Sonntag, Oktober 29, 2006

Exkurs: Herkunft des Namens Pocchini

Schönste Lem,

Deiner Bitte will ich umgehend entsprechen - in der Hoffnung, Deinem Wissensdrang gerecht werden zu können - allerdings ohne Geschichtstheorie. Der Name unseres tragischen Helden lässt bei genauerer Betrachtung gleich mehrere Deutungen zu. In einer früheren Episode nanntest Du uns bereits den "bürgerlichen Namen": POCKER. Dieser Name enthält die mnd. Wurzel PO(C)K(E), die wie auch im Englischen und Niederländischen "Pustel, Blatter" meint. Folgende Schlussfolgerungen können wir ziehen:

1) Die Vorfahren unseres Helden können den Namen außerhalb des niederdt. Sprachraums erst im 16. Jh. erhalten oder angenommen haben.
2) Vermutlich waren mehrere Vorfahren von (erblichen) entstellenden Auswüchsen befallen, die zur Namengebung führten.
3) POCCHINI ist eine nachträgliche Verniedlichung (a la "Mini"), die - geschuldet der an den Höfen des Barock beliebten Latinisierung der Familiennamen - sowohl "der kleine Pocker" als auch "der pockennarbige Zwerg" bedeuten konnte. Diese Transformation deutet auf den Umgang mit Intellektuellen und Gelehrten hin, die im 16. und 17. Jh. in besonderem Maße der Latinisierungssucht erlegen waren. Man denke nur an Agricola (Bauer), Sagittarius (Schütze) oder Melanchthon (Schwarzerd, in diesem Fall Gräzisierung).

Nun berichtet uns Casanova (1725-1798) in seinen Memoiren auch von einem betrügerischen Kapitän Antonio POCCHINI, den er später im Hyde Park mit seinem Stock verprügelte. Gibt es womöglich einen direkten Zusammenhang? Die zeitliche und räumliche Lücke zwischen unserem Helden und dem "Halunken aus Padua" ist allzu groß. So bleibt vorerst nur eine Erklärung: eine zufällige Parallelität in der Namensbildung. Im alten Latein bezeichnete BUCCA nämlich die "aufgeblasene Backe", mithin also auch eine "Pustel" im Sinne von Ausstülpung. Hierzu gehört desweiteren lat. BUCCO = "Pausback, Tölpel". Von hier ist es bis zu den italienischen Verkleinerungsformen PUCCHINI und POCCHINI kein sehr weiter Weg mehr.

Ist das nicht eine merkwürdige semantische Konvergenz? Kannte unser Pocchini diese eher verächtlichen Bedeutungen? Wurde er am sächsischen Hof wider Willen so "getauft", oder wählte er seinen Namen freiwillig und bewies damit einen ganz speziellen Galgenhumor? Bring uns weiter, Dichterin!

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