Sonntag, Februar 12, 2006

Die Rückkehr Friedrichs in den Schoß der Familie

Während die Nachtgestalten langsam dem Morgen entgegendämmerten, war ein wutentbrannter Fürst auf dem Weg zum heimatlichen Schloss. Friedrichs Großvater hatten die Kunde von der Entführung und der Kurprinzenfarce erreicht. Er brach seinen Besuch auf dem Jagdschloss unwillig aber sofort ab, um eilends heimzureisen. Seit so vielen Jahren beteiligte er nun seinen Sohn an der Regierungsarbeit. Wenn er nur das Gefühl haben könnte, sein Sohn habe die genügende Ernsthaftigkeit, um das Amt zu übernehmen. Er selbst war den Verlustierungen, die er sich in seiner Position leisten konnte, alles andere als abgeneigt. Doch konnte er die private und die politische Person Johann Georg gut trennen und hatte bisher immer den Respekt des Volkes genossen, der leicht abhanden kommt, wenn man großkotzig in aller Öffentlichkeit aus der gepuderten Fresse grinst. Sein erster Enkel sog dieses Fatzkentum bereits tief in sich auf, schlug sein Rad vor den Groß- und Kleinbürgerlichen, als entstünde Respekt aus der Position heraus. Friedrich war die Hoffnung seines alternden Herzens. Ihm war es mehr als Recht, dass der Einfluss der Mutter sehr stark auf den kleinen Friedrich wirkte. Jäh wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Die Kutsche preschte mit einem großen Tempo durch die Wälder. Dann: Ein harter Schlag, ein lautes Kreischen und Knirschen und Krachen. Die Kutsche schlug zur rechten Seite und der Fürst wurde hart gegen die Tür geworfen. Er verlor das Bewusstsein.

Friedrich reiste mit den beiden Kindern immer in den frühen Morgenstunden, um das noch warme Lager zu verlassen, ein neues zu suchen, dass am Tage noch keine offensichtlichen Spuren hinterließ. Der junge Kurprinz setzte jeden seiner Schritte mit Bedacht. Er wusste, dass der Wald im Dunkeln gefährlich war. Besonders die Fallgruben der Wilderer konnten einem schnell zum Verhängnis werden. Er heftete seinen Blick fest an die mächtigen Waden von Pocker, die in dicken Fellbandagen steckten. Er war ein bisschen stolz, dass er sich ebenfalls ein Paar Fellbandagen umschlagen durfte. Pocker trug auf seinem Rücken Heinrich, der noch fest schlief. Der Alte sprach nicht viel. Friedrich hatte noch nicht verstanden, wer dieser Pocker war. Aber er verehrte den großen, traurigen, stummen Mann. Sein kleines Ich beobachtete er mit zärtlicher Belustigung, das kleine Tier mit den aufmerksamen Augen.
„Halt!“ Friedrich stolperte in Pocker hinein und stieß sich kräftig die Nase. Blieb aber wie angewurzelt stehen, nachdem er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Pocker spitzte die Ohren. „Da ist jemand. Friedrich. Hörst du?“ Friedrich konnte kein Geräusch vernehmen. Und doch. Plötzlich ein Knacken im Gehölz ein Stöhnen. Pocker gab ihm das Kind und gebot ihm zu warten. Dann machte er sich davon in die Dunkelheit.
Er hörte verschiedene Geräusche, Schritte, Stimmen. Es hörte sich nicht feindselig an. Er war zu neugierig und folgte seinem Gehör in die Dunkelheit. Dann sah er die Fackel, die Kutsche und Pocker mit einem zweiten Mann, die sich an dem Gefährt zu schaffen machten. Er näherte sich vorsichtig der Kutsche. Sie war mit dem Rad in eine sogenannt Fuchsrinne geraten, eine schmale Falle für die Edelpelztiere. Da fing Heinrich an zu schreien. „Pssssssst!“ Friedrich hielt dem Kind die Hand auf den Mund. Zu spät. Pocker ließ einen Moment von der Kutsche ab. Blickte finster in seine Richtung, sagte etwas zu dem anderen Mann und winkte ihm zu kommen. Friedrich näherte sich der Kutsche. Die beiden Männer stemmten sich gegen die umgekippte Kutsche und hoben sie an. Pocker schob ein Holzscheit in die Rinne, auf den sie die Kutsche wieder herabließen. Die Fahrt konnte weitergehen.

Pocker kam auf Friedrich zu, nahm ihm das Kind aus der Hand, und beugte sich herab: „Friedrich. In der Kutsche reist dein Großvater. Ich werde dich mit ihm nach Hause reisen lassen.“ Großvater, eine großartige Nachricht. Ging es ihm gut? Ihm war doch nichts passiert. Er lief zur Kutsche und sah die zusammengesunkene Gestalt seines Großvaters auf der Bank. Pocker packte ihn von hinten. „Keine Angst. Es geht ihm gut. Er hat nur das Bewusstsein verloren.“ Friedrich war erleichtert und traurig. Die Trennung von den Pockers kam so plötzlich. „Geh schon,“ sprach Pocker zärtlich und strich ihm über das Haar. Friedrich umarmte die beiden kurz und stieg in die Kutsche, denn er wusste, dass er wieder heim gehen würde. Dieses war die beste Gelegenheit für Pocker, unentdeckt zu bleiben. Die Kutsche konnte weiterreisen.

Friedrich konnte noch nicht ahnen, unter welch merkwürdigen Umständen sie sich viel später wiederbegegnen würden. Ein zartes Band war geknüpft zwischen dem adligen Sprössling und den heimatlosen Waldwanderern. Viele, viele Jahre wird er es gar nicht spüren bis es sich ein Vierteljahrhundert später unter ganz anderen Vorzeichen schmerzhaft spannen wird.

Kommentare:

Pocchini hat gesagt…

Um Gottes willen, du hast Recht: nicht Johann Georg III. regiert 1676 das kursächsische Land, sondern sein werter Vater, der secundus. Tertius muss sich noch vier Jährchen gedulden, bis er das Szepter übernehmen kann.

Voller Panik sah ich nun alle Posts auf ihre Richtigkeit durch und fand einige Stellen, in denen der Prinz schon Fürst genannt wird, obwohl er dies noch nicht wahr. Auch seine Gemahlin war demnach keine Fürstin. Da es KEINE offizielle Mitregentschaft gab, handelt es sich um einen Fehler. Den wir wohl oder übel korrigieren müssen. Das ist den Lesern gegenüber legitiom, da unsere Irrung in diesem Kommentar dokumentiert ist.

Verzeihe bitte meine Nachlässigkeit!

Pocc

Lempicka hat gesagt…

Werter Pocc und geneigte Leser,

so werden wir es dabei belassen. Bei dem Eingeständnis eines historischen Fehlerteufels, der nun - denn so ist es veröffentlicht - weiter sein Unwesen treiben darf.

Lem