Freitag, Mai 25, 2007

Exkurs: Wollust vs. Tugend - ein lyrischer Wettstreit

Der Dichterin gewidmet.

Die Wollust.

1.

Die Wollust bleibet doch der Zucker dieser Zeit /
Was kan uns mehr / denn sie / den Lebenslauf versüssen?
Sie lässet trinckbar Gold in unsre Kehle fliessen /
Und öffnet uns den Schatz beperlter Liebligkeit;
In Tuberosen kan sie Schnee und Eiß verkehren /
Und durch das gantze Jahr / die FrühlingsZeit gewehren.
2.

Es schaut uns die Natur als rechte Kinder an /
Sie schenckt uns ungespart den Reichthum ihrer Brüste /
Sie öffnet einen Saal voll zimmetreicher Lüste /
Wo aus des Menschen Wunsch Erfüllung quellen kan.
Sie legt als Mutter uns / die Wollust in die Armen /
Und läst durch Lieb und Wein den kalten Geist erwarmen.
3.

Nur das Gesetze wil allzu Tyrannisch seyn /
Es zeiget iederzeit ein widriges Gesichte /
Es macht des Menschen Lust und Freyheit gantz zunichte /
Und flöst vor süssen Most uns Wermuthtropffen ein;
Es untersteht sich uns die Augen zuverbinden /
Und alle Liebligkeit aus unser Hand zuwinden.
4.

Die Ros' entblösset nicht vergebens ihre Pracht /
Jeßmin wil nicht umsonst uns in die Augen lachen /
Sie wollen unser Lust sich dienst- und zinsbar machen /
Der ist sein eigen Feind / der sich zu Plagen tracht;
Wer vor die Schwanenbrust ihm Dornen wil erwehlen /
Dem muß es an Verstand und reinen Sinnen fehlen.
5.

Was nutzet endlich uns doch Jugend / Krafft und Muth /
Wenn man den Kern der Welt nicht reichlich wil genüssen /
Und dessen Zuckerstrom läst unbeschifft verschüssen /
Die Wollust bleibet doch der Menschen höchstes Guth /
Wer hier zu Seegel geht / dem wehet das Gelücke /
Und ist verschwenderisch mit seinem Liebesblicke.
6.

Wer Epicuren nicht vor seinen Lehrer hält /
Der hat den Weltgeschmack / und allen Witz verlohren /
Es hat ihr die Natur als Stiefsohn ihn erkohren /
Er mus ein Unmensch seyn / und Scheusaal dieser Welt;
Der meisten Lehrer Wahn erregte Zwang und Schmertzen /
Was Epicur gelehrt / das kitzelt noch die Hertzen.


Die Tugend.

1.

Die Tugend pflastert uns die rechte Freudenbahn /
Sie kan den Nesselstrauch zu Lilgenblättern machen /
Sie lehrt uns auf dem Eis und in dem Feuer lachen /
Sie zeiget wie man auch in Banden herrschen kan /
Sie heisset unsern Geist im Sturme ruhig stehen /
Und wenn die Erde weicht / uns im Gewichte gehen.
2.

Es giebt uns die Natur Gesundheit / Krafft und Muth /
Doch wo die Tugend nicht wil unser Ruder führen /
Da wird man Klippen / Sand und endlich Schifbruch spüren /
Die Tugend bleibet doch der Menschen höchstes Gutt /
Wer ohne Tugend sich zu leben hat vermessen /
Ist einem Schiffer gleich / so den Compaß vergessen.
3.

Gesetze müssen ja der Menschen Richtschnur seyn /
Wer diesen Pharus ihm nicht zeitlich wil erwehlen /
Der wird / wie klug er ist / des Hafens leicht verfehlen;
Und läuffet in den Schlund von vielen Jammer ein /
Wem Lust und Uppigkeit ist Führerin gewesen /
Der hat vor Leitstern ihm ein Irrlicht auserlesen.
4.

Diß / was man Wollust heist / verführt und liebt uns nicht /
Die Küsse so sie giebt / die triffen von Verderben /
Sie läst uns durch den Strang der zärtsten Seide sterben /
Man fühlet wie Zibeth das matte Hertze bricht /
Vergifter Hypocras wil uns die Lippen rühren /
Und ein ambrirte Lust zu Schimpf und Grabe führen.
5.

Die Tugend drückt uns doch als Mutter an die Brust /
Ihr Gold und Edler Schmuck hält Farb und auch Gewichte /
Es leitet ihre Hand uns zu dem grossen Lichte;
Wo sich die Ewigkeit vermählet mit der Lust.
Sie reicht uns eine Kost / so nach dem Himmel schmecket /
Und giebt uns einen Rock / den nicht die Welt beflecket.
6.

Die Wollust aber ist / als wie ein Unschlichtlicht /
So helle Flammen giebt / doch mit Gestanck vergehet /
Wer bey dem Epicur / und seinem Hauffen stehet /
Der lernt wie diese Waar / als dünnes Glas zerbricht /
Es kan die Drachenmilch uns nicht Artzney gewehren /
Noch gelbes Schlangengift in Labsal sich verkehren.



