Sonntag, Februar 11, 2007

Angst vor dem Verlust der Menschlichkeit

Pocker atmete schwer. Ein grässlicher Husten schüttelte ihn, am Ende erbrach er einen Klumpen Blut, Luft konnte wieder in die Lungen eindringen. Er schloss die Augen und streckte sich vorsichtig wieder auf seinem Laubbett aus. Jeder Anfall kostete ihn so viel Kraft. Er war es einfach leid, so leid.

Heinrich hinkte heran und sah seinen Ziehvater mit großer Trauer leiden. Seine Kapuze hatte er weit über sein Gesicht gezogen.
Er löste bei Fremden immer einen Schauder aus, weil sein entstelltes Gesicht sich im Wachstumsprozess nicht zurechtgerückt hatte. Anstelle einer Nase hatte er einen fleischige Wulst im Gesicht, welche zwischen den beiden schiefstehenden Augen lag. Seine Lippen konnten seine Zähne nicht umhüllen, da die Oberlippe mit der Wulst verwachsen war.

Eine Träne rollte über seine Beulen. Er schmeckte das Salz auf der Unterlippe. Er atmete schwer durch den Mund. Sein Rachenraum füllte sich mit Schleim, der ja durch keine Nase den Körper verlassen konnte. Er hielt sich ein Seidentuch vor den Mund. Es war die letzte Gabe seiner Mutter gewesen, die ihn verlassen hatte. Obwohl er diese Frau aus ganzen Herzen dafür hasste, dass sie ihn verlassen hatte, konnte er dieses Unterpfand seiner Herkunft nicht aus der Hand geben. Er wischte sich die Augen. Er blickte auf den Engel und flehte ihn um Hilfe an.

In seiner Hand hielt er ein Bündel Eisenkraut. Er hatte gelernt die Pflanzen nach ihrem Aussehen zu unterscheiden. Die vielen Jahre des Waldlebens mit seinem Vater haben ihn gelehrt, alle Kräuter zu unterscheiden, ohne sie je riechen zu können. Fast sein ganzen Wissen verdankte er dem guten Pocker, den er nun seit Monaten pflegte und doch sein Leiden nicht lindern konnte. Ein tiefen Stich versetzte ihm dieses Versagen. Wenn er dem einzigen Menschen, der ihm auf dieser Welt etwas bedeutete, mit seiner Heilkunst nicht helfen konnte, dann hatte er einen Platz auf Erden nicht verdient.

Er hatte bereits Wasser zum Kochen aufgesetzt und warf das Eisenkraut in den Topf. Er schöpfte ein wenig Sud ab, tränkte altes Sackleinen damit und legte es dem Vater auf den Hals. Dieser seufzte schwach. Er räusperte sich mühevoll, legte einen Hand auf Heinrichs Arm und sagte: „Heinrich, bitte, ich will es nicht länger tragen.“ Heinrich entriss den Arm seinem zärtlichen Griff. Er wollte davon nichts hören. „Nein, Tater, das, nein, prich nit daton.“ Er wendete sich ab. „Du musst dich retten und von mir lassen. Dein Leben ist nun ohne meins wertvoller.“ Friedrich versuchte ihn mit der Hand zu erreichen. Heinrich legte den Kopf in seine Hände. Wut und Trauer hatten ihn fest im Griffe. Er würde seinen Vater nicht töten, denn er war die Welt, das Leben und das Gute in ihm. Ein neuer Hustenanfall warf den Vater von der Schlafstätte und er krümmte sich wie ein Wurm. Heinrich hielt die Hände fest an die Ohren gepresst. „Nein, oh nein...“