Sonntag, Januar 15, 2006

Nachtgestalten Teil 1

Schlagende Türen ließen Anna Sophia von ihrem Lager aufschrecken. Angespannt lauschte sie in die stockfinstere Nacht. Schritte näherten sich ihrer Tür. Es wurde schwer geatmet. „Franz?“ Sie hörte ihre Stimme. Es klang ganz fremd, so still war die Nacht. Sie zog die Bettdecke hoch zum Kinn. Die Konturen der Tür konnte sie jetzt bereits erkennen. Dann entfernten sich die Schritte wieder, ohne dass sich jemand zu erkennen gegeben hätte. Das erschien der Fürstin seltsam. Vielleicht wollte ihr treuer Gefährte sie nicht wecken und hatte sich deshalb entschlossen, das eigene Lager aufzusuchen. Sie erhob sich, in die Decke gehüllt, von ihrem Lager. Ihre nackten Füße berührten den kalten Steinboden. Sie schüttelte sich leicht. Sie ging zum Tisch, entzündetet die bereitgestellte Kerze und ging auf den Flur. Franz konnte kein Glück bei der Suche gehabt haben, sagte sie sich. Er hätte doch sicher nicht gezögert, sie zu wecken, wenn er ihren Friedrich dabei gehabt hätte. Der Gedanke an ihren geliebten, sanften Sohn ließ einen Stich durch ihr Herz fahren. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Der Gang wurde von ihrem Kerzenlicht gespenstisch ausgeleuchtet. Unbekannte Schatten überall. Sie wagte kaum zu atmen. Sie ging in kleinen Schritten, kämpfte immer noch mit der Fassung, da plötzlich vernahm sie ein kindliches Schluchzen. Sie hielt es für eine Einbildung, blieb aber wie gebannt im Gang stehen. Blickte nach rechts. Blickte nach links. Vor einer Tür kauerte ein Bündel. Es schien sich zu bewegen. „Friedrich!“ schoss es ihr in den Sinn. „Mein Sohn!“ Sie stürzt auf das Bündel zu und spürte wie die Person erstarrte. Sie hob vorsichtig die Decke, leuchtete mit der Kerze in ein junges, rot verquollenes Frauengesicht mit vor Schreck geweiteten Augen. Anna Sophia schreckte kurz zurück und seufzte dann tief und traurig wegen der enttäuschten Hoffnung. Sobald sie sich wieder beherrschen konnte, fragte sie: „Was um Himmels willen machst du hier? Hast du keine Kammer?“ Mit zitterndem Stimmchen sprach das Mädchen stockend: „Mein Name...ist...war...ist...Ursula.“ Anna Sophia kam ihr näher und vermeinte die Ordensschwester wiederzuerkennen, die sich bittend vor die Füße der Äbtissin geworfen hatte. „Weißt du wer ich bin?“ Sie versuchte das Vertrauen des verunsicherten Persönchens zu gewinnen. „Nein, ja, weiß nicht recht.“ Ursula holte tief Luft in hektischen Stößen. „Ich bin Anna Sophia, die Frau des Kurfürsten Johann Georg. Ich habe mein Kind an eine Horde wilder Räuber verloren und raste hier auf dem Weg in den Tharandter Wald, wo wir ihn vermuten.“ Ursula brach sofort wieder in Tränen aus. „Auch ich habe meinen kleinen Sohn, gerade neu geboren, an den Wald verloren. Nun ist mir nichts geblieben. Die Kirche verstößt mich und lässt mich zurück im festen Glauben, eine Mörderin zu sein.“ Anna Sophia nahm ihre Hand, ganz zart und weiß und kalt war diese Hand. „Ursula, komm mit in mein Gemach. Dort kannst du dich in den Decken wärmen und neue Kräfte sammeln, um mir deine Geschichte zu erzählen. Vielleicht kann ich Dir helfen.“ Sie zog sie hoch, legte den Arm um die schmalen Schultern und schob Ursula in ihre Kammer. „Die katholische Kirche kann es sicher nicht!“ sagte sie mehr zu sich selbst als zu der armen verletzten Seele.

Kommentare:

Pocchini hat gesagt…

Lem, wir haben ein Problem: die Kursachsen waren Lutheraner, also nix mit "katholischer Kirche". Daran änderte übrigens auch die spätere Konversion unseres starken Augusts nichts.

Pocc der Strenge

Lempicka hat gesagt…

Strenger Pocc,

und was ist mit hartnäckigen Zisterzienserinnen? Siehe: Kloster St. Marienstern. Jetzt kommst Du.

Lem

Pocchini hat gesagt…

Alles erlogen und erstunken. Eben Wikipedia - kennt man ja.

Pocc

Lempicka hat gesagt…

Also Deiner Meinung nach gab es im größeren Umkreis unserer Erzählung kein einziges katholische Kloster mehr? Wenn das Dein Ernst ist (müsstest Du aber schon genauer belegen), dann würde ich einen redaktionellen Eingriff an dem Teil wagen.

Lem