Samstag, Januar 07, 2006

Knappe Franz. Eine Eporette

Die Zeit verstreicht, kein Pocc rührt sich. In der Einsamkeit schreibt es sich schlecht, deshalb müssen jetzt auch alle Leser darunter leiden, denn ich kann unmöglich unter diesen Bedingungen weiterschreiben. Ich streue lediglich eine kurze poetische Sequenz. Eine Kurz-Hommage an das schöne Genre der Eporette (Epos meets Operette). Intoniert wird die Suche im Wald des Knappen Franz.


Der Vorhang öffnet sich. Es ist stockfinster, der Himmel wolkenverhangen, weder Mond noch Sterne können unserem tapferen Franz den Weg leiten. Der führt sein Pferd vorsichtig. Seine Auge hat sich an die Dunkelheit gewöhnt.


Schattenwald.
Kalt
schlagen Zweige in mein Gesicht.
Blöde Pflicht.
Nicht
nein sagen dürfen ist Mist.
Nebelschwaden.
Maden
sollen den verflixten Fürstensohn holen.
Holde Liebe
Diebe
schleichen durch die Nacht.
Großes Sehnen
Venen
pulsieren und sagen: Zieh
von dannen.


Die Laune Franzens besserte sich als er an Maria dachte, die jetzt sicherlich gerade die Federbetten aufschlug. Sein warmes Gefühl gefror. Ihr Mann, der geile Bock, der besteigt sie nun, während ich durch die Wälder irre. Oh, wie sehnte er sich nach den weichen Schenkeln von Maria, die ihn fassten. Ein jähes Knacken.


Wer da?
Psssssssssssssst
Was zum Henker...
Franzzzzzzzzzzzzzzz
Oh, grauenvoll, wer...
Steige vom Gaul und halt’s Maul!
Ich geb dem Gaul die Sporen, sonst bin ich gleich verloren.
Halt, Friedrich ist’s.
Friedrich August. Wo ist der Knabe. Wie ein Schleier die Dunkelheit über meinen Augen liegt.
Hilf mir. Hilf mir doch.
Verflucht, wo kommt die Stimme her, ich seh’ gar nix mehr.


In diesem Moment schlug Franz hart auf den Boden auf. Er musste eingeschlafen sein. Einer dieser verfluchten Zweige hatte ihn vom Pferd geholt, welches stracks von dannen eilte. Fluchend nahm er den Rückweg zu Fuß auf. Er konnte erst am nächsten Morgen die Suche fortsetzen. Was würde Anna Sophia sagen. Na, vielleicht konnte sie auch etwas Gesellschaft brauchen in dieser traurigen Stunde.


Oh, schöne Fürstin, ich würde so gern eure Fingerspitzen wärmen.
Oh, unnahbare, unfehlbare Schönheit. Kälte und Blässe möchte ich aus eurem Gesicht blasen.
Oh, ich armer Bauer, wie kann ich jemals nur davon träumen und eure Seele damit beschmutzen.
Oh, verzeiht das wirre Herz eines jungen Knappen, der einsam durch den Wald eilt.


Er begann zu laufen, laufen, laufen...

Kommentare:

Pocchini hat gesagt…

Verehrte Lem,

ich schäme mich sehr:

- weil ich so nachlässig bin bezüglich der großen Pocchini-Story
- weil ich dich noch nicht gelobt habe
- weil ich ein Nichts bin im Vergleich zu deinem Genie

Die Eporette ist ein echtes Schmuckstück, und ich kann nur staunen, staunen, staunen ob deiner Verskunst. Das kann man nicht lernen, das muss man leben, es muss heraussprudeln wie ein firscher Born, sich emporwinden wie eine rotgoldene Orchidee. Wahr ist: Eine wahre Künstlerin bist du, grenzenlos verehre ich dich, im Dreck der Jahrhunderte mich wälzend, immerdar der trockene, hinter dem Ofen hervorlukende Stubengelehrte bleibend.

Pocc

Pocchini hat gesagt…

P.S.: Der arme Franz tut mir in seiner momentanen Verfassung sehr leid. Er kann nicht bekommen was er will, hat keine Chance. Er ist von einer unstillbaren Sehnsucht nach der Schönen erfüllt; muss er da nicht verzweifeln? Bösartig und zynisch werden, abstumpfen gegen sich und andere? Gibt es einen schlimmeren Schmerz?

Das MUSS jedem zu Herzen gehen, der ein solches hat. Ist das Schicksal per se ungerecht? Um den Menschen zu vervollkommnen? Ich muss nachdenken.

Pocc

Lempicka hat gesagt…

Werter Pocc,

zuviel des Lobes, aber große Freude, Dich wieder so aktiv zu sehen.

Durch den Schmerz empfindet man Leben. Unerfülltes Sehnen ist ein unendlicher Schmerz, wie das Adjektiv bereits andeutet. Sich diesem bewusst hinzugeben bedeutet Verzweiflung, weil das Ende bekannt ist.

Kurz durchatmen, denn ich mache mich nicht verständlich befürchte ich...

Werfen wir es mal so in den Raum: es gibt Menschen, die brauchen dieses Gefühl, um sich selbst zu spüren.

