Samstag, Februar 04, 2006

Wo aber bleibt Gott?

Überaus verehrte Lem, geneigte Leserschaft: Hiermit möchte ich mich entschuldigen für meine asoziale Schreibblockade. Ich weiß: Es ist nicht zu entschuldigen, eine Diva hängen zu lassen. Sie so zu verärgern, dass sie alles hinwerfen will. Und so das zarte Poccblog-Pflänzchen verdorren zu lassen. Nein, es ist nicht zu entschuldigen. Nackte Angst, einem virtuellen Fememord zum Opfer zu fallen, trieb mich zurück. Und die zärtliche Neigung zur Dichterin.

Zunächst muss ich meine philosophische Bringschuld begleichen. Es geht um Kierkegaard, um Verzweiflung und Lebenslust. Die Ausgangsfrage lautete: suchen wir den seelischen Schmerz, um unsere Existenz spüren zu können? Das war es doch im Kern, nicht wahr liebe Lem? Du zitierst den alten Dänen als Kronzeugen herbei. Wie immer bewundere ich dein Gespür für Texte und deine Klugheit, denn das Beispiel ist gut gewählt. Der zur Reflexion befähigte Mensch wird sich erst in Krisensituationen, also durch Schmerz, seines Selbst bewusst. Im gleichen Moment verzweifelt er darüber, dieses und kein anderes Selbst zu haben. Der schmerzhafte Prozess hat aber auch sein Gutes: erst dadurch wird sich der Mensch seiner Freiheit bewusst im Gegensatz zum stumpfen Tier. Schmerz, Selbstfindung, Verzweiflung – alles in schöner Eintracht wie in deiner These.

Und doch ist Kierkegaard nichts weniger als ein Apologet der Verzweiflung, des Schmerzes und des nur auf sich selbst bezogenen Selbst. Keineswegs sagt K., dass der Mensch den Prozess der schmerzhaften Selbstfindung durchleben SOLL. Vielmehr ist dieser Pfad „Sünde“, dem er den „Glauben“ als wünschenswerte Alternative gegenüberstellt. Erinnern wir uns: Sören Kierkegaard betrat mitten im Vormärz die öffentliche Bühne. Es war eine unruhige Zeit, in der unsere heutige Gesellschaft unter heftigen Wehen geboren wurde. Und in der Gott zu sterben begann. Ohne ihn ist K. Philosophie nicht zu verstehen.

K. war sich ziemlich sicher, dass es Gott gibt – und sei es auch „nur“ als abstrakte Idee im Hegelschen Sinne. Im Unterschied zum Menschen und allen anderen Wesen ist Gott absolut frei. Und der Mensch? Ein Wesen, das sich (anders als das nur sein Dasein fristende Tier) der Zeitlichkeit und Bedingtheit seines Lebens bewusst ist und somit existiert. Aus der Erkenntnis, kein gottähnliches Selbst zu besitzen, resultiert eine Grundverzweiflung, ein Grundschmerz. Eben dies will der Mensch verdrängen: die Ästhetiker (= infantile Typen wie ich) streben nach Genuss in allen Lebenslagen und machen sich vom Sinnenleben abhängig; die Ethiker (=verantwortungsbewusste Menschen wie du) ordnen sich den Prämissen Gut und Böse unter und verleugnen dabei auch ihr Selbst. Erst der Glaubende erreicht eine neue Stufe seiner Existenz. Warum? Weil Glauben eine Leidenschaft ist, die vom Menschen Besitz ergreift und ihn seine Verzweiflung vergessen lässt. Für K. ist Glaubenkönnen das Höchste, weil es sich dem Denken entzieht und Unmögliches möglich macht. Hoffnungsspendender Glaube als Leidenschaft: das ist die Droge, die es dem Menschen erlaubt, sich von seiner schmerzhaften Selbstfindung und -kasteiung zu befreien. Denn er ermöglicht die Anerkennung der Abhängigkeit des Selbst von Gott und somit das Aufgehen in IHM. K., häufig der Verzweiflung nahe, hielt sich selbst für zu vernünftig, zu schwach für dieses Fallenlassen. Aber er hinterließ uns ein großartiges Plädoyer für die Hoffnung und den Glauben, gegen die Verzweiflung und den Schmerz. Eine Philosophie der Unvernunft im Dienste der Freiheit.

Hier schließt sich der Kreis. Wir sind wieder am Anfang angekommen, dort, wo dieser Exkurs seinen Ausgang nahm: bei der Hoffnung. Egal ob Pocker; Friedrich oder Pocc: sie alle sind verzweifelt über den vorgezeichneten Weg, wollen ein anderes Selbst, hoffen, dass das Unmögliche wahr wird. Die Zeitlichkeit ihres Daseins und die ethischen Barrieren verfluchend beten sie zu Gott, dass sie doch noch erhört werden. So sei es. Amen.

Pocc

(Bearbeitungszeit: 5 Stunden, Hilfsmittel: Kierkegaard-Mono und Hüglis Philosophielexikon)

1 Kommentar:

Pocchini hat gesagt…

Übrigens fehlt bei diesem Beitrag noch das Bild, welches den Sachverhalt verdeutlichen soll. Die Technik verhindert bisher das Hochladen.

Pocc