Sonntag, Februar 19, 2006

Der Hof - feierlich gestimmt und misslich tönend

Anna Sophia hatte die frohe Kunde bereits morgens im Kloster erreicht. Ihr nichtsnutziger Mann hatte immerhin genug Verstand, ihr einen Boten zu entsenden. Sie konnte es nun kaum erwarten den geliebten Sohn wieder in die Arme zu schließen. Bevor sie das Kloster verließ, klopfte sie noch an die Tür der Äbtissin, um ein wichtiges Anliegen vorzubringen.
«Tretet ein.» Agatha saß gesenkten Hauptes an ihrem Schreibtisch. Ihre Beine hatte sie auf seltsame Art verknotet.
«Ehrwürdige Agatha. Ich habe heute in den frühen Stunden die euch befohlene Ursula gesprochen.»
«Sie gehört dem Orden nicht mehr an.» Agatha hob nicht einmal das Haupt. Das war ein Affront. Lediglich ihre Beine zog sie etwas höher.
Anna Sophia spürte den kalten Atem ihrer Gedanken und entschloss sich spontan ihre Pläne zu ändern.
«Ich hörte es. Ich werde sie deshalb bei mir aufnehmen.» Und konnte sich nicht verkneifen hinzuzufügen «Die arme verlorene Seele.»
Jetzt schnellte der Kopf der Äbtissin hoch. Ein scharfer Blick traf die Edeldame. Agathas Gesicht war hölzern, regungslos. Der Mund spitz zusammengezogen. Dann plötzlich löste sich die boshafte Anspannung in ihrem Gesicht.
«Tut, was ihr nicht lassen könnt. Aber achtet auf euer Gesinde. Sie ist ein leichtes Mädchen und keineswegs entschieden in ihren Wegen.»
«Das lasst mal meine Sorge sein.» Sie spürte trotz des falschen freundlichen Gesichtes die Verachtung der harten alten Frau. Sie verstellte sich, um weiterhin vom Kurfürstenhof zu profitieren. Anna Sophia machte auf dem Absatz kehrt und verließ fröhlich den Raum.
Die drei Reisenden kehrten frohen Herzens zurück an den Hof und wurden dort von gehissten Fahnen empfangen. Die Flaggen taten nicht nur die frohe Nachricht der Rückkehr des Prinzen kund. Sie waren auch auf Feier ausgerichtet. Natürlich. Jetzt konnten die Herren wieder kraftstrotzend vor ihre Freunde treten, sich betrinken, rülpsend und furzend in die Sessel fallen uns sich niedere Dienste gefallen lassen. Sie musste schon bei dem Gedanken würgen. Ursula beobachtete Anna Sophia traurig, denn sie spürte den Abscheu der Ehefrau gegenüber dem Mann, mit dem sie Hof und Bett teilen musste – um ihrer Kinder willen.
Anna Sophia riss sich zusammen. Nichts war wichtig. Nur Friedrich. Den Anna Sophia dann auch kurze Zeit später in die Arme schließen konnte. «Mutter. Ich liebe euch.» Die Tränen stiegen Anna Sophia in die Augen.
Ursula verließ leichenblass und unbemerkt den Raum.

Werte Leser nun sind fast alle Zutaten zusammengestellt für die festliche Tafel der Begebenheiten, die den weiteren Weg unseres Personals bestimmen. Ich hoffe, ihr konntet den einzelnen Charakteren bereits ein klein wenig in die Seele schauen, auf dass ihr im nächsten Teil einen Zeitsprung vornehmen könnt. Die Jugend unserer Helden wird dort die Perspektive bestimmen. Vieles wird sich in den Gemütern geändert haben und die reine Kinderseele wurde an der Garderobe abgegeben.

1 Kommentar:

Pocchini hat gesagt…

Werte Lem,
die Ausgangskonstellation ist außerordentlich interessant: wir kennen nun die Mitglieder der kurfürstlichen Familie - Mann gegen Frau, Bruder gegen Bruder, Stolz gegen Demütigung, Borniertheit gegen Intelligenz. Wir kennen aber auch das Gegenstück: das Volk. Armut, Ängste, Roheit und doch auch Edelmut. Hier wie dort eine zertrümmerte Familie, hier wie dort Hoffnung - die sich in zwei Kindern äußert. Alles erscheint möglich in dieser statischen Gesellschaft.

Ich verneige mein Haupt vor der großartigen Dichterin.

Pocc