Samstag, Januar 07, 2006

Exkurs: Die 10 Köstlichkeiten des Spätbarock

Oh, oh, die Diva zürnt, das darf nicht sein. Wilde Angst beschleicht den schlimmen Pocc, jetzt heißt es schnell handeln. Ja was ist denn nur los mit ihm? Nun er lebt schon noch, aber er ist krank, sehr krank. Ihr erinnert euch sicher alle an Uwe Ochsenknecht in „Schtonk“, wie er – den Herrn Kujau mimend – mit hohem Fieber in seiner Bude sitzt und gewisse Dokumente fälscht. „Dezember 1942: die Kameraden frieren in Stalingrad. Ich sehr krank“. Ganz ähnlich geht es gerade dem Historiker, der bibbernd in Decken eingehüllt vor seinem Rechner sitzt und trotzig an seinem 600-Seiten-Lebenswerk herumfuhrwerkt. Dies sollte ihn vor der Dichterin und dem verehrten Publico entschuldigen, oder?

Herrn Pocchs Zeit ist also knapp bemessen, deshalb muss er sich heute ausnahmsweise mit einer dieser widerlich-bequemen, aber immer wieder gerne gelesenen „Listen“ aus der Affäre ziehen. Da sich gerade die halbe Welt damit beschäftigt, sinnlose Geschenke loszuwerden, befragte er einfach mal die Quellen, welche Segnungen des „Augusteischen Zeitalters“ (1694-1733) wir auf gar keinen Fall zurückgeben möchten. Er fand derer zehn:

1694: Erste Bank (of England) gegründet
1695: Leibniz baut eine Rechenmaschine, 1714 folgt die erste Schreibmaschine von Mill
1698: Briefe werden erstmalig durch Boten zugestellt (in Berlin)
1700: Erste Werbeplakate in Japan
1708: Erste Porzellanherstellung in Europa (natürlich am Hofe unseres August)
1709: Urheberrecht der Autoren in England erstmalig geschützt
1713: Die Pest sucht unsere Gegenden zum letzten Mal heim
1717: Erste Schutzimpfung (gegen Pocken), 1718 Geburtsjahr der modernen Chirurgie
1719: Defoe schenkt England den „Robinson Crusoe“, 1726 folgt Swifts „Gulliver“
1720: Erster Kraftwagen mit Dampfantrieb gebaut
1728: Erste Kuckucksuhren im Schwarzwald hergestellt

Na, das kann sich doch wohl sehen lassen, oder? Da mein Hirn unter den heftigen Virenattacken leidet, musste ich ausnahmsweise auf ein Nachschlagewerk zurückgreifen. Dafür ein ganz ausgezeichnetes, grandioses, brachiales: die sagenumwobene „Synchronoptische Weltgeschichte“ von Arno Peters. Falls ihr weitere Vorschläge habt, die unbedingt in diese Liste gehören: bitte meldet euch!

Ihr seht: die Zeit um 1700 war eigentlich ganz spannend. Und ein bisschen menschlich. Neben Wüstlingen wie dem kleinen Sonnenschein Louis XIV. gab es auch verantwortungsbewusste Bürger, die an die kommenden Generationen dachten. Und deshalb habe ich Hoffnung für die Protagonisten unseres großen Schauspiels.

Kommentare:

MiBo hat gesagt…

Ein frohes neues Jahr wünscht an dieser Stelle der getreue Leser den beiden Zeitreisenden!

Auch habe ich recherchiert - zumindest etwas. Im 17. Jahrhundert wurden die flugunfähigen Dodo-Vögel ausgerottet... eine genaue Jahreszahl konnte ich nicht ausfindig machen, nur diesen (groben) Zeitrahmen. Die armen Dodo-Vögel - wie mögen sie ausgesehen haben???

Obacht: Die Dodo-Vögel dürfen nicht mit Feldmarschall Dodo von Inn- und Knyphausen verwechselt werden! Dieser fiel 1636 im Gefecht bei Haselünne...

Lempicka hat gesagt…

Ach, wie freut sich das Herz der Diva über so viel Kleinode am Stück serviert.

