Samstag, Februar 25, 2006

Das Lied der armen Seele

Dunkle Schatten legen sich auf meine Schultern.
Sie drücken mich zu Boden schon.
Dort liege ich, versuche mich zu regen.
Jedoch die Kraft allein die fehlet mir.

Seele greifet zu den Sternen,
Doch die Sterne sind borniert.
Sterne wollen mir nicht leuchten,
Kleine Menschen, finstre Nacht.

Lust regt sich in meinen Lenden.
Sie muss ersterben ohne Trost.
Schönheit blendet alle Menschen.
Ein hässlich Antlitz bleibt ungeküsst.

Seele greifet zu den Sternen,
Doch die Sterne sind borniert.
Sterne wollen mir nicht leuchten,
Kleine Menschen, finstre Nacht.

So schleicht sie heimlich nur im Dunkeln.
Die Larve ein unscheinbar Tier.
Bald, ja bald wird sie entlarven
die schwarzen Seele des Schmetterlings.

Seele greifet zu den Sternen,
Doch die Sterne sind borniert.
Sterne wollen mir nicht leuchten,
Kleine Menschen, finstre Nacht.

Ja werte Leser, ihr werdet wohl schon ahnen, wer hier gerade das Lied anstimmt? Fachsimpelt gerne darüber, wer so viel Hass in seinem Herzen gesammelt hat. Das Leben ist nur denen ein Geschenk, die nicht stets unzufrieden mit ihrem Schicksal hadern und sich vergleichen. Der Neid ist ein schlechter Berater für die vergiftete Seele. Aber wo hat sie das Gift gefunden oder ist es gar im genetischen Code angelegt gewesen. Eine Wesensart gleich einem fauligen Odem, der sich als stinkende Aura um das ungestalte Gesicht legt.
Übertrieben meint ihr? Wartet nur ab...

Sonntag, Februar 19, 2006

Der Hof - feierlich gestimmt und misslich tönend

Anna Sophia hatte die frohe Kunde bereits morgens im Kloster erreicht. Ihr nichtsnutziger Mann hatte immerhin genug Verstand, ihr einen Boten zu entsenden. Sie konnte es nun kaum erwarten den geliebten Sohn wieder in die Arme zu schließen. Bevor sie das Kloster verließ, klopfte sie noch an die Tür der Äbtissin, um ein wichtiges Anliegen vorzubringen.
«Tretet ein.» Agatha saß gesenkten Hauptes an ihrem Schreibtisch. Ihre Beine hatte sie auf seltsame Art verknotet.
«Ehrwürdige Agatha. Ich habe heute in den frühen Stunden die euch befohlene Ursula gesprochen.»
«Sie gehört dem Orden nicht mehr an.» Agatha hob nicht einmal das Haupt. Das war ein Affront. Lediglich ihre Beine zog sie etwas höher.
Anna Sophia spürte den kalten Atem ihrer Gedanken und entschloss sich spontan ihre Pläne zu ändern.
«Ich hörte es. Ich werde sie deshalb bei mir aufnehmen.» Und konnte sich nicht verkneifen hinzuzufügen «Die arme verlorene Seele.»
Jetzt schnellte der Kopf der Äbtissin hoch. Ein scharfer Blick traf die Edeldame. Agathas Gesicht war hölzern, regungslos. Der Mund spitz zusammengezogen. Dann plötzlich löste sich die boshafte Anspannung in ihrem Gesicht.
«Tut, was ihr nicht lassen könnt. Aber achtet auf euer Gesinde. Sie ist ein leichtes Mädchen und keineswegs entschieden in ihren Wegen.»
«Das lasst mal meine Sorge sein.» Sie spürte trotz des falschen freundlichen Gesichtes die Verachtung der harten alten Frau. Sie verstellte sich, um weiterhin vom Kurfürstenhof zu profitieren. Anna Sophia machte auf dem Absatz kehrt und verließ fröhlich den Raum.
Die drei Reisenden kehrten frohen Herzens zurück an den Hof und wurden dort von gehissten Fahnen empfangen. Die Flaggen taten nicht nur die frohe Nachricht der Rückkehr des Prinzen kund. Sie waren auch auf Feier ausgerichtet. Natürlich. Jetzt konnten die Herren wieder kraftstrotzend vor ihre Freunde treten, sich betrinken, rülpsend und furzend in die Sessel fallen uns sich niedere Dienste gefallen lassen. Sie musste schon bei dem Gedanken würgen. Ursula beobachtete Anna Sophia traurig, denn sie spürte den Abscheu der Ehefrau gegenüber dem Mann, mit dem sie Hof und Bett teilen musste – um ihrer Kinder willen.
Anna Sophia riss sich zusammen. Nichts war wichtig. Nur Friedrich. Den Anna Sophia dann auch kurze Zeit später in die Arme schließen konnte. «Mutter. Ich liebe euch.» Die Tränen stiegen Anna Sophia in die Augen.
Ursula verließ leichenblass und unbemerkt den Raum.

