Sonntag, Januar 22, 2006

Exkurs über das Selbstgefühl

Es ist ja leider etwas ruhig geworden in unserem Pocchinischen Universum. Eine sehr kleine treue Leserschaft soll aber trotzdem nicht enttäuscht werden, denn der Entwicklungsroman unseres Helden liegt ja noch in den allerersten Zügen. Schon gibt es die ersten ernsthaften Querelen über die den historischen Hintergrund (siehe Nachtgestalten 1). Vielleicht kann da jemand helfen, der in religionsgeschichtlichen Fragen gerne einmal ein Machtwort spräche. Es hat sich in den Kommentaren außerdem eine kleine Diskussion entsponnen über den Nutzen von unerfüllter Liebe für die Selbstwerdung eines Helden. Größter Schmerz - so meine These - führt erst zur Wahrnehmung des Selbst. Der Schmerz wird gar gesucht, um sich zu spüren.

Und ganz nebenbei versprach ich eine Randnotiz zu Kierkegaard, die diese Diskussion bereichern sollte und heute im aktuellen Post ans Licht gebracht wird.

In der taz hat Michael Rutschky einen sehr kurzweiligen Artikel über Kierkegaard geschrieben und seine Bedeutung für das Lebensgefühl im Merkelland. Ich habe mich bisher noch nicht mit Kirkegaard beschäftigt, werde das aber jetzt mit Sicherheit nachholen. Ich blieb an dem folgenden Absatz hängen. Erwähnt wird seine Verlobung mit Regine Olsen, die er nie heiratete. Eine Liebesgeschichte, die laut Rutschky im Kanon tragisch unerfüllter Liebesgeschichten weit oben rangiert. Es wird desweiteren gemutmaßt, dass ihm entweder die Ekstasen des Verliebtseins genügten oder diese Liebesgeschichte nur Triebfeder für sein Buch "Tagebuch eines Verführers" war. Ich würde diese Episode gerne mit dem folgenden Zitat aus "Die Krankheit zum Tode" in Berührung bringen, welches der Autor sehr lecker findet (ich auch):"Das Selbst will verzweifelt die ganze Befriedigung genießen, sich zu sich selbst zu machen, sich selbst zu entwickeln, es selbst zu sein...Und doch ist es im Grunde ein Rätsel, was es unter sich selbst versteht; gerade in dem Augenblick, wo es am allernächsten daran zu sein scheint, das Gebäude fertig zu haben, kann es das ganz willkürlich in nichts auflösen."

Wie fühle ich das Selbst am besten? Wenn die eigenen Grenzen überschritten werden, um es zu spüren. Wenn meine Umgebung instrumentalisiert wird, es zu spiegeln. Ich habe jetzt nur den Fall des Täters vor Augen nicht des Opfers. Die Stilisierung einer Liebesbeziehung zu einer perfekten macht sie zu einer unmöglichen. Der Entzug ist konsequent und führt zur bedingungslosen Selbstauflösung. Ein neues narzisstisches Gefühl und neue Entwicklungschanchen.
Liebe Leser, haltet mich nicht für kaltherzig. Das ist extrem theoretisch und geht von einer Inszenierung des eigenen Lebens aus, und natürlich einem narzisstischen Akteur.
Die unerfüllte Liebe, das ist auch das Bild der zerissenen Seele in der Literatur. "In wessen Leben ging nicht einmal das wunderbare, in tiefster Brust bewahrte Geheimnis der Liebe auf! - Wer du auch sein magst, der du künftig diese Blätter liesest, rufe dir jene höchst Sonnenzeit zurück, schaue noch einmal das holde Frauenbild, das, der Geist der Liebe selbst, dir entgegentrat. Da glaubtest du ja nur in ihr dich, dein höheres Sein zu erkennen." (Aus: E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels).
Das "So will ich sein", das hohe reine Gefühl, welches ich nicht erreiche, scheint Movens zu sein. Deshalb die Suche nach der unerfüllbaren Liebe, was eigentlich dem unstillbaren Wunsch nach dem perfekten Moment des eigenen Lebens entspricht.

Oder? Könnte ich jetzt fragen. Bin mir aber selbst nicht ganz im Klaren, was das für das alltägliche Leben bedeutet. Denn ich warf ja nur eine philosophische Ebene mit einem literarischen Motiv in einen Topf. Habe es mir damit recht einfach gemacht.

Jedenfalls werden wir auch der "unerfüllten Liebe" in unserem Entwicklungsroman nachspüren dürfen, wenn auch nicht am Helden selbst. Eine tragische Beziehung, die Friedrich August auf den Thron führen wird. Die Erfüllung des Geheimnisses der Liebe geht in unserem Falle im Tode auf. Ihr könnt ja schon mal in der Geschichte stöbern. Allerdings werdet ihr erst hier in einiger Zeit in die Seele der Liebenden blicken können.

Keine Kommentare: