Dienstag, April 24, 2007

Exkurs: Angst im Abendland

So lautet der deutsche Titel des Klassikers von Jean Delumeau, mit dem ich endlich auf Deinen Angst-Artikel antworten möchte, teure Lem! Der Mensch der Frühen Neuzeit hatte permanent Angst. Im dämonischen Orchester der Angstbringer spielte selbstverständlich die Frau als „Agentin Satans“ die erste Geige – das soll uns hier aber ausnahmsweise nicht weiter interessieren. Angesichts des bedrückenden Endes Friedrich Pockers widme ich mich den Zwillingen Krankheit und Tod – von denen Philippe Ariès schreibt, dass die „närrische Angst“ vor ihnen im 17. und 18. Jahrhundert „über die Ufer des Imaginären getreten“ sei.

Woran erkrankte und starb der Mensch des Barock? Was trat als reale Angst in sein Leben? Eines ist sicher: Der omnipräsente Zuchtmeister namens „Schwarzer Tod“ lag um 1700 selbst in den letzten Atemzügen. Der alte Mann hatte der noch älteren Europa nicht nur über 300 Jahre lang allerlei lästige Plagegeister vom Leibe gehalten, sondern ganz nebenbei für erhebliche Bewegung in der ach so statischen mittelalterlichen ordo gesorgt. Entwurzelte Bauern scherten sich nicht mehr um ihre Grundherren, sondern flohen in die leergefegten Städte. Irrwitzige Gotteslästerer verzeichneten trotz peinlicher Befragung und Scheiterhaufen eine wachsende Fangemeinde. Und inmitten des Chaos kommt es zu DER Wiedergeburt schlechthin. Das Abendland schenkt dem Papst und seinen italienischen Fürstenbrüdern Ablassgroschen, Italiens Künstler schenken dem Abendland dafür Licht, Kraft und Lebensfreude (leider ist dieser Tauschhandel so direkt nie zustande gekommen – hätte Luther sonst solch ein Theater gemacht?)
Aber es gab ja noch genügend andere pathologische Schreckgespenste. Delumeau berichtet vom „Englischen Schweißfieber“, von Ruhr, Typhus und Pocken, die im 15.-18. Jh. nicht gerade untätig waren. Im Hinblick auf unseren Pocker scheiden sie aber aus, denn der gute Mann stirbt ganz allein und nimmt Niemanden mit auf seiner Reise ins Schattenreich. So galt es tiefer zu bohren, z.B. im Verbundkatalog. Dieser wies mir den Weg zu einer vorzüglichen Monographie mit dem vielversprechenden Titel „Homo patiens“. Es handelt sich um die Dissertation von Michael Stolberg, der in sicher mühsamer Archivarbeit Selbstzeugnisse von Kranken des Zeitraums 1550-1800 ausgewertet und daraus ein Panorama ihrer Selbstwahrnehmung, Ängste und Hoffnungen entwickelt hat. Das Werk ist zu Recht gelobt und nochmals gelobt worden – es ist nicht nur ein methodischer Meilenstein, sondern auch gut geschrieben und noch besser strukturiert. Sein partieller Handbuchcharakter erlaubt es mir, rasch die klangvollsten zeitgenössischen Krankheitsbilder und Todesursachen aufs Papier zu werfen: Blutfülle, Schlagfluß, Schärfen, Gicht, Rheumatismus, Rotlauf, Scharbock, Franzosenkrankheit, Winde, Verschleimung, Stockungen, Krebs, (krankhafte Hitze), Dämpfe, Fieber, Schwindsucht, Zehrfieber, Wassersucht, Verausgabung. Der Mensch der Frühen Neuzeit hatte also keine Zeit zur Langeweile (Stichwort „Ennui“ - hierzu gibt es bald einen separaten Beitrag) oder gar zur Einbildung des Krankseins – pfui Molière! Nein, er war wirklich ständig krank.

Kommen wir ENDLICH! zur Diagnose des Leidens unseres leider heimgegangenen Patienten Pocker. Eine Epidemie war es nicht; Gicht, Rheuma, alle Hautkrankheiten und der Schlagfluß scheiden aufgrund andersartiger Symptome ebenfalls aus. War es etwa die „erschröckenliche“ Franzosenkrankheit? Nein, denn Pocker vergammelte nicht am lebendigen Leibe, sondern hustete schlimm und spuckte Blut. Alles deutet also auf eine Erkrankung der Atemwege und/ oder Lungen hin. Lassen wir doch den Experten Stolberg zu Wort kommen: „[…] zeitgenössische Erhebungen und Kirchenbücher ebenso wie systematische Sektionen im frühen 19. Jahrhundert deuten auf einen sehr hohen Anteil Schwindsüchtiger unter den Verstorbenen. Betroffen waren oft Menschen im besten Alter, und wie kaum eine andere Krankheit nahm das Leiden zudem meist einen heimtückisch anmutenden Verlauf aus eher unscheinbaren Anfängen, wie Husten und leichtem Fieber. Die Opfer sahen dank ihrer lebhaften Gesichtsfarbe anfangs sogar oft besonders gesund aus.“ (S. 199). Wie gemein!!! Dass diese Todesursache auch in den vorausgegangenen Jahrhunderten weit verbreitet war, zeigt diese zeitgenössische Statistik ("Schwinds." und "Brustkrankh." wurden hier getrennt gezählt, gehören aber zusammen):



Einige Patienten berichteten von blutigem Auswurf und Rippenschmerzen (S. 200) – machten sich aber weiter keine großen Gedanken. Denn noch glaubten sie an das verhängnisvolle Dogma der „Säftelehre“: Der Körper sorgt schon dafür, dass alle schädlichen Stoffe abgesondert werden – egal, ob als Schweiß, Schärfen, Dämpfe oder Samen. Und wenn es mal nicht klappte, wurde halt zur Ader gelassen oder das Klistier angesetzt.

Fast 200 Jahre später wird ein Niedersachse namens Robert Koch die wahre Ursache für Pockers Leiden enttarnen: Mycobacterium tuberculosis. Diese fiese Mikrobe verursacht bei geschwächten Menschen Tuberkulose bzw. TBC, die noch heute weltweit führende tödliche Infektionskrankheit. Der Tod des Pocker ist somit endlich – mit 300-jähriger Verzögerung – aufgeklärt. Und zwar ganz ohne forensischen Schnickschnack allein durch Beherzigung der Maxime: „Ad fontes!“