank, sehr krank. Ihr erinnert euch sicher alle an Uwe Ochsenknecht in „Schtonk“, wie er – den Herrn Kujau mimend – mit hohem Fieber in seiner Bude sitzt und gewisse Dokumente fälscht. „Dezember 1942: die Kameraden frieren in Stalingrad. Ich sehr krank“. Ganz ähnlich geht es gerade dem Historiker, der bibbernd in Decken eingehüllt vor seinem Rechner sitzt und trotzig an seinem 600-Seiten-Lebenswerk herumfuhrwerkt. Dies sollte ihn vor der Dichterin und dem verehrten Publico entschuldigen, oder?

Herrn Pocchs Zeit ist also knapp bemessen, deshalb muss er sich heute ausnahmsweise mit einer dieser widerlich-bequemen, aber immer wieder gerne gelesenen „Listen“ aus der Affäre ziehen. Da sich gerade die halbe Welt damit beschäftigt, sinnlose Geschenke loszuwerden, befragte er einfach mal die Quellen, welche Segnungen des „Augusteischen Zeitalters“ (1694-1733) wir auf gar keinen Fall zurückgeben möchten. Er fand derer zehn:

1694: Erste Bank (of England) gegründet
1695: Leibniz baut eine Rechenmaschine, 1714 folgt die erste Schreibmaschine von Mill
1698: Briefe werden erstmalig durch Boten zugestellt (in Berlin)
1700: Erste Werbeplakate in Japan
1708: Erste Porzellanherstellung in Europa (natürlich am Hofe unseres August)
1709: Urheberrecht der Autoren in England erstmalig geschützt
1713: Die Pest sucht unsere Gegenden zum letzten Mal heim
1717: Erste Schutzimpfung (gegen Pocken), 1718 Geburtsjahr der modernen Chirurgie
1719: Defoe schenkt England den „Robinson Crusoe“, 1726 folgt Swifts „Gulliver“
1720: Erster Kraftwagen mit Dampfantrieb gebaut
1728: Erste Kuckucksuhren im Schwarzwald hergestellt

Na, das kann sich doch wohl sehen lassen, oder? Da mein Hirn unter den heftigen Virenattacken leidet, musste ich ausnahmsweise auf ein Nachschlagewerk zurückgreifen. Dafür ein ganz ausgezeichnetes, grandioses, brachiales: die sagenumwobene „Synchronoptische Weltgeschichte“ von Arno Peters. Falls ihr weitere Vorschläge habt, die unbedingt in diese Liste gehören: bitte meldet euch!

Ihr seht: die Zeit um 1700 war eigentlich ganz spannend. Und ein bisschen menschlich. Neben Wüstlingen wie dem kleinen Sonnenschein Louis XIV. gab es auch verantwortungsbewusste Bürger, die an die kommenden Generationen dachten. Und deshalb habe ich Hoffnung für die Protagonisten unseres großen Schauspiels.

Knappe Franz. Eine Eporette

Die Zeit verstreicht, kein Pocc rührt sich. In der Einsamkeit schreibt es sich schlecht, deshalb müssen jetzt auch alle Leser darunter leiden, denn ich kann unmöglich unter diesen Bedingungen weiterschreiben. Ich streue lediglich eine kurze poetische Sequenz. Eine Kurz-Hommage an das schöne Genre der Eporette (Epos meets Operette). Intoniert wird die Suche im Wald des Knappen Franz.


Der Vorhang öffnet sich. Es ist stockfinster, der Himmel wolkenverhangen, weder Mond noch Sterne können unserem tapferen Franz den Weg leiten. Der führt sein Pferd vorsichtig. Seine Auge hat sich an die Dunkelheit gewöhnt.


Schattenwald.
Kalt
schlagen Zweige in mein Gesicht.
Blöde Pflicht.
Nicht
nein sagen dürfen ist Mist.
Nebelschwaden.
Maden
sollen den verflixten Fürstensohn holen.
Holde Liebe
Diebe
schleichen durch die Nacht.
Großes Sehnen
Venen
pulsieren und sagen: Zieh
von dannen.


Die Laune Franzens besserte sich als er an Maria dachte, die jetzt sicherlich gerade die Federbetten aufschlug. Sein warmes Gefühl gefror. Ihr Mann, der geile Bock, der besteigt sie nun, während ich durch die Wälder irre. Oh, wie sehnte er sich nach den weichen Schenkeln von Maria, die ihn fassten. Ein jähes Knacken.


Wer da?
Psssssssssssssst
Was zum Henker...
Franzzzzzzzzzzzzzzz
Oh, grauenvoll, wer...
Steige vom Gaul und halt’s Maul!
Ich geb dem Gaul die Sporen, sonst bin ich gleich verloren.
Halt, Friedrich ist’s.
Friedrich August. Wo ist der Knabe. Wie ein Schleier die Dunkelheit über meinen Augen liegt.
Hilf mir. Hilf mir doch.
Verflucht, wo kommt die Stimme her, ich seh’ gar nix mehr.


In diesem Moment schlug Franz hart auf den Boden auf. Er musste eingeschlafen sein. Einer dieser verfluchten Zweige hatte ihn vom Pferd geholt, welches stracks von dannen eilte. Fluchend nahm er den Rückweg zu Fuß auf. Er konnte erst am nächsten Morgen die Suche fortsetzen. Was würde Anna Sophia sagen. Na, vielleicht konnte sie auch etwas Gesellschaft brauchen in dieser traurigen Stunde.


Oh, schöne Fürstin, ich würde so gern eure Fingerspitzen wärmen.
Oh, unnahbare, unfehlbare Schönheit. Kälte und Blässe möchte ich aus eurem Gesicht blasen.
Oh, ich armer Bauer, wie kann ich jemals nur davon träumen und eure Seele damit beschmutzen.
Oh, verzeiht das wirre Herz eines jungen Knappen, der einsam durch den Wald eilt.


Er begann zu laufen, laufen, laufen...