(Gedicht des Barockdichters
Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau (1617-1679),
erstmals publiziert im Geburtsjahr unseres Helden,
zitiert nach der Fassung im Projekt Gutenberg)

Dienstag, April 24, 2007

Exkurs: Angst im Abendland

So lautet der deutsche Titel des Klassikers von Jean Delumeau, mit dem ich endlich auf Deinen Angst-Artikel antworten möchte, teure Lem! Der Mensch der Frühen Neuzeit hatte permanent Angst. Im dämonischen Orchester der Angstbringer spielte selbstverständlich die Frau als „Agentin Satans“ die erste Geige – das soll uns hier aber ausnahmsweise nicht weiter interessieren. Angesichts des bedrückenden Endes Friedrich Pockers widme ich mich den Zwillingen Krankheit und Tod – von denen Philippe Ariès schreibt, dass die „närrische Angst“ vor ihnen im 17. und 18. Jahrhundert „über die Ufer des Imaginären getreten“ sei.

Woran erkrankte und starb der Mensch des Barock? Was trat als reale Angst in sein Leben? Eines ist sicher: Der omnipräsente Zuchtmeister namens „Schwarzer Tod“ lag um 1700 selbst in den letzten Atemzügen. Der alte Mann hatte der noch älteren Europa nicht nur über 300 Jahre lang allerlei lästige Plagegeister vom Leibe gehalten, sondern ganz nebenbei für erhebliche Bewegung in der ach so statischen mittelalterlichen ordo gesorgt. Entwurzelte Bauern scherten sich nicht mehr um ihre Grundherren, sondern flohen in die leergefegten Städte. Irrwitzige Gotteslästerer verzeichneten trotz peinlicher Befragung und Scheiterhaufen eine wachsende Fangemeinde. Und inmitten des Chaos kommt es zu DER Wiedergeburt schlechthin. Das Abendland schenkt dem Papst und seinen italienischen Fürstenbrüdern Ablassgroschen, Italiens Künstler schenken dem Abendland dafür Licht, Kraft und Lebensfreude (leider ist dieser Tauschhandel so direkt nie zustande gekommen – hätte Luther sonst solch ein Theater gemacht?)
Aber es gab ja noch genügend andere pathologische Schreckgespenste. Delumeau berichtet vom „Englischen Schweißfieber“, von Ruhr, Typhus und Pocken, die im 15.-18. Jh. nicht gerade untätig waren. Im Hinblick auf unseren Pocker scheiden sie aber aus, denn der gute Mann stirbt ganz allein und nimmt Niemanden mit auf seiner Reise ins Schattenreich. So galt es tiefer zu bohren, z.B. im Verbundkatalog. Dieser wies mir den Weg zu einer vorzüglichen Monographie mit dem vielversprechenden Titel „Homo patiens“. Es handelt sich um die Dissertation von Michael Stolberg, der in sicher mühsamer Archivarbeit Selbstzeugnisse von Kranken des Zeitraums 1550-1800 ausgewertet und daraus ein Panorama ihrer Selbstwahrnehmung, Ängste und Hoffnungen entwickelt hat. Das Werk ist zu Recht gelobt und nochmals gelobt worden – es ist nicht nur ein methodischer Meilenstein, sondern auch gut geschrieben und noch besser strukturiert. Sein partieller Handbuchcharakter erlaubt es mir, rasch die klangvollsten zeitgenössischen Krankheitsbilder und Todesursachen aufs Papier zu werfen: Blutfülle, Schlagfluß, Schärfen, Gicht, Rheumatismus, Rotlauf, Scharbock, Franzosenkrankheit, Winde, Verschleimung, Stockungen, Krebs, (krankhafte Hitze), Dämpfe, Fieber, Schwindsucht, Zehrfieber, Wassersucht, Verausgabung. Der Mensch der Frühen Neuzeit hatte also keine Zeit zur Langeweile (Stichwort „Ennui“ - hierzu gibt es bald einen separaten Beitrag) oder gar zur Einbildung des Krankseins – pfui Molière! Nein, er war wirklich ständig krank.

Kommen wir ENDLICH! zur Diagnose des Leidens unseres leider heimgegangenen Patienten Pocker. Eine Epidemie war es nicht; Gicht, Rheuma, alle Hautkrankheiten und der Schlagfluß scheiden aufgrund andersartiger Symptome ebenfalls aus. War es etwa die „erschröckenliche“ Franzosenkrankheit? Nein, denn Pocker vergammelte nicht am lebendigen Leibe, sondern hustete schlimm und spuckte Blut. Alles deutet also auf eine Erkrankung der Atemwege und/ oder Lungen hin. Lassen wir doch den Experten Stolberg zu Wort kommen: „[…] zeitgenössische Erhebungen und Kirchenbücher ebenso wie systematische Sektionen im frühen 19. Jahrhundert deuten auf einen sehr hohen Anteil Schwindsüchtiger unter den Verstorbenen. Betroffen waren oft Menschen im besten Alter, und wie kaum eine andere Krankheit nahm das Leiden zudem meist einen heimtückisch anmutenden Verlauf aus eher unscheinbaren Anfängen, wie Husten und leichtem Fieber. Die Opfer sahen dank ihrer lebhaften Gesichtsfarbe anfangs sogar oft besonders gesund aus.“ (S. 199). Wie gemein!!! Dass diese Todesursache auch in den vorausgegangenen Jahrhunderten weit verbreitet war, zeigt diese zeitgenössische Statistik ("Schwinds." und "Brustkrankh." wurden hier getrennt gezählt, gehören aber zusammen):