Der Dodo wird sicherlich eine Rolle in unserem schönen Schauspiel finden. Dazu prädestinieren ihn Aussehen und Charakter. Auffällig, aber eben nicht aufsässig. "Der Dodo sei eine ausgesprochen merkwürdige oder gar hässliche, plumpe, bis zu 25 Kilogramm schwere, truthahngroße Vogelart mit einem verschlissenen grau- bis grauschwarzen Federkleid, verkümmerten gelblichen Stummelflügeln, vierzehigen Scharrfüßen an kurzen stämmmigen Beinen, einer nackten Gesichtsmaske und einem mächtigen tiefgespaltenen Hakenschnabel.
Soviel zum Aussehen. Ansonsten sei er träge, einfältig und von Natur aus dumm.
Dieses und vieles mehr nachzulesen: Vom Dodo lernen
Weiter so, her mit den lustigen Fundstücken.

Lem

Pocchini hat gesagt…

@MiBo:

Dronten-Dodo starb angeblich kurz vor 1690 aus, also in der Tat in der "belle ePOCChe".

Knyp-Dodo lebte etwas früher (1583-1636), stammte aus Ostfriesland und focht vorzüglich für die Schweden. Zuvor war er mit dem "tollen Halberstädter" unterwegs, und landete 1628 vor La Rochelle (denke an die 4 Musketiere und ihren lustigen Frühstücksausflug, wo der arme Planchet ganz schön ins Schwitzen kam). Dafür erhielt er 1633 das Emsland, wo er denn auch fiel. Mir ist er sehr sympathisch, denn er war "eine organisatorische Begabung in Logistik und Truppenversorgung, gleichzeitig galt er als besonders habgierig und gewinnsüchtig." (alles aus: J.-P. Findeisen, Der Dreißigjährige Krieg, Eine Epoche in Lebensbildern, Graz 1998, S. 327f).

@Lem: Knyp-Dodo war alles andere als ein "holder Held", will sagen: ein "geneigter Kämpfer". Hold hängt mit Halde zusammen, Held dagegen mit Hilde(gard), vgl. auch Harald Hilditand = "Kampfzahn" (wegen seine zwei riesengroßen Schneidezähne).

MiBo hat gesagt…

Also war Knyp-Dodo ein Ostfriese dem das Emsland gehörte. Beeindruckend!

Findet sich denn auch ein Historiker, der mir seinen Tod schildern kann. Ich meine wurde er gefoltert, krank, im Krieg erlegt??

@ Lempicka: Ich freue mich schon sehr auf den Einbau des dummen Dodos! Ich hab des Nachts kein Auge zumachen können, ständig erschien mir ein hässlicher Vogel mit Stumpen, der mir so dumme Fragen gestellt hat, dass ich ihn einfach ausrotten musste...

Lempicka hat gesagt…

@Pocc: So hold von Halde kommt, ist also ein "geneigter Kämpfer" einer, der es in großen Mengen ausübt? Wer weiß, ob die Halde nicht auch in Richtung Moderne einen Sinn auf der Strecke gelassen hat. "Kampfestaten sammelnd" vielleicht? Das würde auch zum Sinn führen, dem Stolz, den man ob der vielen Taten empfindet.

@MiBo: ich vermute den Vogel zu kennen, von dem Du sprichst, davon touren noch heute viele Exemplare durch die Gegend...

Pocchini hat gesagt…

Liebe Lem,

du machst es mir - dem Mechaniker - wie immer nicht leicht zu antworten. Kapitulieren will ich aber auch nicht.

Ich finde deine Interpretation äußerst interessant, denn du drehst den etymologischen Spieß um. Warum eigentlich nicht? Zugleich ersieht man daraus, wie dumm Techniker und Ökonomen sind. Denn "auf Halde produzieren" ist ja eigentlich ehrenhaft und nichts Schlimmes. Ein schönes Beispiel für Begriffsstutzigkeit.

Pocc

Lempicka hat gesagt…

Na, ob man bei vollem Lager noch Stolz empfindet? Eine Halde, die eine Halde bleibt, füllt zumindest nicht den Geldbeutel und führt nicht selten zum Ruin. Hold ist einem am Ende keiner mehr. Aber Du wolltest mich ja ohnehin nur ganz bösartig auf die Schippe nehmen - nicht wahr?

Pocchini hat gesagt…

Stimmt, genau das wollte ich. Eine Art Lieblingssport des sonst unsportlichen, dünkelhaften Historikers.

Pocc