Werte Leser nun sind fast alle Zutaten zusammengestellt für die festliche Tafel der Begebenheiten, die den weiteren Weg unseres Personals bestimmen. Ich hoffe, ihr konntet den einzelnen Charakteren bereits ein klein wenig in die Seele schauen, auf dass ihr im nächsten Teil einen Zeitsprung vornehmen könnt. Die Jugend unserer Helden wird dort die Perspektive bestimmen. Vieles wird sich in den Gemütern geändert haben und die reine Kinderseele wurde an der Garderobe abgegeben.

Sonntag, Februar 12, 2006

Die Rückkehr Friedrichs in den Schoß der Familie

Während die Nachtgestalten langsam dem Morgen entgegendämmerten, war ein wutentbrannter Fürst auf dem Weg zum heimatlichen Schloss. Friedrichs Großvater hatten die Kunde von der Entführung und der Kurprinzenfarce erreicht. Er brach seinen Besuch auf dem Jagdschloss unwillig aber sofort ab, um eilends heimzureisen. Seit so vielen Jahren beteiligte er nun seinen Sohn an der Regierungsarbeit. Wenn er nur das Gefühl haben könnte, sein Sohn habe die genügende Ernsthaftigkeit, um das Amt zu übernehmen. Er selbst war den Verlustierungen, die er sich in seiner Position leisten konnte, alles andere als abgeneigt. Doch konnte er die private und die politische Person Johann Georg gut trennen und hatte bisher immer den Respekt des Volkes genossen, der leicht abhanden kommt, wenn man großkotzig in aller Öffentlichkeit aus der gepuderten Fresse grinst. Sein erster Enkel sog dieses Fatzkentum bereits tief in sich auf, schlug sein Rad vor den Groß- und Kleinbürgerlichen, als entstünde Respekt aus der Position heraus. Friedrich war die Hoffnung seines alternden Herzens. Ihm war es mehr als Recht, dass der Einfluss der Mutter sehr stark auf den kleinen Friedrich wirkte. Jäh wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Die Kutsche preschte mit einem großen Tempo durch die Wälder. Dann: Ein harter Schlag, ein lautes Kreischen und Knirschen und Krachen. Die Kutsche schlug zur rechten Seite und der Fürst wurde hart gegen die Tür geworfen. Er verlor das Bewusstsein.

Friedrich reiste mit den beiden Kindern immer in den frühen Morgenstunden, um das noch warme Lager zu verlassen, ein neues zu suchen, dass am Tage noch keine offensichtlichen Spuren hinterließ. Der junge Kurprinz setzte jeden seiner Schritte mit Bedacht. Er wusste, dass der Wald im Dunkeln gefährlich war. Besonders die Fallgruben der Wilderer konnten einem schnell zum Verhängnis werden. Er heftete seinen Blick fest an die mächtigen Waden von Pocker, die in dicken Fellbandagen steckten. Er war ein bisschen stolz, dass er sich ebenfalls ein Paar Fellbandagen umschlagen durfte. Pocker trug auf seinem Rücken Heinrich, der noch fest schlief. Der Alte sprach nicht viel. Friedrich hatte noch nicht verstanden, wer dieser Pocker war. Aber er verehrte den großen, traurigen, stummen Mann. Sein kleines Ich beobachtete er mit zärtlicher Belustigung, das kleine Tier mit den aufmerksamen Augen.
„Halt!“ Friedrich stolperte in Pocker hinein und stieß sich kräftig die Nase. Blieb aber wie angewurzelt stehen, nachdem er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Pocker spitzte die Ohren. „Da ist jemand. Friedrich. Hörst du?“ Friedrich konnte kein Geräusch vernehmen. Und doch. Plötzlich ein Knacken im Gehölz ein Stöhnen. Pocker gab ihm das Kind und gebot ihm zu warten. Dann machte er sich davon in die Dunkelheit.
Er hörte verschiedene Geräusche, Schritte, Stimmen. Es hörte sich nicht feindselig an. Er war zu neugierig und folgte seinem Gehör in die Dunkelheit. Dann sah er die Fackel, die Kutsche und Pocker mit einem zweiten Mann, die sich an dem Gefährt zu schaffen machten. Er näherte sich vorsichtig der Kutsche. Sie war mit dem Rad in eine sogenannt Fuchsrinne geraten, eine schmale Falle für die Edelpelztiere. Da fing Heinrich an zu schreien. „Pssssssst!“ Friedrich hielt dem Kind die Hand auf den Mund. Zu spät. Pocker ließ einen Moment von der Kutsche ab. Blickte finster in seine Richtung, sagte etwas zu dem anderen Mann und winkte ihm zu kommen. Friedrich näherte sich der Kutsche. Die beiden Männer stemmten sich gegen die umgekippte Kutsche und hoben sie an. Pocker schob ein Holzscheit in die Rinne, auf den sie die Kutsche wieder herabließen. Die Fahrt konnte weitergehen.

