Montag, Januar 16, 2006

Nachtgestalten Teil 2

Der junge Fürst hatte seine dunklen Augen endlich geschlossen. Sein melancholischer Blick fiel nur dem aufmerksamen Beobachter ins Auge, weil seine markanten dunklen Brauen dem weichen Kindergesicht bereits jetzt eine gewisse Strenge verliehen. Auch der kleine Heinrich schlummerte friedlich in seinem Fell nah beim Feuer. Friedrich Pocker musste an seine Söhne denken und das nahm ihm fast die Luft. Diese kleinen Gesichter, das eine schön und traurig, das andere entstellt und friedlich. Er entzündete sich eine Pfeife. Das gleichmäßige Einatmen des wohlschmeckenden Rauches beruhigte ihn. Er hatte sich von der Horde getrennt. Diese räuberischen Säufer missbrauchten ihre Freiheit, brachten unbescholtene Bürger mit ihren kindischen Zoten in Gefahr. Das war ein Grund gewesen, der Meute den Rücken zu kehren. Außerdem hatten sie ihn ohnehin gemieden. „Da ist des Teufels Brut, die der Pocker da großzieht. Wir werden alle untergehen.“ So hörte er sie manches Mal sprechen. Er fühlte sich jetzt frei, obwohl er wusste, dass sie ihn suchten. Dass er eine wertvolle Beute bei sich trug, das hatte sich natürlich bereits herumgesprochen. Er musste jeden Abend sein Lager wechseln. Der junge Fürst kümmerte sich auf rührende Art und Weise um „das kleine Tier“, wie er Heinrich nannte. Er wollte es immer tragen, hielt ihm Kräuter ins Gesicht. Fragte: „Kannst du es riechen mit der kaputten Nase?“ Pocker war gerührt von diesen Bildern, die die ersten Tage im Wald erfüllten. Sie waren eine vogelfreie Familie, und er fühlte zum ersten Mal seit Jahren so etwas wie Glück.

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