Einige Patienten berichteten von blutigem Auswurf und Rippenschmerzen (S. 200) – machten sich aber weiter keine großen Gedanken. Denn noch glaubten sie an das verhängnisvolle Dogma der „Säftelehre“: Der Körper sorgt schon dafür, dass alle schädlichen Stoffe abgesondert werden – egal, ob als Schweiß, Schärfen, Dämpfe oder Samen. Und wenn es mal nicht klappte, wurde halt zur Ader gelassen oder das Klistier angesetzt.

Fast 200 Jahre später wird ein Niedersachse namens Robert Koch die wahre Ursache für Pockers Leiden enttarnen: Mycobacterium tuberculosis. Diese fiese Mikrobe verursacht bei geschwächten Menschen Tuberkulose bzw. TBC, die noch heute weltweit führende tödliche Infektionskrankheit. Der Tod des Pocker ist somit endlich – mit 300-jähriger Verzögerung – aufgeklärt. Und zwar ganz ohne forensischen Schnickschnack allein durch Beherzigung der Maxime: „Ad fontes!“

Sonntag, Februar 11, 2007

Angst vor dem Verlust der Menschlichkeit

Pocker atmete schwer. Ein grässlicher Husten schüttelte ihn, am Ende erbrach er einen Klumpen Blut, Luft konnte wieder in die Lungen eindringen. Er schloss die Augen und streckte sich vorsichtig wieder auf seinem Laubbett aus. Jeder Anfall kostete ihn so viel Kraft. Er war es einfach leid, so leid.

Heinrich hinkte heran und sah seinen Ziehvater mit großer Trauer leiden. Seine Kapuze hatte er weit über sein Gesicht gezogen.
Er löste bei Fremden immer einen Schauder aus, weil sein entstelltes Gesicht sich im Wachstumsprozess nicht zurechtgerückt hatte. Anstelle einer Nase hatte er einen fleischige Wulst im Gesicht, welche zwischen den beiden schiefstehenden Augen lag. Seine Lippen konnten seine Zähne nicht umhüllen, da die Oberlippe mit der Wulst verwachsen war.

Eine Träne rollte über seine Beulen. Er schmeckte das Salz auf der Unterlippe. Er atmete schwer durch den Mund. Sein Rachenraum füllte sich mit Schleim, der ja durch keine Nase den Körper verlassen konnte. Er hielt sich ein Seidentuch vor den Mund. Es war die letzte Gabe seiner Mutter gewesen, die ihn verlassen hatte. Obwohl er diese Frau aus ganzen Herzen dafür hasste, dass sie ihn verlassen hatte, konnte er dieses Unterpfand seiner Herkunft nicht aus der Hand geben. Er wischte sich die Augen. Er blickte auf den Engel und flehte ihn um Hilfe an.

In seiner Hand hielt er ein Bündel Eisenkraut. Er hatte gelernt die Pflanzen nach ihrem Aussehen zu unterscheiden. Die vielen Jahre des Waldlebens mit seinem Vater haben ihn gelehrt, alle Kräuter zu unterscheiden, ohne sie je riechen zu können. Fast sein ganzen Wissen verdankte er dem guten Pocker, den er nun seit Monaten pflegte und doch sein Leiden nicht lindern konnte. Ein tiefen Stich versetzte ihm dieses Versagen. Wenn er dem einzigen Menschen, der ihm auf dieser Welt etwas bedeutete, mit seiner Heilkunst nicht helfen konnte, dann hatte er einen Platz auf Erden nicht verdient.

Er hatte bereits Wasser zum Kochen aufgesetzt und warf das Eisenkraut in den Topf. Er schöpfte ein wenig Sud ab, tränkte altes Sackleinen damit und legte es dem Vater auf den Hals. Dieser seufzte schwach. Er räusperte sich mühevoll, legte einen Hand auf Heinrichs Arm und sagte: „Heinrich, bitte, ich will es nicht länger tragen.“ Heinrich entriss den Arm seinem zärtlichen Griff. Er wollte davon nichts hören. „Nein, Tater, das, nein, prich nit daton.“ Er wendete sich ab. „Du musst dich retten und von mir lassen. Dein Leben ist nun ohne meins wertvoller.“ Friedrich versuchte ihn mit der Hand zu erreichen. Heinrich legte den Kopf in seine Hände. Wut und Trauer hatten ihn fest im Griffe. Er würde seinen Vater nicht töten, denn er war die Welt, das Leben und das Gute in ihm. Ein neuer Hustenanfall warf den Vater von der Schlafstätte und er krümmte sich wie ein Wurm. Heinrich hielt die Hände fest an die Ohren gepresst. „Nein, oh nein...“