Montag, April 24, 2006

Exkurs: Tugend und Laster – Die Bienenfabel von 1714

Meine liebe, teure Lem – die du mir das Heiligste auf Erden bist - hiermit melde ich mich zurück zum Dienst im POCCBlog. Die folgenden 500 Anschläge müssten eigentlich zu einem kunstvoll-glaubwürdigen Meaculpa gewunden werden, aber das ist unseren Lesern nicht zuzumuten. Du selbst weißt, wie weh mir die letzten Wochen ohne den Dialog mit dir taten. Gott weiß, wie sehr du mir jede Minute fehlst. Verzeih! Und stelle weiter die Schrift zum Pocc ein in diesen Blog.

Heute möchte ich einen zaghaften Neuanfang wagen. Meine Frage lautet: Welche Moral hatten unsere Protagonisten? Hatten sie überhaupt eine? Waren sie gottesfürchtig? Gab es um 1700 einen ähnlichen Tugendkatalog wie heute? Oder waren die Individuen damals genauso egoistisch vielleicht wie eh und je und tarnten dies sorgfältig mit den damaligen ständischen Verhaltensnormen? Durfte also ein Kurfürst alles fordern und ein Bauer nichts? Konnte eine Nonne an Gott zweifeln? War die Rebellion der Räuber gerecht? Was zählte mehr: das Selbst oder die Gemeinschaft?

Ein interessanter Indikator ist die zeitgenössische Diskussion um die „Bienenfabel“ des Holländers Bernard Mandeville (1670-1733), die erstmals 1714 in London erschienen ist. Dieser behauptete im krassen Gegensatz zu den Grundsätzen der christlichen Nächstenliebe und zeitgenössischen Moralphilosophie, dass Tugenden nicht angeboren wären, sondern allein dem Eigeninteresse geschuldet seien. Wie auch immer ein Mensch handele, stets habe er sein Eigenwohl im Sinne. Damit nicht genug: die Hauptthese lautete: private Laster seien nicht verdammungswürdig, sondern dienen dem Gemeinwohl mehr als Bescheidenheit, Sittsamkeit, Eintracht. Mandeville wurde damit zum frühen Propagandisten einer kapitalistischen, ja globalisierten Ethik – auch wenn er seine Traktate als Satiren klassifizierte.

Dass diese Schrift einen Sturm der Entrüstung auslöste, könnte zweierlei Gründe haben: Mandeville lag total falsch, die Menschen sahen also in der Tugend die Grundlage des Zusammenlebens, oder aber: die Rezipienten führten sich ertappt und versuchten nun, den Netzbeschmutzer zum Schweigen zu bringen. Allein die Formulierung dieser Thesen scheint aber sehr ungewöhnlich gewesen und folglich kein typisches Denkmuster gewesen zu sein. Folglich wurde Mandeville vorgeworfen, Glauben und Gesellschaft umstürzen zu wollen. Schauen wir uns nun die Figuren unseres Dramas an, so offenbart sich ein buntes Kaleidoskop aus Tugend und Laster. Der kleine Pocc wird errettet, die Fürstin ist barmherzig, die Kurprinzen kennen nur die Ausschweifung. Eines scheint sich aber herauszukristallisieren: die Triebe regieren und brechen sich in vielerlei Gestalt ihre Bahn. Am mächtigsten in der Liebe, dieser Gottesgeißel; in der Gier, im Hass. Triebhaft sind sie alle, und so bringen sie die Handlung voran und bringen doch etwas Wunderbares zustande: eine komplexe Gemeinschaft von miteinander lebenden, kommunizierenden, nicht nur wie jedes Tier Tag für Tag um das nackte Überleben kämpfenden, sondern ab und an glücklichen und lachenden Wesen. Und wenn dies tatsächlich ein Ergebnis unserer Laster sein sollte: wohlan, so sei es! Oder wie siehst du das, tugendhafte (keineswegs idealisierte) Göttin?

Kommentare:

Lempicka hat gesagt…

Werter Pocc,

wie schön wieder von Dir zu lesen. Mich haben auch viele Dinge umgetrieben, aber vor allem die Einsamkeit im Blog hat mich zur Niederlegung der Feder gezwungen. (wobei ich natürlich nicht ganz so pathetisch wie Du darüber sprechen würde).

Bevor ich mich an der Oberfläche zu dieser Fabel äußere, würde ich sie gerne kennen. Werde das entweder recherchieren oder wir stellen sie zum Wohlgefallen unserer lieben Leser einfach hierein? Du wirst doch sicherlich ganz leicht auf Deine Quelle zurückgreifen können?

Freue mich darauf von den Bienen zu lesen (einiges ahne ich natürlich schon...)

Lem

Pocchini hat gesagt…

Liebe Lem,

leider gibt es keine vollständige Textausgabe im Netz (nur Auszüge) - habe wirklich alles durchgewühlt. Eine kleine Zusammenfassung findest du hier: http://www.isf-freiburg.org/verlag/leseproben/stapelfeldt-merkantilismus_lp.html. Das Büchlein ist lieferbar.

Pocc