Pocker kam auf Friedrich zu, nahm ihm das Kind aus der Hand, und beugte sich herab: „Friedrich. In der Kutsche reist dein Großvater. Ich werde dich mit ihm nach Hause reisen lassen.“ Großvater, eine großartige Nachricht. Ging es ihm gut? Ihm war doch nichts passiert. Er lief zur Kutsche und sah die zusammengesunkene Gestalt seines Großvaters auf der Bank. Pocker packte ihn von hinten. „Keine Angst. Es geht ihm gut. Er hat nur das Bewusstsein verloren.“ Friedrich war erleichtert und traurig. Die Trennung von den Pockers kam so plötzlich. „Geh schon,“ sprach Pocker zärtlich und strich ihm über das Haar. Friedrich umarmte die beiden kurz und stieg in die Kutsche, denn er wusste, dass er wieder heim gehen würde. Dieses war die beste Gelegenheit für Pocker, unentdeckt zu bleiben. Die Kutsche konnte weiterreisen.

Friedrich konnte noch nicht ahnen, unter welch merkwürdigen Umständen sie sich viel später wiederbegegnen würden. Ein zartes Band war geknüpft zwischen dem adligen Sprössling und den heimatlosen Waldwanderern. Viele, viele Jahre wird er es gar nicht spüren bis es sich ein Vierteljahrhundert später unter ganz anderen Vorzeichen schmerzhaft spannen wird.

Erstmal TACHCHEN

Was für eine Freude, dass der Dialog wieder frisch entflammt ist. Da werde ich natürlich gerne mein ganz persönlichen Pojekte zurückstellen und weiter hier schreiben.
Den Kierkegaard, den lasse ich allerdings eiskalt im Regen stehen, denn da kann ich aktuell noch nicht die nötige Tiefe in Diskussion einbringen.
Beginn Einwand: Glauben können soll die Verzweiflung stillen? Das ist aus meiner Sicht zu einfach. Womöglich von Gott gegeben, von Gott genommen als Interpretation des Schmerzes bei Verlust? Nein, das kann es nicht sein. Der Wille des Individuums steht bei mir höher im Kurs. Dem steht der Balsam des Glaubens gar nicht im Weg, aber er ersetzt doch keinesfalls die eigenen Schritte auf dem Weg, der mal mit Scherben, mal mit Blumen bestreut ist. Schluss Einwand.
Wir werden möglicherweise noch einiges lernen aus dem Weg unseres Helden. Das hoffe ich. Vielleicht könnten wir unseren Helden im Spiegel verschiedener Philosophien als köstliche Exkurse einbringen? Da würde ich mir glaube ich Nietzsche vornehmen (um einem göttlichen Einwurf zu entgehen :).
So: und jetzt soll die Geschichte endlich weitergehen. In dem ersten Teil der Geschichte, die 1676 spielt, fehlt noch eine wichtige Person, die ich der Historie fast unterschlagen hätte. Oh weh, Du musst besser Acht geben Pocc.

Montag, Februar 06, 2006

Samstag, Februar 04, 2006

Wo aber bleibt Gott?

Überaus verehrte Lem, geneigte Leserschaft: Hiermit möchte ich mich entschuldigen für meine asoziale Schreibblockade. Ich weiß: Es ist nicht zu entschuldigen, eine Diva hängen zu lassen. Sie so zu verärgern, dass sie alles hinwerfen will. Und so das zarte Poccblog-Pflänzchen verdorren zu lassen. Nein, es ist nicht zu entschuldigen. Nackte Angst, einem virtuellen Fememord zum Opfer zu fallen, trieb mich zurück. Und die zärtliche Neigung zur Dichterin.