Warum wohl ist ein so beliebtes Motiv als Movens bedeutender Biographien in Literatur und Film?

Pocchini hat gesagt…

Liebe Lem,

lange habe ich gezögert, dir zu antworten. Meine These: Es gibt keinen bewusst in Kauf genommenen Schmerz. Du unterschätzt in deiner Gleichung - glaube ich - den Faktor Hoffnung. Keine Sehnsucht ohne Hoffen, kein Verzweiflung ohne Darben. Das Furchtbare an dieser Krankheit ist das Auf und Ab beider Zustände. Ist Hoffen Schmerz, oder Glück? Werden endliche Phänomene unendlich, weil sie sich tausendfach wiederholen? Und ändert sich dadurch doch noch die ausweglose Situation? Aus unendlich oft unerfüllten Erwartungen gingen Revolutionen hervor - ist DAS der Stoff aller Romane und Filme? Können wir jemals den Gaukler Hoffnung zähmen? Ich bin skeptisch, etwas ratlos. Denn ich weiss, ich hoffe bis in alle Ewigkeit, und keine Macht der Welt kann das ändern.

Lempicka hat gesagt…

Sehnsucht und Hoffnung, welch ungleiche Geschwister. Die Sucht sich zu Sehnen - das unterstützt freilich meine These vom lieblichen Schmerz. Das geht nicht gezwungenermaßen einher mit Hoffnung. Ist es eine Sehnsucht, hoffnungslos verliebt zu sein? Ah, jetzt kreise ich das Problem langsam gedanklich ein. Ja, denn es ist der Wunsch nach dem schmerzenden kleinen Knoten, der das Leben spürbar zusammenhält. Habe neulich einen sehr erhellenden Artikel über Kierkegaard gelesen, welchen ich zur Unterstützung meiner These gerne heranzziehen werde. Aber zuvor wirst Du mich sicherlich der sinnentleerten Wortakrobatik bezichtigen wollen - oder?

Pocchini hat gesagt…

Nein, ganz und gar nicht.

Was aber heisst es, hoffnungslos verliebt zu sein? Doch wohl, dass man sich permanent Hoffnung auf etwas Uerreichbares macht. Dieses begriffliche Paradoxon könnte man durchaus mit der Sucht sich zu Sehnen gleichsetzen. Ich bleibe dabei: niemand nimmt diesen Schmerz bewusst in Kauf, um das Leben besser zu spüren. Dafür bohrt sich dieser Schmerz viel zu tief in unsere Eingeweide. Es ist vielmehr die aus der Bestie Liebe resultierende Hoffnung, dem geliebten Menschen doch noch näher zu kommen. Und warum? Nicht weil der Verstand oder ein Unterbewusstsein einem sagt: "Tue es, denn so spürst dass du (noch) lebst". Viel einfacher: unter Millionen Anderer es gibt EINEN Menschen da draußen, der dich glücklicher macht als alles andere drumherum. Und da der Mensch einen Sinnentier ist, entsteht ein tiefes Verlangen, diesen Glückszustand in alle Ewigkeit zu verlängern. Selbst wenn es hoffnungslos ist. Nicht der Schmerz ist die Triebkraft, sondern das Glücksgefühl. Oder nicht?

Pocc

P.S.: Ich habe auch einen sehr interessanten Artikel über Kierkegaard gelesen. Gern würde ich mit dir darüber philosophieren, aber das geht nicht. Alles ist tiefschwarz, und die Hoffnungslosigkeit nun noch größer. Niedergeschlagenheit macht sich breit, Trauer und Entsetzen.

Pocchini hat gesagt…

Ein philosophisches P.S.: Ich halte es mit den Hedonisten und Utilitaristen: Glück ist die Abwesenheit von Schmerz.

Lempicka hat gesagt…

Ach hier steckst Du werter Pocc,

während Du die Düsternis der Kierkegaardschen Gedankengänge als tiefschwarz tituliert hast, habe ich in Unkenntnis dieser Warnung den Kierkegaard nach vorne gezerrt.

Verzeih, dann bleibt der Beitrag einsam stehen, bis ich die Geschichte endlich weitererzähle. Aber ehrlich: es macht gar keinen Spaß mehr, wenn es ein Monolog ist. Nun denn...

In einem Punkt gebe ich Dir natürlich Recht: es ist kein glücklicher Mensch, der den Schmerz herbeizitiert, um die Leidenschaft zu spüren. Dass es allerdings Menschen gibt, die es tun, darauf muss ich bestehen.

Aber lassen wir ab von diesem schweren Gespräch...

Pocchini hat gesagt…

Hier hast du mich missverstanden: nicht Kiergaards Gedanken bezeichnete ich als tiefschmarz, sondern die meinigen. Genauer gesagt die Verzweiflung über mein gegenwärtiges Selbst, um mal die Terminologie des alten Dänen zu verwenden. Ich habe das ungute Gefühl, momentan alles falsch zu machen. Also wünsche ich mir ein anderes Selbst, was natürlich nicht geht. Glauben an Gott ist schwierig für einen Atheisten. Weisst du Rat?

Pocc