Zunächst muss ich meine philosophische Bringschuld begleichen. Es geht um Kierkegaard, um Verzweiflung und Lebenslust. Die Ausgangsfrage lautete: suchen wir den seelischen Schmerz, um unsere Existenz spüren zu können? Das war es doch im Kern, nicht wahr liebe Lem? Du zitierst den alten Dänen als Kronzeugen herbei. Wie immer bewundere ich dein Gespür für Texte und deine Klugheit, denn das Beispiel ist gut gewählt. Der zur Reflexion befähigte Mensch wird sich erst in Krisensituationen, also durch Schmerz, seines Selbst bewusst. Im gleichen Moment verzweifelt er darüber, dieses und kein anderes Selbst zu haben. Der schmerzhafte Prozess hat aber auch sein Gutes: erst dadurch wird sich der Mensch seiner Freiheit bewusst im Gegensatz zum stumpfen Tier. Schmerz, Selbstfindung, Verzweiflung – alles in schöner Eintracht wie in deiner These.

Und doch ist Kierkegaard nichts weniger als ein Apologet der Verzweiflung, des Schmerzes und des nur auf sich selbst bezogenen Selbst. Keineswegs sagt K., dass der Mensch den Prozess der schmerzhaften Selbstfindung durchleben SOLL. Vielmehr ist dieser Pfad „Sünde“, dem er den „Glauben“ als wünschenswerte Alternative gegenüberstellt. Erinnern wir uns: Sören Kierkegaard betrat mitten im Vormärz die öffentliche Bühne. Es war eine unruhige Zeit, in der unsere heutige Gesellschaft unter heftigen Wehen geboren wurde. Und in der Gott zu sterben begann. Ohne ihn ist K. Philosophie nicht zu verstehen.

K. war sich ziemlich sicher, dass es Gott gibt – und sei es auch „nur“ als abstrakte Idee im Hegelschen Sinne. Im Unterschied zum Menschen und allen anderen Wesen ist Gott absolut frei. Und der Mensch? Ein Wesen, das sich (anders als das nur sein Dasein fristende Tier) der Zeitlichkeit und Bedingtheit seines Lebens bewusst ist und somit existiert. Aus der Erkenntnis, kein gottähnliches Selbst zu besitzen, resultiert eine Grundverzweiflung, ein Grundschmerz. Eben dies will der Mensch verdrängen: die Ästhetiker (= infantile Typen wie ich) streben nach Genuss in allen Lebenslagen und machen sich vom Sinnenleben abhängig; die Ethiker (=verantwortungsbewusste Menschen wie du) ordnen sich den Prämissen Gut und Böse unter und verleugnen dabei auch ihr Selbst. Erst der Glaubende erreicht eine neue Stufe seiner Existenz. Warum? Weil Glauben eine Leidenschaft ist, die vom Menschen Besitz ergreift und ihn seine Verzweiflung vergessen lässt. Für K. ist Glaubenkönnen das Höchste, weil es sich dem Denken entzieht und Unmögliches möglich macht. Hoffnungsspendender Glaube als Leidenschaft: das ist die Droge, die es dem Menschen erlaubt, sich von seiner schmerzhaften Selbstfindung und -kasteiung zu befreien. Denn er ermöglicht die Anerkennung der Abhängigkeit des Selbst von Gott und somit das Aufgehen in IHM. K., häufig der Verzweiflung nahe, hielt sich selbst für zu vernünftig, zu schwach für dieses Fallenlassen. Aber er hinterließ uns ein großartiges Plädoyer für die Hoffnung und den Glauben, gegen die Verzweiflung und den Schmerz. Eine Philosophie der Unvernunft im Dienste der Freiheit.

Hier schließt sich der Kreis. Wir sind wieder am Anfang angekommen, dort, wo dieser Exkurs seinen Ausgang nahm: bei der Hoffnung. Egal ob Pocker; Friedrich oder Pocc: sie alle sind verzweifelt über den vorgezeichneten Weg, wollen ein anderes Selbst, hoffen, dass das Unmögliche wahr wird. Die Zeitlichkeit ihres Daseins und die ethischen Barrieren verfluchend beten sie zu Gott, dass sie doch noch erhört werden. So sei es. Amen.

Pocc

(Bearbeitungszeit: 5 Stunden, Hilfsmittel: Kierkegaard-Mono und Hüglis Philosophielexikon)

Freitag, Februar 03, 2006

Kreativität und Leidenschaft

Wertes Publikum,
schweren Herzens kündige ich nun erst einmal Sendepause an. Da der Dialog zu einem Monolog geworden ist, werde ich nun abwarten, denn - es ist tatsächlich so - Pocchinis Weg kann nur im Duett beschritten werden.
Beschwerde-Kommentare nehme ich gerne entgegen.
Ansonsten werde ich mich jetzt wieder mehr meinem persönlichen Schreib-Projekt widmen können.
Adé und bis bald hoffentlich...
Lem